"Hörzu"-Verkauf: Mecki wird zum Zombie

Ein Kommentar von Peter Luley

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Die Axel Springer AG verkauft die "Hörzu": Bald nur noch ein Zombie?

Schafft Omas Fernsehillustrierte den Medienwandel? Der Verkauf der "Hörzu" zeigt, dass der Axel-Springer-Verlag nicht mal mehr an die Zukunft seiner stärksten Marken glaubt. Unter dem Dach der Funke Mediengruppe droht nun auch der inhaltliche Ausverkauf.

Als am 11. Dezember 1946 zum Preis von 30 Pfennig und gemäß Lizenz der britischen Militärregierung die allererste Ausgabe der "Hörzu" herauskam, gab es ein Problem: "Hörzu! erscheint in der papierärmsten Zone", wandten sich Redaktion und Verlag an ihre Leser, "wir beginnen deshalb mit zwölf Seiten, obwohl wir am liebsten gleich mit zweiunddreißig Seiten begonnen hätten." Allerdings gab es auch Verheißungsvolles zu vermelden: "Hörzu! hält den Rundfunk nur für eine Vorstufe des farbigen, plastischen Fernsehrundfunks." Diese Entwicklung zu begleiten sei eine "Verpflichtung gegenüber der Zukunft".

Bekanntlich ist seitdem nicht nur in Sachen farbiger Fernsehrundfunk allerhand geschehen. Auch das Geschäft mit dem bedruckten Papier hat sich verändert. Aus dem Mangel ist ein Überangebot geworden, speziell im Programmzeitschriften-Segment tummeln sich allzu viele Titel. Die Auflagen sinken seit langem. Und doch ist der am Donnerstag verkündete Verkauf des Traditionstitels von Axel Springer an die Funke Mediengruppe ein überraschender Schritt, der für die Zukunft der Medienbranche zu denken gibt.

Man muss kein Fan der Springer-Erzeugnisse im Allgemeinen und der "Hörzu" im Besonderen sein, um zu staunen, dass ein Unternehmen sich von einer derart starken Marke trennt. Schließlich steht die "Hörzu" nicht nur für Mecki-mäßige deutsche Wohnzimmer-Heimeligkeit, sondern in gewisser Weise auch für Kontinuität in Zeiten des Medienwandels: Weihnachten 1952, sechs Jahre nach ihrer Gründung als Rundfunk-Zeitung, ging das Fernsehen überhaupt erst auf Sendung. Im April 1963 startete das ZDF, 1967 wurde der Bildschirm farbig, Mitte der Achtziger kam das Privatfernsehen dazu.

Warum sollte die "Hörzu" den Medienwandel nicht begleiten?

Inzwischen gehören eben eine enorme Sendervielfalt und zeitflexibles Fernsehen zur Mediennutzung. Warum sollte eine Marke mit einer so gewachsenen Glaubwürdigkeit nicht auch diesen Wandel begleiten können? Zumal in einem Segment, in dem Seriosität ein Pfund wäre, mit dem sich wuchern ließe.

Mit der Goldenen Kamera verfügt das Blatt über einen eigenen Film- und Fernsehpreis, der alljährlich Publicity garantiert. Und auch wenn die einstige Auflagenhöhe von über vier Millionen in den sechziger Jahren inzwischen unerreichbar ist, gehört die "Hörzu" immer noch zu den weniger werdenden Millionensellern im deutschen Zeitschriftenmarkt - die verkaufte Auflage liegt bei etwas über 1,2 Millionen Exemplaren. Die wöchentliche Erscheinungsweise schafft eine Abgrenzung zur jüngeren 14-täglichen Konkurrenz und bietet die Chance für eine klare Positionierung.

Zudem handelt es sich nicht um den Verkauf eines mit anachronistischer redaktioneller Überbesetzung hergestellten Objekts, bei dem nun andere die fälligen Kürzungen übernehmen müssen. Lange her sind die Zeiten, da Chefredakteure wie Andreas Petzold in gleicher Position zum "Stern" wechselten oder Jörg Walberer zumindest noch mit exzentrischen Editorials Furore machte. Seit 2009 amtiert mit dem einstigen "TV Spielfilm"-Macher Christian Hellmann ein moderner Multi-Chefredakteur, der allen Programmzeitschriften des Hauses gleichzeitig vorsteht (also auch den ebenfalls verkauften Titeln "TV Digital", "Funk Uhr", "Bildwoche" und "TV Neu") und der Synergie-Potentiale bereits nach Kräften ausgeschöpft hat.

Vielleicht liegt aber auch genau hier das Problem: Offenbar hatte man bei Springer gar keine Lust mehr, die Unverwechselbarkeit der "Hörzu" zu stärken, das Versprechen eines Premium-Programmies mit relevanter Fernsehberichterstattung einzulösen und parallel einen smarten Online-TV-Guide zu entwickeln. Der diesen Februar lancierte Hochglanz-Ableger "Hörzu Reporter" konnte diesem Eindruck genausowenig entgegenwirken wie eine Homepage, die beispielsweise heute unter "News zum Fernsehprogramm" die "Beckman"-Ausgabe vom 18.7. und die Amtseinführung Tom Buhrows als WDR-Intendant (16.7.) thematisiert.

Zombifizierung der TV-Programmzeitschriften

Der Verlag glaubt offensichtlich weder daran, dass sich aus Omas Couchtisch-Accessoire ein cooler Coffeetable-Titel formen ließe noch an eine gewinnbringende digitale Erscheinungsform. Das ist nicht nur für die betroffenen Redakteure ein trauriges Zeichen. Für den ohnehin ziemlich inspirationsfreien, durchformatierten Programmzeitschriften-Markt lässt der Deal jedenfalls nichts Gutes erwarten. Bedenkt man, was nach der Übernahme des ehemaligen Gruner + Jahr-Titels "TV Today" durch Burdas "TV Spielfilm" passierte - Befüllung zweier "Gefäße" mit nahezu identischen Inhalten -, und wie die Funke Mediengruppe jüngst die "Westfälische Rundschau" zur ersten redaktionslosen Zeitung machte, liegt eigentlich nur eine Option auf der Hand.

Womöglich können ja die Funke-Manager die frisch erworbene Springer-Ware noch kostensparend mit den eigenen Titeln "Gong", "Bild + Funk" und "TV direkt" zusammenlegen. Lauter hohle Hüllen - es wäre die endgültige Zombifizierung des Programm-Markts.

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insgesamt 21 Beiträge
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1. Wer vermisst Hoerzu?
An-On 26.07.2013
OK, Hamburger Abendblatt und Berliner Morgenpost sind Traditionszeitungen, um die es schade waere. Aber Hoerzu? "Enteignet Springer" hiess es in den 60ern. Heute zerlegt sich Springer selbst und schliesst sich durch Paywalls von der oeffentlichen Wahrnehmung ab. Ich kann darin nichts Schlimmes sehen.
2. Qualitätszeitschrift
liedzeit 26.07.2013
Ein ausgezeichneter Kommentar! Was ich nicht verstehe, ist warum sich keiner der TV-Programmheftverlage traut, eine moderne Qualtitätszeitung zu machen. Ich würde gerne alle 14 Tage 3 Euro ausgeben für eine Zeitschrift, die vernünftigen redaktionellen Inhalt hat. Filmbesprechungen zu aktuellen Filmen - oder gerade im Fernsehen laufenden Klassikern, von der Qualität wie sie Dietmar Dath gerade in der FAZ zu Wolverine abgeliefert hat. Das macht Spaß zu lesen, selbst wenn der Film einen nicht interessiert. Niemand braucht die O8/15 Besprechungen, die aus der Datenbank heraus kannibalisiert werden. Keiner benötigt in Zeiten von Apps eine gedruckte Liste ALLER Sendungen. Jeden Tag sinnvolle Vorschläge für alle Rubriken. Eine differenzierte Bewertung. Was bringt es, wenn 95% aller Tatorte Daumen hoch bekommen? Hintergrundinformationen. Vernünftige Recherchen. Serien über die großen Regisseure, Genres, Technik etc. Vernünftige Interviews. Originelle Cover und nicht die immer gleichen bis zur Unkenntlichkeit retuschierten Schauspielerinnen. Eine TV-Zeitschrift möchte ich in der Qualität von 11 Freunde. Es kann doch nicht sein, dass es dafür keinen Markt gibt?
3. reizender Kommentar, aber mal ehrlich:
gastmami 26.07.2013
Wer kauft sich denn heute überhaupt noch eine Programmzeitschrift? Ich nicht, ich kenne auch eigentlich niemanden mehr. Film-Ankündigungen gibt's fast schon in jedem news-Ticker, außerdem hat das TV nicht mehr so den Stellenwert, meine ich. Ich gucke mal viel, dann wochenlang gar nicht. Geht auch ohne Programm, es laufen ja eh' überall feste Formate, ab und zu was Neues und meistens Wiederholungen. Viel tragischer finde ich wie Springer sich durch den Verkauf wahrscheinlich von elegant von sämtlichen Mitarbeitern entledigt. Den Kredit an Funke hätten sie sonst in Abfindungen investieren müssen und lange Prozesse. Das ist die eigentliche Unverschämtheit, so üppig werden die Redaktionen andererseits gar nicht mehr ausgestattet sein, als dass man sie nicht in anderen Objekten weiterbeschäftigen könnte. Die Zeche zahlen wieder alle, die Dividende kassieren nur wenige … . Können die Redaktionen nicht selbst die Titel als Management-Buy-out übernehmen? Solche Optionen müssten her anstatt Mitarbeiter verscherbeln zu dürfen wie Schach-Figuren.
4. Was soll das Hörzu-Gejammere?
BettyB. 26.07.2013
Es gibt eben nur zwei irgendwie rentable Möglichkeiten, all die TV-Zeitschriften behalten öder alle Verkaufen. Hörzu allein wäre in der Produktion und Verwaltung viel zu teuer. Das sollte auch Herr Lley begreifen, oder?
5. Mir wird bange
juniper50 26.07.2013
Die Hörzu ist ja nicht nur Fernsehen. Seit der jüngsten Seitenerweiterung ist sie da besser als die Konkurrenten sondern auch das Rundfunkprogramm ist etwas, auf das ich nicht verzichten will.
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