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Stadtschloss-Grundsteinlegung: Unser Palast der Republik

Ein Kommentar von

Grundsteinlegung: Merkels Schloss Fotos
REUTERS

Der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses symbolisiert perfekt den Geist der Merkel-Ära: Im Land herrscht schläfriges Biedermeier. Die Regierung setzt auf marktkonforme Demokratie und die Wiederherstellung nationalen Selbstbewusstseins.

Die Bilder könnten kaum unterschiedlicher sein: Kurz nachdem in Istanbul Zehntausende demonstrierten und der Taksim-Platz schließlich von der Polizei geräumt wurde, hatte in der Mitte Berlins Bundespräsident Joachim Gauck seinen Auftritt. Wie in der Türkei geht es auch hier um ein Bauprojekt - Gauck legte den Grundstein für das Berliner Stadtschloss.

Doch während das Bauvorhaben im Istanbuler Gezi-Park Proteste gegen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan auslöste, fand die Grundsteinlegung in Berlin ohne größeren öffentlichen Widerspruch statt. Sie steht für das Gegenteil der Entwicklung in der Türkei: dafür, dass sich in der Bundesrepublik unter der Regentschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel mittlerweile gesellschaftliche Apathie breitgemacht hat.

Der Wiederaufbau des Stadtschlosses war nicht ihr Projekt, sondern hat eine zwei Jahrzehnte dauernde Vorgeschichte - und doch symbolisiert der Bau den Geist ihrer Amtszeit derart perfekt, dass man in Analogie zu den Grands Projets der französischen Staatsoberhäupter von Merkels Schloss sprechen könnte.

Während ihrer Amtszeit hat sich nach den zum Teil hysterischen Debatten der Ära Gerhard Schröder eine schläfrige, biedermeierliche Ruhe über das Land gelegt. Die erweckt den Anschein, dass der Bevölkerung nichts lieber ist, als das Merkel zugeschriebene Unwort von der "Alternativlosigkeit" zu schlucken. Sowenig es der größten Oppositionspartei, der SPD, gelingt, sich in den Monaten vor der Bundestagswahl deutlich gegen die Kanzlerin zu positionieren, so wenig scheint auch der Rest der breiteren bundesdeutschen Öffentlichkeit pointierte Einwände gegen Merkel zu haben.

In der "marktkonformen Demokratie" (ein weiteres, Merkel zugeschriebenes Unwort von historischen Ausmaßen) kann man es sich anscheinend erlauben, der Liste der in Deutschland im Bau befindlichen Großprojekte von BER, Elbphilharmonie und Stuttgart 21 einen weiteren Renommierbau hinzufügen. Schon jetzt werden die Kosten für das Stadtschloss auf 900 Millionen Euro geschätzt - doch die vielbeschworenen Wutbürger gehen nicht auf die Straße.

Egal was man von den Plänen des Architekten Franco Stella hält - zukunftsweisend sind sie nicht. Anders als frühere große öffentliche Bauprojekte - etwa die Bauten Günter Behnischs für die Olympischen Spiele 1972 oder den Bonner Bundestag oder auch Norman Fosters Reichstagskuppel - signalisiert Stellas Bau nicht die Utopie eines freundlicheren, weltoffeneren Deutschland, sondern steht für ein Land, das sich zunehmend mit seiner imperialen Vergangenheit aussöhnt und das ästhetisch ziemlich konservativ geworden ist.

In Frankreich wurde die deutsche Rolle in der EU unter Merkel bereits mit der Preußens im Deutschen Reich verglichen. In anderen europäischen Ländern artikuliert man die Skepsis gegen die neu gewonnene Vorherrschaft der Bundesrepublik noch viel schärfer. Die Rekonstruktion eines Repräsentationsbaus, in dem einst die Kurfürsten und Könige Preußens residierten, liefert dem Eindruck einer zunehmenden deutschen Hegemonie ein sinnfälliges Bild.

Nicht nur in Istanbul, sondern auch in New York, Athen oder Kairo war der öffentliche Raum, besonders die großen Plätze, zuletzt ein von Soziologen beobachtetes Labor für gesellschaftliche Öffnung - dort demonstrierten die Massen. Der rückwärtsgewandte Bau in Berlin steht für eine ganz andere Demonstration: die des wiedergewonnenen nationalen Selbstbewusstseins.

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insgesamt 192 Beiträge
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1.
Robert_Rostock 12.06.2013
Zitat von sysopDPADer Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses symbolisiert perfekt den Geist der Merkel-Ära: Im Land herrscht schläfriges Biedermeier. Die Regierung setzt auf marktkonforme Demokratie und die Wiederherstellung nationalen Selbstbewusstseins. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/kommentar-zur-grundsteinlegung-am-berliner-stadtschloss-a-905268.html
Ich schlage vor, Sie lösen das Volk auf und wählen sich ein neues.
2. Verrückt
miki51 12.06.2013
Kein Geld für die Bildung, aber ein Stadtschloß muß her, am Ende vermutlich für 1,5 Mrd. Euro.
3. Selten...
tim11q 12.06.2013
...liest man so einen Kaese: Da vergleicht jemand den Wiederaufbau eines historischen Gebaeudes mit dem Kampf eines Volkes fuer mehr Freiheit. Welch verquerer Geist ist denn da am Werker?
4. Stimmt
miki51 12.06.2013
Zitat von Robert_RostockIch schlage vor, Sie lösen das Volk auf und wählen sich ein neues.
Sie haben recht, in diesem Staat stört nur eines: Der Bürger.
5. So ein Schwachsinn.
Lektorat Berlin 12.06.2013
Da hat der potthässliche Palast der Republik hingehört - der war schließlich auch ein Stück deutscher Geschichte. Den abzureißen - trotz aller Verseuchung - war genauso dämlich wie das Schloss damals zu sprengen und ist genauso dämlich, wie dessen Fassade nun wieder auffzubauen. Wir haben hier ganz entschieden wichtigere Baustellen als die potemkinsche Fassade eines gesprengten Schlosses wieder hochzuziehen. Wenn ich dann noch an die Baukompetenzen unserer hier in Berlin Verantwortlichen denke...
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