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Gespräch über "Mein Kampf": Berserkerhaft in die Kofferschreibmaschine getippt

Ein Interview von

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REUTERS

Die Titelseite von "Mein Kampf"

Es ist wieder da: Seit Januar 2016 darf Hitlers "Mein Kampf" wieder gedruckt werden. Der Germanist Albrecht Koschorke über die ermüdende Rhetorik des Buchs und die Sprach-Nostalgie von Pegida.

Zur Person
  • Franzis von Stechow/ Matthes & Seitz
    Albrecht Koschorke, Jahrgang 1958, lehrt als Professor für Neuere Deutsche Literatur und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Der Leibniz-Preisträger befasst sich mit gesellschaftlichen Einheiten wie "Staatskörper" und "Familie", zuletzt erschien sein Buch "Hegel und wir".
SPIEGEL ONLINE: Herr Koschorke, wie sind Sie an das Original von "Mein Kampf" gekommen, als Sie es zum ersten Mal lasen?

Koschorke: Ich habe es mir als PDF-Dokument aus dem Internet gezogen, da kursiert es ja. Das hat mir gereicht, ich musste in keinen universitären Giftschrank greifen. In der Hand hatte ich das Werk erst später, als ich in den USA an der englischen Übersetzung eines Vortrags über Hitler gearbeitet habe.

SPIEGEL ONLINE: Es sind zwei Bände, mit über 800 Seiten. Wie lange haben Sie gebraucht?

Koschorke: Ich muss gestehen, dass ich irgendwann aufgegeben habe, es Zeile für Zeile zu lesen. Ich glaube, dass das 99,999997 Prozent aller Leser betrifft, wenn nicht gar 100 Prozent. Mag sein, dass das in den Jahren, in denen es als politisch relevantes Buch galt, anders war. Aber es ist eines, das seine Leser verliert. Und zwar nach den Eingangskapiteln, die ja sehr autobiografisch geprägt sind: Sie sind erzählerisch und haben tatsächlich auch eine gewisse - ich will nicht sagen "literarische Qualität" - aber etwas Literarisches.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einen Essay über die Poetik von "Mein Kampf" veröffentlicht. Hat Hitler diese ermüdende Rhetorik gezielt eingesetzt?

Koschorke: Damit es keiner komplett liest? Das ist sicher zu weit gegriffen. Ich nehme an, dass Hitler, als er in Landsberg frühmorgens in seine Kofferschreibmaschine getippt hat, schon von einem berserkerhaften Furor besessen war, der Welt alles zu sagen, was er zu sagen hatte. Und nicht viel weiter gedacht hat. Die gründlichsten Leser werden wohl die Herausgeber der jetzt kommentiert erschienenen Ausgabe gewesen sein.

SPIEGEL ONLINE: Die gibt es, weil die Urheberrechtssperre von "Mein Kampf" Ende 2015 fiel. Liegt es auch am langen Verbot, dass das Buch behandelt wird wie die Büchse der Pandora?

Koschorke: Die Sorge, dass durch einen Nachdruck eine Leserschaft generiert wird, die es vorher nicht gegeben hat, habe ich schon für etwas merkwürdig gehalten, bevor die kommentierte Edition erschienen ist. Denn faktisch war das Buch ja verfügbar, man konnte es antiquarisch erstehen und mit ein paar Mausklicks im Netz aufrufen. Die Kommentatoren dachten, dass diese Ideologie schon allein in ihrer Textform infektiös ist. Aber das ist sie nicht und "Mein Kampf" auch nicht. Trotzdem befanden sich die Herausgeber in einer ungemütlichen Lage: Das Buch ist eine Blaupause für einen gigantischen Massenmord. Und sie behandeln es mit allen Regeln der editorischen Kunst, die man sonst den großen Werken und der hohen Literatur zukommen lässt.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen sie das Buch dadurch zu ernst?

Koschorke: Ja, auch. Man muss sich zwar das Konglomerat aus Lügen und Behauptungen mit Blick auf seine historische Substanz anschauen. Doch ich glaube nicht, dass das jemanden, der sich entscheidet, ein Neonazi zu sein, davon abhält, einer zu sein. Die Welt, die Hitler da gebastelt hat, ist immun gegen Gegenbeweise - auch in der kommentierten Fassung.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich Ihre Rezeption verändert zwischen dem ersten Lesen und heute?

Koschorke: Als ich angefangen habe, mich damit zu beschäftigen, schien mir das Buch stärker eine Sache der Vergangenheit zu sein - im Zusammenhang mit den Diktatoren des 20. Jahrhunderts. Man hatte den Eindruck, die Zeit sei vorbei. Auch Gaddafi, Hussein, beides schriftstellernde Diktatoren, waren weg. Man hat gerne geglaubt, es sei eine zurückliegende Epoche. De facto erleben wir jetzt in vielen Teilen der Welt eine Rückkehr autoritärer Regierungsformen. Wir sind die nicht los. Aber ich glaube nicht, dass wir uns einen Gefallen tun, wenn wir die Gegenwartsanalyse ständig in Beziehung setzen zur Erscheinungszeit des Buchs.

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"Mein Kampf": Hitler und seine Hetzschrift
SPIEGEL ONLINE: Aber wo ziehen Sie dann die Grenze zwischen heute und der gesellschaftlichen Situation, in der "Mein Kampf" erschien? Das Verlangen nach Welterklärungsgeschichten ist ja unübersehbar, siehe AfD, Pegida, Udo Ulfkotte.

Koschorke: Man sollte mit diesem Vergleich sehr sparsam sein und den Neonazis oder irgendwelchen grölenden Menschenmengen keine zu große Bedeutung beimessen. Aber die Geschichte zeigt, dass Gesellschaften in Stresssituationen ähnliche Reaktionsmuster zeigen. Und Europa steht unter Stress. Diese Unruhe lässt sich eben leicht in eine Erzählung überführen - und das ist die Erzählung der Überfremdung, mit der etwa die vom kriminellen Ausländer verknüpft ist. Übrigens Geschichten, die so häufig wiederkehren, dass man fast von einer historischen Konstante sprechen kann.

SPIEGEL ONLINE: Hitler hat sich auch explizit gegen die Presse, gegen Schreibende gerichtet: Sie seien "Gänsekiele" und "Jammerlappen, die die geistige Waffe als Schutzschild" nutzten. Klingt nach dem Pegida-Aufruf, man müsse Journalisten mit "Mistgabeln" vertreiben. Nutzen die das Vokabular aus Nostalgie?

Koschorke: Ja, da kommt Nostalgie zum Vorschein. Und man weiß: Im deutschen Sprachraum kann man die höchste Aufmerksamkeit erzeugen, indem man mit dem Nationalsozialismus kitzelt. Benutzt man das Wort "Lager", geht das durch die Presse. Das sind bekannte Techniken der Aufmerksamkeitserzeugung - Fanatismus ist eben nicht blind, sondern opportunistisch.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, die Wirkmacht des Buchs liegt auch daran, dass einfach passagenweise zitiert wurde. Wäre es konziser, hätte es nicht diese unheimliche Ausstrahlung?

Koschorke: Diese flexible Nutzung bedeutete, dass es verschiedene Grade von Kennerschaft gab - und das ist im Buch angelegt. Es richtet sich nur teilweise an den unberufenen Leser, der seine Dosis Antisemitismus abholen möchte, dafür aber in hohem Maße an jene, die vorinformiert sind und mehr wollen als pure Ideologie. Das Buch ist der Goldgrund hinter der täglichen Agitation, die im Nationalsozialismus ja vor allem über Rundfunk und Tonfilm betrieben wurde. Zudem erhalten Bücher, die nicht komplett lesbar sind, den Grad eines sakralen Buchs, wie die Bibel oder der Koran: Man entnimmt ihnen die Botschaften, die man gerade braucht. Aus solchen Büchern lässt sich das Führerprinzip besser ableiten als aus stringenten Werken: Im Besitz der ganzen Botschaft wähnen sich nur wenige.

SPIEGEL ONLINE: Mit diesem Prinzip zeigte der Kabarettist Serdar Somuncu bei seinen "Mein Kampf"-Lesungen, wie bizarr vieles klingt. Welche Passagen fallen Ihnen ein?

Koschorke: Etwa wenn man liest, wie Hitler die Schlappe bei der Kunstakademie in Wien als persönliche Niederlage darstellt und zugleich "granitene" Entschlüsse formuliert: Da sieht man schon den kleinen Mann vor sich, bei dem was schiefgegangen ist und der dann groß tönt. Man hört den Schwadronierer im Männerheim aus diesen Zeilen sprechen. Wie einmal schön gesagt wurde: Hitler ohne Terror ist Komik.

SPIEGEL ONLINE: Wieviel Ironie steckt in dem Begriff "Poetik" im Titel Ihres Essays?

Koschorke: Gar keine. Poetik ist ein "Machen mit Worten": Dass Ideologen aus dem Nichts eine Realität schaffen, macht sie zu Magiern. Es ist auffälllig, dass viele Diktatoren des 20. Jahrhunderts künstlerisch tätig waren, in Wort oder Bild. Goebbels war übrigens promovierter Germanist, also - es ist unangenehm, das zu sagen - ein Fachkollege. "Poetik" heißt eben auch, dass literarisches Schreiben nicht immer auf der Gegenseite der Macht ist. Es kann auch Propaganda sein und dem Totalitarismus dienen.

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