Konstantin Wecker in Bagdad Hundekekse für den Frieden

Das Konzert des friedensbewegten Liedermachers Konstantin Wecker in der irakischen Hauptstadt Bagdad wurde im Fernsehen gezeigt - und niemand hat's gemerkt. Eine imaginäre TV-Kritik.

Von Henryk M. Broder


Friedensbewegt: Wecker vor einem Porträt von Saddam Hussein
AP

Friedensbewegt: Wecker vor einem Porträt von Saddam Hussein

Danke Alex! Mein Neffe war extra aus Paris angereist, um mir eine Super-Schüssel auf dem Balkon zu installieren, mit der ich sämtliche Eutelsat- und Astra-Kanäle empfangen kann, über 300 Programme, darunter auch eine Menge Exoten wie Free Nepal TV und das Fernsehen der Republik von Transnistrien.

Vorher hatte ich noch gewettet, dass er es nicht schaffen würde, das irakische Fernsehen reinzuholen, aber Alex, der keinen Führerschein hat, weil er beim Autofahren immer einschläft, drehte nur an ein paar kleinen Knöpfen an einem schwarzen Kasten, und schon hatten wir es erwischt. "Bist du sicher, dass es nicht das arabische Programm der Deutschen Welle ist?", fragte ich, ebenso beeindruckt wie überrascht, "der Nachrichtensprecher sieht unserem Freund Rudi Lentz ähnlich".

Aber es war nicht die Happy Hour bei der Deutschen Welle, es war wirklich Iraqi TV. Hinter dem Sprecher hing ein Porträt von Saddam Hussein, und neben ihm stand, eine Kalaschnikow im Arm, ein Soldat und passte auf, dass der Sprecher nicht vom Text abwich. "Nur die Nachrichten werden live gesendet", sagte Alex, "alles Übrige kommt vom Band".

"Very tired but in a good mood"

Es war kurz vor 19 Uhr in Bagdad, ein paar Minuten vor 17 Uhr in Berlin. Am Morgen hatte ich im Hotel Al Rashid in Bagdad angerufen und erfahren, dass Konstantin Wecker, "Deutschlands bekanntester Liedermacher" (Wecker über Wecker), tatsächlich inzwischen mit einer "German peace delegation" in der irakischen Hauptstadt eingetroffen war, "very tired but in a good mood". Und dass er beabsichtigen würde, um 19 Uhr Ortszeit im "Künstlercafé" ein Konzert zu geben.

Ob es vom irakischen Fernsehen übertragen würde, konnte der Mann an der Al-Rashid-Rezeption nicht sagen. "Maybe yes, maybe not, inschallah!" Auf Weckers eigener Homepage (www.wecker.de) war zuletzt ein Konzert ("Stimmen gegen den Krieg und für den Frieden") am 13.12.2002 in Stuttgart angezeigt. Außerdem wurde auch eine "Reise in den Irak" angekündigt, verbunden mit der Bitte "um finanzielle Unterstützung, um Hilfsgüter wie Medikamente und Milchpulver mitzunehmen".

Seit Wochen gab es Spekulationen, dass Wecker, nach Gastspielen in Merzig, Gersthofen, Osterode, Cuxhaven und Vilshofen, unbedingt auch in Bagdad auftreten wollte. Nachdem wir die Satellitenschüssel aufgebaut hatten, beschlossen wir, uns einen orientalischen Abend zu machen. Ich holte bei Ali Baba am Winterfeldtplatz mehrere Portionen Humus, Falafel, Tabule, Tehina und Auberginenbrei, taute ein paar Pitas und Burekas auf, während Alex bei Aldi um die Ecke zwei Videokassetten von je drei Stunden Laufzeit besorgte.

Datteln gegen das Embargo

Dann kam Judith rüber und brachte den Nachtisch mit: eine Packung Datteln. Sie sahen nicht besonders gut aus und schmeckten wie Hundekekse, aber darauf kam es nicht an. Judith hatte die Datteln über die Homepage der "Gesellschaft Kultur des Friedens" (www.culture-of-peace.de) gekauft, die Weckers Reise nach Bagdad organisiert hatte. Es waren "irakische Datteln gegen Embargo und Krieg", "im Süden des Irak beschafft und unter falschen Herkunftsangaben nach Italien geschmuggelt", als "ein Akt des Widerstandes gegen den Krieg um das Erdöl".

So saßen wir in Wilmersdorf, kauten Datteln, leisteten Widerstand, unterliefen das Uno-Embargo und stärkten die irakische Wirtschaft. Alles auf einmal. Ich war gerade in der Küche, um arabischen Kaffee mit Kardamon aufzubrühen, als Alex plötzlich rief: "Das ist er!"

Tatsächlich, da war er, Konstantin Wecker, mit einer Gitarre im Arm. Er saß auf einem Stuhl auf einer viel zu großen Bühne, die mit irakischen Fahnen und Saddam-Hussein-Bildern voll gehängt war. Sollte dies das "Künstlercafé" sein? "Nimm es nicht so genau", sagte Judith, "der Palast der Republik war auch nur eine große Laube."

"Salam" und Charb"

Es war nicht zu erkennen, ob Wecker grade sang oder redete, weil die Kamera das "Cafe" in der Totalen zeigte und ein Sprecher aus dem Off irgendwas auf Arabisch erzählte. Aber zwei Worte kamen immer wieder vor: "Salam" (Frieden) und "Charb" (Krieg). Dann stand Wecker plötzlich auf, riss beide Arme nach oben und wurde vom Beifall überschüttet.

Auch die Leute sprangen auf, reckten die Fäuste in die Höhe und vereinten sich in einem Sprechchor. Nach etwa zwei Minuten setzte sich Wecker wieder hin, es wurde still im Saal, und die Kamera - es gab offenbar nur eine - zeigte den Sänger in der Nahaufnahme. Er sah müde, aber glücklich aus. Und dann sang er, nicht so kräftig, wie er es tut, wenn er sich am Klavier begleitet, aber voller Hingabe. "Wenn die Börsianer tanzen", "Der Waffenhändlertango", "Amerika", lauter Wecker-Hits, die in Bagdad so klangen wie einst die Internationale am 1. Mai vor der Kreml-Mauer.

Arabische Untertitel

Die Lieder wurden mit Untertiteln ins Arabische übersetzt. "Ich hab's gewusst", sagte Alex, "es ist nicht live, das trauen die sich nicht". Inzwischen war es 20 Uhr in Berlin, 22 Uhr in Bagdad. Wir hatten die Falafel und den Humus, die Tehina, die Tabule und den Auberginenbrei von Ali Baba restlos aufgegessen. Nur von den Embargo-Datteln war die halbe Packung übrig geblieben. Die heben wir uns zum nächsten Wecker-Konzert auf. Auf Wiedersehen in Pjöngjang!



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