Konzeptkünstler Ledare Die Mutter in meinem Bett

Tina Peterson wurde von einer Primadonna zum Callgirl, ihr Sohn Leigh Ledare vom Skateboard-Profi zum Künstler. Heute ist die brisante Mutter-Sohn-Beziehung Ledares Arbeitsmaterial. "Monopol"-Autor Adriano Sack über ein Kunstwerk im Ausnahmezustand.


"Seit ich 13 war, hatte ich Tanzstipendien", sagt die 18-jährige Tina McDonough mit Augenaufschlag: "Um eine gute Tänzerin zu sein, muss man sich opfern. Die aufregenden, himmlischen Momente während eines Auftritts sind das Ergebnis harter Arbeit. Aber für mich gibt es so viele andere wichtige Dinge: Natur, Freunde, Lesen, Malen. Ich entwerfe meine eigene Kleidung und züchte Bernhardiner. Ohne all das würde ich mich unausgefüllt fühlen."

Gut 40 Jahre später hat die ehemalige Ballettdebütantin, die nach einer unglücklichen Ehe inzwischen Tina Peterson heißt, in dem Kurzfilm "The Gift" einen etwas weniger braven Auftritt: Sie lässt sich von einem altmodisch gekleideten Mann auf den nackten, bereits leicht geröteten Hintern klatschen, schiebt eine Strass-Tiara zwischen ihre Beine und greift sich stöhnend in den Slip.



Der New Yorker Künstler Leigh Ledare hat diesen Film montiert – mit dem Rohmaterial, das ihm die Hauptdarstellerin überlassen hat, nachdem klar war, dass es sich als SM-Porno nicht verkaufen lassen würde. Ledare ist der Sohn von Tina Peterson, und er hat mit und über seine Mutter eine Serie von Fotos und Videos produziert, die in diesem Jahr in zwei New Yorker Einzelausstellungen gezeigt wurden (und in Ausschnitten in einer von Collier Schorr kuratierten Gruppenschau in der Deutsche Guggenheim, Berlin.)

Es ist eine radikal persönliche Familiengeschichte von zwei Menschen, die sich ineinanderkrallen und gegenseitig benutzen, ein ödipaler Exorzismus mit der fiebrigen Intensität eines Stücks von Tennessee Williams, ein künstlerisches Frühwerk, das an die Arbeiten von Nan Goldin und Larry Clark anknüpft, fast mehr noch an die Familiengrotesken von Robert Melee und die Fotos, die Marilyn Minter zu Beginn ihrer Karriere von ihrer seelisch instabilen Mutter machte.

Der Titel des so entstandenen Buches ist eine der Regieanweisungen, mit denen Tina Peterson in "The Gift" zur Selbstentblößung gedrungen wird: "Pretend you're actually alive" – "Tu so, als wärst du am Leben." Was für Außenstehende brutal klingt, lässt Leigh Ledare mit den Schultern zucken: "Die Männer in dem Film sind alte Freunde der Familie. Ich kenne sie, seit ich ein kleiner Junge war."

Die Bilder, die er selbst von seiner Mutter gemacht hat, zeigen eine immer noch schöne, nervöse Frau, ihr Kleiderlager und die geblümte Überdecke ihres Bettes, die Maske, die sie sich vor das Gesicht hält, während sie sich Haarspray in die roten Locken sprüht. Sie zeigen ihre blau geäderten Oberschenkel, ihren erloschenen Ausdruck auf dem Krankenhausbett und ihre Halskrause nach einem Verkehrsunfall. Und sie zeigen, wie sie ihre rasierte Vagina der Kamera entgegenreckt und wie sie ihrem Liebhaber den Penis lutscht. Die pornografischen Inszenierungen wirken bei ihr nicht verführerisch, sondern besorgniserregend. Zumal es ihr eigener Sohn ist, dessen Kamera sie sich anbietet.

Zwischen die Bilder hat Ledare in seinem Buch handgekritzelte oder auf einer Schreibmaschine gehämmerte Texte montiert. Er beschreibt eine Situation, in der er als Junge am Bett seiner Mutter sitzt. Unvermittelt wirft sie ihren Morgenmantel ab, steigt in die Dusche und legt sich hinterher nackt aufs Bett. Er stellt sich schlafend. "Ihre Augen sind geschlossen, aber ich weiß, dass sie weiß, dass ich sie beobachte", schreibt er, "ihre Nippel sind hart, das rote Haar in ihrem Schoss trocknet und wird bauschig." Ein anderer Erinnerungsfetzen trägt die Überschrift: "Mädchen, mit denen ich es machen wollte." Hier finden sich "Laura Mattson (Cheerleader)" , das Supermodel "Christie Brinkley", "Jennifer Debor, die in unserer Straße wohnte und einen Hund namens Bandit hatte und später Prostituierte wurde". Und seine eigene Mutter.

Die Arbeit schont keinen der beiden Beteiligten, ist aber auch mit einem zarten Humor versehen und mit einer Liebe, die nichts bewertet. Und Leigh Ledare, der seinen Vornamen wegen der Hauptdarstellerin in "Vom Winde verweht" erhielt, zerredet mit leiser Stimme den Verdacht, dass es sich um einen kalkulierten Tabubruch handelt.

Der Mann hat eine gesunde Moral und erstklassige Manieren. Er empört sich über den Kritiker, der seine Mutter als "Milf" bezeichnete – "Mother I'd like to fuck" –, erkundigt sich ernsthaft nach dem Befinden seines Gesprächspartners und erinnert genau, worüber er beim ersten Treffen geredet hatte. Zum Abschied lädt er auf eine Signierstunde des Künstlers Jack Pierson, überbrückt dort Gesprächspausen, indem er seine Bierflasche an der des Gegenübers reibt, und wenige Minuten später schreibt er in einer Kurznachricht, wie sehr er die Begegnung genossen habe.

Bei einem Künstler wie Jeff Koons würde man das für geschickte Pressearbeit halten (und sich eigentlich nur wundern, wo das Blumenbouquet für den Chefredakteur bleibt), nicht bei Ledare. Seine dunkel umrandeten Augen vermitteln Glaubwürdigkeit, sie haben offensichtlich schon einiges gesehen.

Er kommt aus einer sogenannten Künstlerfamilie. Sein Großvater mütterlicherseits war Dichter und Professor, bevor er sich pensionieren ließ, um seine beiden Enkel, Leigh und dessen älteren Bruder Cleon, zu Hause zu unterrichten. "Er war sehr großzügig", sagt Leigh Ledare höflich, doch auch dieser Beschützerinstinkt hatte makabere Seiten. 1999 schenkte der Großvater der Familie seiner Tochter fünf Grabstätten in Melba, Idaho, weil er glaubte, dass Cleon nicht mehr lange leben würde. Der galt schon früh als das Genie in der Familie, wurde Maler und war jahrelang heroinabhängig.

Ledares Vater spielt in seinem Werk eine Nebenrolle, denn seine Mutter brauchte und erhielt die fast ungeteilte Aufmerksamkeit. Als junges Mädchen tanzte sie bei zwei renommierten Ballettensembles, mit 21 Jahren endete diese Karriere, nicht aber ihr Bestreben, die Welt zu ihrer Bühne zu machen. Sie gab Tanzunterricht, versuchte, einen Kekshandel aufzubauen, und verkaufte sich später in Kleinanzeigen als "exotische Tänzerin". Ihr Sohn sieht dies als eine Abfolge von Rollen, die sie sich zulegte, um kein "normales Leben" führen zu müssen. In seinem Buch notiert er "Geschenke, die meine Mutter mir machte": Neben Büchern über ihre Lieblingsballerinas steht dort auch "Make-up für sich selbst, damit ich eine schöne Mutter habe".



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