Tabubruch bei Konzert in Saudi-Arabien Salman lässt junge Frauen mit dem Pop-Prinzen feiern

Es gab Popsongs - und ein wenig Propaganda: Beim Konzert des ägyptischen Stars Tamer Hosny in Saudi-Arabien erlaubte Kronprinz Mohammed bin Salman Frauen im Publikum - und brach mit uralten Tabus.

AFP

Von , Jeddah


Draußen, vor der Open-Air-Tribüne, herrscht Festival-Stimmung. Es gibt hausgemachte Hamburger und Frucht-Shakes aus Ananas und Mango, alkoholfreies Bier und Kaffee. Filterkaffee ist die neue Mode in Saudi-Arabien. Ganz nebenbei wird in aufwändig gestalteten Pavillons für Autos und Mascara geworben.

Gleich startet hier, eine Autostunde von Jeddah, am Roten Meer, die perfekteste Unterhaltungs-Show, die das neue Saudi-Arabien bisher hervorgebracht hat. "Schock-Therapie" nennt das der junge Thronfolger Prinz Mohammad bin Salman, der neue starke Mann im Königreich. Er verwandelt das konservativste Land der Welt gerade in ein moderne Marktwirtschaft, erlaubt den Frauen das Autofahren, baut Kinos und Konzerthallen. Die gesellschaftlichen Lockerungen sollen Saudi-Arabien, das wegen seiner vielen Verbote als Königreich der Langeweile verspottet wurde, für junge Menschen attraktiver machen.

Mission MBS

Über 6000 kamen am Karfreitagabend, um ein Konzert des Pop-Stars Tamer Hosny zu sehen. Die Ränge waren bis auf den letzten Platz besetzt, und zwar von Männern und Frauen. Beides wäre noch vor einem Jahr undenkbar gewesen. Musik, vor allem Gesang, wurde hier - und wird von vielen tief religiösen Menschen noch immer - als Haram angesehen, eine Sünde, die den Teufel hervorlockt. Dass hier gesungen wird, bei einem Pop-Event, zu dem erstmals beide Geschlechter zugelassen wurden, gilt im Land der beiden heiligsten Stätten des Islam als Bruch mit uralten Tabus.

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Pop-Konzert in Jeddah: Mission MBS

Bevor das Konzert startet, geschieht noch etwas Ungewöhnliches: Die Bühne wird in gleißendes Grün getaucht, die Farbe der saudi-arabischen Flagge, die Farbe des Islam. Überlebensgroße Bilder des jungen Prinzen erscheinen auf einer Leinwand. Patriotische Lieder ertönen, Soldaten der saudi-arabischen Armee sind zu sehen, moderne Kämpfer, entschlossen das Wüstenreich zu verteidigen.

Pop, Politik und das jubelnde Volk verschmelzen in diesem Moment zu einer gemeinsamen Mission, die nur einen Führer kennt: MBS, wie Mohammed bin Salman umgangssprachlich abgekürzt wird. Es ist eine packende Inszenierung mit allem, was der Westen technisch an emotionalem PR-Feuerwerk zu bieten hat.

Als Tamer Hosny endlich auftritt, kurz nach 22 Uhr, geht ein Aufschrei durch die Reihen. Das Konzert war nach nur zwei Stunden ausverkauft, nachdem die Tickets online gestellt wurden. Die Besucher kennen jede Zeile von Hosnys Lieder auswendig und singen mit, vor allem die Frauen. "Tanzen verboten" steht allerdings auf den Tickets. Als sich einige junge Frauen dennoch hinreißen lassen und begeistert aufspringen, mahnen die zahlreichen Konzertbetreuer sofort zur Zurückhaltung.

Schleierlos und mit offenem Haar

Hosny, 40 Jahre alt, ist Ägypter und ein Superstar der arabischen Welt. Auch in Europa ist er inzwischen bekannt, gerade hat er eine Tournee beendet. Sein Romantik-Pop begeistert vor allem die jungen Araber, ist aber auch bei der Schwiegermutter noch akzeptabel.

Die Vorband spielte noch im traditionellen Thawb, dem weißen langen Kleid der arabischen Männer, Hosny selbst dagegen kommt im eng sitzenden Anzug mit Fliege, trägt einen kurz getrimmten Vollbart. Damit entspricht der Pop-Sänger dem gültigen arabischen Schönheitsideal. Auch seine Band trägt westliche Kleidung.

Am Ende bedankt sich Hosny artig, dass sein Auftritt hier in Saudi-Arabien möglich war: Ein "Traum" sei wahr geworden, sagt er. Die Fans verlassen geordnet die Arena, um noch einen Saft an den mobilen Bars zu trinken. Die Stimmung ist ausgelassen. Kaum eine Frau kam noch in schwarzer Abaya, dem alles verhüllenden, bisher obligatorischen Kleidungstück. Die meisten ersetzten den schmucklosen Umhang durch eine modische Version aus weissem Chiffon oder ein tailliertes Mantelkleid in Rosa und Hellgrau, viele kamen schleierlos und mit offenem Haar.

Auf dem Nachauseweg haben die meisten ein Lied auf den Lippen. Das einzige Chaos verursachen die Fahrer, die die vielen Konzert-Besucherinnen abholen müssen. Vom Teufel hingegen fehlt jede Spur.



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