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Kooperation von WDR und WAZ: Zehn Argumente gegen den Netzklüngel

Der Westdeutsche Rundfunk wird ab März seine regionalen Nachrichtenvideos auch an das Web-Portal "Der Westen" der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" verkaufen. Da wächst zusammen, was nicht zusammen gehört, meint Medienexperte Robin Meyer-Lucht.

Der mächtige nordrhein-westfälische Zeitungskonzern WAZ will seine digitale Zukunft absichern - und baut dabei ausgerechnet auf die Hilfe seines öffentlich-rechtlichen Nebenbuhlers WDR. Heute stellten die beiden Medienhäuser in Düsseldorf die Eckpunkte ihrer Online-Kooperation vor: Demnach wird die WAZ in ihr Portal "Der Westen" regionale Videos aus der WDR-Mediathek einbinden. Die Übernahme erfolgt unverändert und mit dem Logo des WDR, so dass der öffentlich-rechtliche Urheber für die Nutzer erkennbar bleibt. Die WAZ zahle für die Videos einen "marktüblichen", vorerst unbekannten Preis. Zudem wollen beide Medienhäuser künftig bei der Werbevermarktung zusammenarbeiten.

Online-Mediathek des Westdeutschen Rundfunks: "Der WDR braucht das Geld der WAZ nicht"
WDR

Online-Mediathek des Westdeutschen Rundfunks: "Der WDR braucht das Geld der WAZ nicht"

"Die Zusammenarbeit ist ein gutes Signal für das Medienland Nordrhein-Westfalen, sie dient auch den Bürgerinnen und Bürgern, die an hochwertigen Programmen und verlässlichen Nachrichten interessiert sind", sagte WDR-Intendantin Monika Piel. WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach sagte, die unterschiedlichen Unternehmenskulturen und der medienrechtliche Spielraum mache die Kooperation nicht leicht. Die Kooperation der beiden Unternehmen, "verbunden im Wunsch ihren Kunden Qualitätsjournalismus zu bieten" könne aber "medienpolitisch Schule machen". Man werde die Erfahrungen gerne weitergeben.

Der WDR produziert neben seiner Hauptnachrichtensendung "aktuellen Stunde" täglich elf regionale TV-Nachrichtensendung unter dem Titel "Lokalzeit". Er verfügt damit über eine flächendeckende regionale Videoberichterstattung, wie kaum eine andere Medienorganisation in Deutschland. Die WAZ fasst seit Herbst letzten Jahres ihre fünf Zeitungstitel in Nordrhein-Westfalen unter dem Online-Dach von "Der Westen" zusammen. Das Angebot litt zunächst unter einer Wachstumsschwäche, erholte sich aber zuletzt. Angeregt hatte die Kooperation NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers auf dem Medienforum seines Landes im vergangenen Juni.

Die WAZ-WDR-Kooperation sorgt für einiges Stirnrunzeln in der Branche und bei anderen Rundfunkanstalten. Tatsächlich geht von der Zusammenarbeit eher ein falsches Signal für die bundesdeutsche Medienordnung aus. Hierfür lassen sich eine ganze Reihe von Gründen aufzählen:

  • Die Kooperation ist ein politischer Ablasshandel: Der WDR geht die Zusammenarbeit mit der WAZ auch deshalb gerade jetzt ein, um die Ablehnungsfront der Zeitungsverleger gegen eine weitere öffentlich-rechtliche Online-Expansion aufzuweichen. Der WDR tauscht hier Inhalte gegen medienpolitische Zugeständnisse

  • Die Aufgabe der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten gerade in der digitalen Medienwelt ist fraglos: mit Hilfe von Gebührenmitteln anders zu sein als die privatwirtschaftlichen Angebote – nicht deren Zulieferer. Die Kooperation verwischt die Konturen der dualen Medienordnung zusätzlich.

  • Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sollten im Netz schlicht "Hypersyndizierung für alle" betreiben: Jeder sollte die öffentlich-rechtlichen Inhalte nach bestimmten Regeln in seine Website einbinden können, wie von YouTube bekannt. Auf diese Weise würden die gebührenfinanzierten Inhalte allen gleichermaßen zur Verfügung stehen.

  • Die Kooperation forciert die Selbstkommerzialisierung öffentlich-rechtlicher Inhalte: Der WDR wird zukünftig auch erwägen, welche Inhalte sich besonderes gewinnträchtig an die WAZ weiterverkaufen lassen – ein völlig falscher Anreizmechanismus.

  • Die WDR-Inhalte werden auf dem WAZ-Portal "Der Westen" mit einem WDR-Logo präsentiert werden. Dies führt zu einem für den Nutzer kaum noch nachvollziehbaren Markenwirrwarr – ganz abgesehen vom juristischen Minenfeld dieses öffentlich-rechtlich-privaten Hybriden.

  • Der WDR braucht das Geld der WAZ nicht. Er erhält durch die Gebührenmittel eine mühsam von einer Kommission ermittelte bedarfsgerechte Versorgung.

  • WDR und WAZ werden aufgrund ihrer wirtschaftlichen Verknüpfung unkritischer miteinander umgehen. Eigentlich sollten sie einander als Antagonisten gegenüberstehen. Die Kooperation macht WAZ und WDR zu Kumpanen in einem latenten Meinungskartell.

  • Die Kooperation vermindert die Vielfalt der Meinungen und des Angebots. Die WAZ wird nun – bei allen Beteuerungen – weniger Online-Videos selbst erstellen oder einkaufen. Den publizistischen Wettbewerb um die bessere Berichterstattung ersetzt die Zusammenarbeit durch eine Einfalt auf zwei Plattformen.

  • Mit der Kooperation greift der WDR mit seinen gebührenfinanzierten Inhalten drastisch in den Zuliefermarkt für aktuelle journalistische Online-Videos ein. Nachrichtenagenturen und andere Produzenten haben das Nachsehen. Da hilft es wenig, dass der WDR seine Inhalte angeblich zu marktüblichen Preisen abgibt.

  • Das große Vorbild der Öffentlich-Rechtlichen hierzulande, die BBC, lizenziert überhaupt keine aktuell-journalistischen Videoinhalte an private Anbieter. Sie hat dies noch nicht einmal öffentlich erwogen – aus vielen guten Gründen.

Die Zusammenarbeit von WAZ und WDR ist vorerst auf eine einjährige Pilotphase begrenzt. Zugleich stehen mehrere weitere privat-öffentlich-rechtliche Kooperationen bei Online-Videos kurz vor dem Abschluss. Die ARD verabschiedete dazu kürzlich Leitlinien, wie solche Verträge auszusehen haben. Auch das ZDF plant laut eigener Ankündigung eine Zusammenarbeit mit einem Verlagshaus, im Gespräch sei die "Süddeutsche Zeitung", heißt es. Der Bayerische Rundfunk denkt Spekulationen zufolge über eine Kooperation mit "Focus online" nach.

Spätestens im Herbst dieses Jahres muss die Politik im Zuge des zwölften Rundfunkstaatsvertrags definieren, welche Aufgaben die öffentlich-rechtlichen und privaten Anbieter im Internet erfüllen sollen. Die derzeitige Hybridisierung wird die Entscheidung nicht vereinfachen.


Robin Meyer-Lucht leitet das Medienforschungs- und Beratungszentrum Berlin Institute und ist Autor zahlreicher Publikationen, darunter "Nachrichtensites im Wettbewerb", 2005

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