Kreative ARD Erhebt euch, Moderatoren!

Wie macht man Fernseh-Fossilien Beine? Man lässt die Moderatoren stehen. Bei "Tagesschau", "Tagesthemen" und "Nachtmagazin" wird demnächst nicht mehr im Sitzen gearbeitet. Und das ist nicht die einzige Neuerung.


Jan Hofer, Eva Herman, "Tagesthemen"-Moderator Wickert: Aufrecht in die Zukunft
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Jan Hofer, Eva Herman, "Tagesthemen"-Moderator Wickert: Aufrecht in die Zukunft

1997 ging es noch um Ulrich Wickerts Sakkos und Hemden. Die waren zu auffällig, zu blau, zu gestreift. Damals bekamen "Tagesschau", "Nachtmagazin", "Wochenspiegel" und "Bericht aus Bonn" ein neues Design verpasst: Statt vor grauem Hintergrund saßen die Moderatoren plötzlich vor einer blau leuchtenden Weltkarte - Wickerts goldknopfbewehrte Edelblazer passten nicht mehr ins Bild.

Erstmals engagierte die ARD sogar eine Modeberaterin; Ulrich Deppendorf, früherer Chefredakteur des ARD-Hauptstadtbüros, erklärte mit dem Charme des Fachverkäufers: "Bevorzugt werden klassische Stoffe und Schnitte, modisch und dabei unaufdringlich." Es ging um die Sicherung des seriösen Rufs, nicht um kreative Statements - eine Einstellung, die sich letztlich bis heute nicht geändert hat.

Der Aufstand, den der öffentlich-rechtliche Sender seinen Moderatoren und Sprechern jetzt verordnet hat, ist dementsprechend gemäßigt: Wickert & Co. sollen ab kommenden Montag im Stehen moderieren, es bleibt ihnen aber eine Art Sitz- bzw. Stehhilfe inklusive gepolsterter Lehne. Ziel der Übung ist mehr Bewegung, Dynamik und Flexibilität in die Nachrichtenformate zu bringen.

Dafür soll es eine Reihe von Elementen geben, "die der Redaktion erweiterte Spielräume in der Präsentation der Sendungen schaffen", wie NDR-Programmdirektor Volker Herres heute der Nachrichtenagentur ddp verriet. Im Klartext: Es gibt einen zusätzlichen Monitor für Expertengespräche, außerdem Infotafeln zur Erklärung komplexer Sachverhalte und mehr Beinfreiheit für die Moderatoren. Die können nämlich demnächst auch durchs Studio streifen - als Schrittmacher für die laufenden Ereignisse.

Am Ende wird alles viel visueller, ansprechender - im Computersprech: benutzerfreundlicher sein. Mehr optische Elemente, das heißt Grafiken und Einblendungen, sollen dafür sorgen, dass der Zuschauer schneller im Bilde ist. Vor allem für die längeren Nachrichtensendungen wie die "Tagesthemen" erhofft man sich von den Neuerungen eine Auflockerung. Locker sieht dem Ganzen auch TV-Veteran Ulrich Wickert entgegen, der das neue Outfit als großen Schritt nach vorn bewertet. Weil vorn hier vor allem zeitlich zu verstehen ist, empfiehlt sich kurz ein Blick auf das, was die ARD erwartet:

Neben der ab 2006 einsetzenden Verkürzung der ARD-Polit-Magazine, die bislang annähernd jede Interessengruppe von Gewerkschaften bis Rundfunkräten auf die Palme brachte, ist der Gang vors Verfassungsgericht geplant. Weil die Länder die Empfehlungen der Gebührenkommission nach unten korrigierten, machten die ARD-Intendanten bei ihrer gestrigen Tagung mit ihrer Drohung ernst und beschlossen eine Klage in Karlsruhe.

Und dann ist da noch der Schleichwerbungs-Skandal: Nachdem es in der ARD-Serie "Marienhof" zu fragwürdigen Ähnlichkeiten zwischen Set-Kulissen und real existierenden Reisebüros kam, untersucht nun die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KMPG die Vorgänge um das Product Placement bei der vom Sender beauftragten Produktionsfirma Bavaria.

Jede Menge Krisen und Konflikte, die nur angehen kann, wer agil ist und auf dem Sprung. Wie demnächst die ARD-Moderatoren.



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