Kreml-Sender Russia Today: "Wenn Russland Krieg führt, ziehen wir mit in die Schlacht"

Von , Moskau

"Objektivität gibt es nicht": Russia-Today-Chefredakteurin Simonjan zeigt Präsident Putin im Juni das neue Studiogebäude Zur Großansicht
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"Objektivität gibt es nicht": Russia-Today-Chefredakteurin Simonjan zeigt Präsident Putin im Juni das neue Studiogebäude

Mit dem Auslandssender "Russia Today" will Wladimir Putin den westlichen Medien Paroli bieten - und seine Gegen-Propaganda ist erstaunlich erfolgreich. Im Interview spricht die Chefredakteurin über ihren Neuzugang Larry King und die Einseitigkeit von CNN und BBC.

Präsident Wladimir Putin hat dem Kanal aufgetragen, "das Monopol der angelsächsischen Massenmedien zu brechen". Damit scheint Moskau Erfolg zu haben. In US-Großstädten haben die Russen mehr Zuschauer als jeder andere Auslandssender. In Washington schauen 13-mal so viele Menschen das Programm von Russia Today wie das der Deutschen Welle, in Großbritannien gucken zwei Millionen Menschen Russia Today. Und bei YouTube hat der Sender aus Moskau die Schallmauer von einer Milliarde Videoabrufen durchbrochen - als erste TV-Station überhaupt.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Sender sieht sich als Gegengewicht zu den großen US-Kanälen. Wie haben Sie ausgerechnet die 79-jährige CNN-Legende Larry King anwerben können?

Simonjan: Das müssen Sie ihn fragen. Ich weiß aber, dass er sich sehr freut, in den Ring zurückzukehren.

SPIEGEL ONLINE: Was bietet Russia Today, was King sonst nirgends findet?

Simonjan: Ich zitiere mal eine Antwort aus einem seiner jüngsten Interviews: "Ich dachte, ich könnte in Rente gehen. Ich liebe die Arbeit. Ich dachte, ich würde sie nicht vermissen, aber ich tue es."

SPIEGEL ONLINE: Ihr Sender wird von der russischen Regierung finanziert. Wie lautet Ihr Auftrag?

Simonjan: Schauen Sie sich BBC und CNN an einem normalen Tag an, 80 bis 90 Prozent der Stücke sind identisch. Wir zeigen, dass es mehr als die immer gleichen zehn Geschichten pro Tag gibt. Ich sage nicht, dass man nur unser Programm gucken soll. Aber man sollte es auch schauen.

SPIEGEL ONLINE: Russische Medien beschreiben die Aufgabe Ihres Kanals drastischer. Da wird Russia Today mit dem Verteidigungsministerium verglichen. Sie selbst haben gesagt, wenn Russland Krieg führt,...

Simonjan: ...dann ziehen wir mit in die Schlacht, ja. Das gilt für die echten, bewaffneten Kriege. Erinnern Sie sich an den August-Krieg 2008? Damals haben sich fast alle westlichen Medien aufgeführt wie Verteidigungsministerien Georgiens.

SPIEGEL ONLINE: Russlands Truppen stießen damals weit auf georgisches Gebiet vor, nachdem Georgiens Präsident Micheil Saakaschwili das mit Russland verbündete Südossetien hatte bombardieren lassen.

Simonjan: Alle westlichen Sender haben die georgische Seite gezeigt. Saakaschwili war auf allen Kanälen. Man hat seine Verlautbarungen verlesen. Es hieß, Russland hätte den Krieg begonnen. Dass Russen angeblich den belebten Markt in der Provinzstadt Gori bombardierten. Wir haben sofort unsere Korrespondenten dorthin geschickt. Auf dem Markt gab es weder Spuren von Schießereien noch von Bomben. Die westlichen Kanäle zeigten überall das Leid der georgischen Zivilbevölkerung. Nur von den Südosseten, die Saakaschwili nachts mit Artillerie beschießen liess, war keine Rede. Das war nichts als progeorgische Propaganda.

SPIEGEL ONLINE: So einseitig war es nicht. Der SPIEGEL etwa hatte früh berichtet, dass es Saakaschwili war, der den ersten Schuss abgeben ließ. Eine Kommission der Europäischen Union kam zu dem gleichen Schluss.

Simonjan: Klar, hinterher! Aber wie viele Leute haben denn den EU-Bericht noch gelesen? Der Großteil der Welt denkt doch bis heute, Russland habe den Krieg ohne jeden Grund begonnen. Der böse Bär Russland fällt über das arme kleine Georgien her.

SPIEGEL ONLINE: Russlands verhält sich ja oft genug aggressiv.

Simonjan: Einspruch! Russland hat in 20 Jahren nicht einen einzigen Krieg mit einem anderen Staat begonnen. Wie viele Waffengänge hat Amerika im gleichen Zeitraum geführt? An wie vielen Kriegen hat sich Europa beteiligt?

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt dann Russlands mieses Image?

Simonjan: Der Westen hat nie die Stereotype des Kalten Kriegs überwunden. Russland hat die Sowjetunion aus freien Stücken abgeschafft. Wir waren es selbst, die eingesehen haben, dass der Kommunismus ein Fehler war, dass es falsch war, anderen Völkern unseren Willen aufzuzwingen. Wir haben den Ostblock in die Freiheit entlassen. Wir sind heute ein anderes Land mit einer anderen Mentalität, aber viele westliche Journalisten verstehen das nicht. Sie sagen ja auch, dass sich Russland aggressiv verhalte, ohne dafür Fakten zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Ziel ihres Senders objektive Berichterstattung? Oder geht es vor allem darum, einen anderen Blickwinkel zu zeigen als westliche Medien?

Simonjan: Haben Sie denn schon viele Beispiele für Objektivität gesehen?

SPIEGEL ONLINE: Es gibt das Streben nach Objektivität. Ihr Sender bietet Syriens Diktator Baschar al-Assad eine Plattform für seine Botschaften.

Simonjan: Die einen nennen Assads Gegner "demokratische Opposition". Dabei haben auch Rebellen schon Frauen vergewaltigt und Kinder getötet. Oder nehmen Sie Saakaschwili. Für die BBC ist er ein Held. Für andere ist er ein Unterdrücker der Freiheit. Objektivität gibt es nicht. Nur Annäherungen an die Wahrheit durch möglichst viele unterschiedliche Stimmen.

SPIEGEL ONLINE: Moskaus Opposition kommt bei Ihnen selten vor, und wenn, dann als Ziel von Schmutzkampagnen. Den russischen Blogger und Putin-Gegner Rustem Adagamow haben Sie der Pädophilie bezichtigt, obwohl es dafür keinen einzigen Beweis gibt.

Simonjan: Warum haben wir uns mit Adagamow beschäftigt? Weil er sich selbst öffentlich positioniert als Kämpfer für Gerechtigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Anschuldigungen stützten sich allein auf seine Ex-Frau. Sie sagt, er habe sich vor Jahren in Norwegen an einer Minderjährigen vergangen. Die Behörden dort haben aber aus Mangel an Beweisen abgelehnt, ein Verfahren zu eröffnen.

Simonjan: Wir haben keine Anklage gesendet, sondern eine Reportage. Wir haben uns um eine Stellungsnahme der Frau und auch von Adagamow bemüht. Würden Medien in Deutschland etwa nicht berichten, wenn ein Polit-Aktivist beschuldigt wird, sich an einem zwölf Jahre alten Mädchen vergangenen zu haben? Ich habe selbst mit der Frau gesprochen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass sie verrückt ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie kam es, dass Ihr Sender im Mai als erster Bilder von der Verhaftung eines CIA-Spions in Moskau zeigte? Wie eng arbeiten Sie mit den Behörden zusammen?

Simonjan: Wir haben die Bilder über eine Agentur bekommen, so wie alle russischen Fernsehsender. Das war kein Exklusivmaterial. Wir haben es nur schneller veröffentlicht als die anderen

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insgesamt 62 Beiträge
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1. Tja, liebe SPON-Journalisten,
humptata 14.08.2013
Zitat von sysopMit dem Auslandssender "Russia Today" will Wladimir Putin den westlichen Medien Paroli bieten - und seine Gegen-Propaganda ist erstaunlich erfolgreich. Im Interview spricht die Chefredakteurin über ihren Neuzugang Larry King und die Einseitigkeit von CNN und BBC. Kreml-Sender Russia Today Chefredakteurin Simonjan im Interview - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/kreml-sender-russia-today-chefredakteurin-simonjan-im-interview-a-916021.html)
da hat Frau Simonjan aber einen Haufen gute Antworten auf Eure Fragen , gelle?
2. Entzückend
albert schulz 14.08.2013
Zitat von sysopMit dem Auslandssender "Russia Today" will Wladimir Putin den westlichen Medien Paroli bieten - und seine Gegen-Propaganda ist erstaunlich erfolgreich.
Endlich ein Gegengewicht zu Reuters, dpa, UPI, AFP, AP und Spiegel. Und CNN, BBC und ARD. Alle bringen immer gleichzeitig den gleichen Rotz. Kennt man eine, kennt man alle.
3.
Ptrebisz 14.08.2013
Zitat von sysopMit dem Auslandssender "Russia Today" will Wladimir Putin den westlichen Medien Paroli bieten - und seine Gegen-Propaganda ist erstaunlich erfolgreich. Im Interview spricht die Chefredakteurin über ihren Neuzugang Larry King und die Einseitigkeit von CNN und BBC. Kreml-Sender Russia Today Chefredakteurin Simonjan im Interview - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/kreml-sender-russia-today-chefredakteurin-simonjan-im-interview-a-916021.html)
Ich fand das Interview sehr professionell. Die Fragen waren genauso kritisch wie in Interviews mit deutschen Politikern. Bussy-Bussy-Fragen sind da fehl am Platz. Und ausserdem beweist Spiegel-Online damit dass auch nicht-westliche Medien ihre Sicht der Dinge darstellen können.
4.
multi_io 14.08.2013
Zitat von humptatada hat Frau Simonjan aber einen Haufen gute Antworten auf Eure Fragen , gelle?
Bevor hier gleich wieder die Phalanx der Russland-Versteher einfällt, folgende Anmerkung zum Unterschied zwischen den USA und Russland: Russland zensiert die Presse, unterdrückt die Opposition und erlässt ein Gesetz, das jede ausländische Organisation, die im Land arbeitet, verpflichtet, sich selbst der Spionage zu bezichtigen. Derweil darf in den USA eine russische Organisation, die ganz offiziell ein Propaganda-Instrument der russischen Regierung ist und dabei ein Millionenpublikum erreicht, unbehelligt arbeiten. Darüber sollte man mal nachdenken.
5. Die Stimme Putins
ongduc 14.08.2013
wäre die bessere Bezeichnung für diesen Sender. Billigtser Antiamerikanismus und Befürworten des quasi-kolonialen Gehabes der Russen überall im Osten. Wobei CNN nicht viel besser ist, nur von der anderen Warte aus. Ich schaue beide.
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    Margarita Simonjan, 33, studierte Journalismus an der Staatlichen Kuban-Universität. 2002 wurde sie Regionalkorrespondentin beim staatlichen Fernsehsender Rossija und berichtete unter anderem von der Schulgeiselnahme von Beslan 2004. Anschließend arbeitete sie als Kreml-Reporterin für den Sender, bevor sie 2005 als Chefredakteurin zum gerade gegründeten Russia Today wechselte.

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