Berlin-Bildband Kreuzberger Steinbrüche

Wandlung statt Nostalgie: Dieter Kramers Bildband "Kreuzberg 1968-2013" ist eine höchst kenntnisreiche Stadtführung durch den lebendigsten Stadtteil der Hauptstadt Berlin. Hier bleibt kaum ein Stein lange auf dem anderen - und das ist auch gut so.

Dieter Kramer

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Es kann einem passieren in diesen Tagen, dass man in Kreuzberg auf dem Gehsteig steht, vor einem jüngst eröffneten Café, dem mittlerweile achten in der Straße seit einem halben Jahr, und man sich nicht hineintraut, weil man keinen Apple-Laptop dabei hat, aber alle, die man durchs Fenster drinnen sitzen sieht, auf den Bildschirm ihres Apple-Laptops starren, und einen das Gefühl beschleicht, dass man besser einen Apple-Laptop dabei haben sollte, wenn man hier einen Kaffee serviert bekommen will.

Es kann einem passieren, dass man daran denkt, dass hier vor zehn Jahren mal ein Friseur war, für alte Frauen mit bläulich-weißer Dauerwelle, und daneben ein türkischer Trödler, aber kein Café, keine Boutique und keine Eismanufaktur weit und breit, und während man den amerikanischen Touristen Platz macht, die aus dem Café drängen, denkt man sich, dass das doch nicht mehr das echte Kreuzberg ist. Es kann einem passieren, dass man sich plötzlich sehr alt fühlt, so alt, als hätte man bläulich-weißes Haar.

Vom Schrottplatz zum Stadtpark

Oder man nimmt Dieter Kramers Bildband "Kreuzberg 1968-2013. Abbruch, Aufbruch, Umbruch" zur Hand - und stellt fest, dass man keine Ahnung hat. Denn es gibt kein echtes Kreuzberg. Es gibt nur Kreuzberg, das sich verändert.

Der Fotograf und Autor Dieter Kramer lebt seit 1965 in Berlin, 1968 ist er in seine erste eigene Wohnung in der Lübbener Straße in Kreuzberg gezogen, 70 Quadratmeter für 70 D-Mark. Von Anfang an hat er seine Umgebung beobachtet und fotografiert, hat historische Aufnahmen und Postkarten gesammelt und Ausstellungen über Sanierungen und Stadtplanung gestaltet. Sein vier mal acht Meter großes Modell der Berliner Innenstadt hängt in der Dauerausstellung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Zu sagen, Dieter Kramer kenne sich aus in Berlin, wäre eine Untertreibung.

Sein Band gleicht einer höchst kenntnisreichen Stadtführung durch Kreuzberg von der Mühlenstraße über die Oberbaumbrücke ins Schlesische Viertel, weiter zum Görlitzer Park, dann die Reichenberger hinunter zum Kottbusser Tor, hinüber zur Admiralsbrücke und von dort wieder zur Oranienstraße bis hin zum Moritzplatz. Kramer dokumentiert die beeindruckenden Veränderungen des Stadtteils mit vergleichenden Aufnahmen, teils historischem Bildmaterial, teils selbst fotografiert.

Den Görlitzer Bahnhof beispielsweise, heute eine wenig majestätische U-Bahn-Haltestelle, zeigt Kramer in seiner historischen Form mit herrlichen Rundbögen, dann dokumentiert er die Beschädigung im Zweiten Weltkrieg und den über Jahre andauernden Abriss bis Mitte der Siebziger. Was heute der Görlitzer Park ist, ein Treffpunkt für Spaziergänger, Jogger, Grillwütige und Drogenkäufer, war noch bis 1980 ein hässliche Brache, großflächig als Schrottplatz genützt. Ausführlich zeigt Kramer auch das Pamukkale-Projekt, eine so gut gemeinte wie bestürzend schlecht ausgeführte Wohltat für die Besucher des Parks: Aus portugiesischem Naturstein wurde hier ab 1996 eine Art Amphitheater errichtet, das den Terrassen im westanatolischen Pamukkale nachempfunden war - "um den türkischen Kreuzbergern eine gewisse Identifikation mit dem Park zu ermöglichen", wie Kramer vermerkt. Leider hatte aber niemand daran gedacht, dass die Steine aus Portugal dem Berliner Winter nicht standhalten würden. So hielt das drei Millionen D-Mark teure Werk nur einen Sommer lang. Kramer hat immer fotografiert: Das Modell, den Steinbruch in Portugal, die freudige Eröffnung. Und die Ruine.

Persönlich geprägte Stadtgeschichte

Diese mehrseitige Dokumentation eines geplatzten Kreuzberger Traumes ist nur ein Beispiel für die detailreiche und liebevolle Arbeit Kramers. Er bietet dem Leser auf 220 Seiten nicht nur Fotos, sondern persönlich geprägte Stadtgeschichte, stets vom Engagement eines Bürgers getrieben, der daran glaubt, dass die genaue Beobachtung und Beachtung seiner Stadt und ihrer Bewohner Voraussetzung für deren menschenwürdige Entwicklung ist. Seine Aufnahmen der brutalen Abrisssanierungen der Siebziger, der hässlichen, früh verkommenen damaligen Neubauten im Gegensatz zum bunten, lebendigen Treiben in den vielfach "instandbesetzten" Altbauten sind Plädoyers für eine behutsame Modernisierung. Dabei weckt er niemals das Gefühl einer verklärenden Nostalgie - die ja nur Stillstand wäre.

Doch Stillstand, das vor allem lernt man aus Dieter Kramers hervorragendem Band, gibt es nicht. Und schon gar nicht in Kreuzberg.


Dieter Kramer: "Kreuzberg 1968-2013. Abbruch, Aufbruch, Umbruch", Nicolai-Verlag, 216 Seiten, 29.95 Euro



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spon-facebook-10000283853 22.10.2013
1. Der Witz.
Zitat von sysopDieter KramerWandlung statt Nostalgie: Dieter Kramers Bildband "Kreuzberg 1968-2013" ist eine höchst kenntnisreiche Stadtführung durch den lebendigsten Stadtteil der Hauptstadt Berlin. Hier bleibt kaum ein Stein lange auf dem anderen - und das ist auch gut so. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/kreuzberg-bildband-von-dieter-kramer-a-929100.html
Wandel ist gut. Außer natürlich wenn Menschen ihre Wohnungen oder Häuser an Norweger o.ä. vermieten - und das auch unverschämter Weise für einen überdurchschnittlichen Preis. Dann wird auf die "Kiezstruktur" hingewiesen ... die unbedingt erhalten bleiben muss. Auf deutsch: Ausländer raus ... Nachdem es Linke und Grünen doch sonst nicht schnell genug gehen konnte mit der Veränderung und jeder, der damit Probleme hatte diffamiert wurde. Warum wird diese Heuchellei nie in den Öffentlich Rechtlichen thematisiert?
Lektorat Berlin 22.10.2013
2. ???
Zitat von spon-facebook-10000283853Wandel ist gut. Außer natürlich wenn Menschen ihre Wohnungen oder Häuser an Norweger o.ä. vermieten - und das auch unverschämter Weise für einen überdurchschnittlichen Preis. Dann wird auf die "Kiezstruktur" hingewiesen ... die unbedingt erhalten bleiben muss. Auf deutsch: Ausländer raus ... Nachdem es Linke und Grünen doch sonst nicht schnell genug gehen konnte mit der Veränderung und jeder, der damit Probleme hatte diffamiert wurde. Warum wird diese Heuchellei nie in den Öffentlich Rechtlichen thematisiert?
Komplett an der Realität vorbei, was Sie da schreiben, aber SOWAS von! Berlins Bevölkerung besteht mittlerweile zu 42% aus Menschen mit Migrationshintergrund, teils mit, teils ohne deutschen Pass, und die Stadtteile Kreuzberg und Neukölln wären bei Ihrer Ausländer-raus-Unterstelle komplett entvölkert. Und thematisiert wird das Ganze übrigens nahezu täglich in den Öffentlich-Rechtlichen: nämlich in der Abendschau des rbb.
Sleeper_in_Metropolis 22.10.2013
3.
Schade, das es bei den Fotos zu dem Artikel keine direkten vorher-nachher-Bilder gab. In dem besagten Buch sind doch sicherlich genug davon zu sehen, oder ?
mebschmw 22.10.2013
4. Ost-Berlin ?
Echt lustig, wenn man sich Fotos aus West-Berlin aus den 70ern und 80ern anguckt. Aus heutiger Sicht kein Unterschied zu Ost-Berlin, wenn man von den anderen Autos auf den Straßen und der Werbung absieht. Das gleiche alte Pflaster, die gleichen alten Gaslaternen, die gleiche S-Bahn und vor allem die gleichen grauen Fassaden, wo kaum noch Putz dran ist. Als ich nach meiner Flucht von Ost-Berlin nach West-Deutschland im Dezember 1989 das erste Mail in meinem Leben in West-Berlin war, erstaunte mich diese Ähnlichkeit schon sehr. Ich dachte, die Häuser wären saniert, die Fassaden ordentlich. Aber in Wirklichkeit sah West-Berlin kaum anders aus als Ost-Berlin. Selbst die Neubau-Viertel waren ähnlich hässlich. Plattenbau-Siedlungen gab es beidseitig der Grenze, so wie alte Arbeiterviertel und bürgerliche Quartiere. Als die Mauer ab ca. 1993 völlig verschwunden war, konnte man z.B. in Alt-Treptow / Neukölln deren Verlauf kaum noch erkennen. Lediglich manche Straßenlaternen und Telefonverteiler waren für Insider sichere Hinweise, auf welcher Seite der ehem. Grenze man sich befand. Und heute? Zum Leidwesen der Touristen ist die Teilung fast nirgends mehr sichtbar. Ich finde das gut so, ich will in keinem Museum leben. Eine Reihe Pflastersteine durchzieht die Stadt und zeigt am Boden den ehemaligen Verlauf der Grenze an. Das und die 300m im Mauermuseum müssen genügen. Die häufigste Frage der US-Touristen bei der Berlin-Info lautet übrigens: "Where is the Fuhrerbunker?" Den hätte man ruhig erhalten sollen und 40 Euro Eintritt nehmen. Die Touris hätten das bezahlt, der Stadtkasse hätte das Geld gut getan. Aber die Angst, Ewiggestrige könnten dahin pilgern, war damals zu groß. wie man heute weiß, war die Sorge unberechtigt. In der Wolfsschanze, in Nürnberg und auf dem Obersalzberg sind Touristen und solche mit brauner Gesinnung ja auch kein echtes Problem.
Stefan Kuzmany (SPON) 22.10.2013
5. Vergleichsbilder
Zitat von Sleeper_in_MetropolisSchade, das es bei den Fotos zu dem Artikel keine direkten vorher-nachher-Bilder gab. In dem besagten Buch sind doch sicherlich genug davon zu sehen, oder ?
Tatsächlich gibt es viele vergleichende Bilder in diesem Buch, leider durften wir aber nur eine sehr kleine Auswahl publizieren.
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