Kreuzberg-Dreh des ZDF Kritik an Provo-Tour mit Sarrazin

Wollte das ZDF-Kulturmagazin "Aspekte" wirklich "ein Gespräch in Gang setzen", als es Thilo Sarrazin durch Kreuzberg begleitete? Der Dreh endete mit "Hau ab!"-Rufen, der Ex-Bundesbanker schimpfte zurück - jetzt kritisieren der Deutsche Kulturrat und türkische Organisationen die Redaktion.

Thilo Sarrazin in Kreuzberg: "Dann benimm dich mal vernünftig!"
DPA

Thilo Sarrazin in Kreuzberg: "Dann benimm dich mal vernünftig!"


Hamburg - "Wir wollten ein ernsthaftes, tiefergehendes Gespräch zwischen Sarrazin und den Menschen, über die er in seinen Statistiken schreibt", beteuert die ZDF-Reporterin Güner Balci, die den Dreh mit Sarrazin für "Aspekte" betreute. Die aggressive Stimmung sei nicht vorhersehbar gewesen.

De facto mündete der Besuch des Besteller-Autors und ehemaligen Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin im Berliner Stadtteil Kreuzberg in wilden Wortgefechten. Zwar hatte die "Aspekte"-Redaktion dem Besitzer eines bekannten Restaurants und der liberalen alevitischen Gemeinde den Besuch des "Deutschland schafft sich ab"-Verfassers angekündigt. Doch vor Ort liefen die Gemüter dann heiß.

"Wir Aleviten sind sein Jahrhunderten Opfer rassistischer Vorurteile. Wer solche Vorurteile schürt, den können wir leider nicht in unserem Haus begrüßen. Danke, dass Sie hier waren", hatte ein Vertreter der Aleviten noch höflich und ruhig erklärt. Doch als die Umstehenden dann "Sarrazin muss weg aus Kreuzberg!" zu skandieren begannen, mochte der Ex-Bundesbanker nicht mehr an sich halten. "Auf die Art bestätigen Sie Vorurteile! Sie sind keine Demokraten!" rief Sarrazin den Protestierern zu.

Inszenierter Eklat

Der provokante Dreh in dem Berliner Stadtteil, in dem viele türkischstämmige Menschen leben, entfacht die Diskussion um Sarrazin rechtspopulistische Thesen zu Einwanderung und Integration aufs Neue. Der Autor selbst fühlt sich "aus einem zentralen Berliner Stadtteil, der nach eigenem Selbstverständnis die Speerspitze der Integration in Deutschland darstellt, förmlich herausgemobbt", schreibt er in der "Bild"-Zeitung. Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) assistiert ihm im selben Blatt und spricht vom "Triumph von Psychoterror und der Macht des Straßenmobs".

"Es ist wirklich mehr als peinlich, wenn "Aspekte", ein renommiertes Kulturmagazin, es offensichtlich nötig hat, einen solch vorhersehbaren Eklat zu inszenieren", erklärte dagegen der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, am Montag. "Wer Thilo Sarrazin unter sichtbarer filmischer Beobachtung durch Berlin-Kreuzberg und Neukölln schickt", der müsse mit "wütenden Reaktionen" rechnen, so Zimmermann.

Der Türkische Bund Berlin-Brandenburg (TBB) bezeichnete den Kreuzberg-Besuch Sarrazins als "Provokation". "Wenn so einer samt Fernsehteam jetzt plötzlich nach Kreuzberg kommt, um angeblich einen kulturellen Dialog zu führen, dann will er wahrscheinlich bald ein neues Buch veröffentlichen", erklärte TBB-Sprecher Hilmi Kaya Turan.

Auch der Berliner Grünen-Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele zeigte Verständnis für die Wut der Sarrazin-Gegner und deren Unwillen, mit dem umstrittenen Autor zu diskutieren. "Herr Sarrazin hat auch mir gegenüber schon eine Diskussion seiner diskriminierenden und beleidigenden Thesen verweigert und zeigt sich völlig uneinsichtig", sagte Ströbele.

"Dieser Mann hat Menschen beleidigt!"

Den Vorwurf, mit dem Drehtermin in Kreuzberg spektakuläre Krawallbilder provozieren zu wollen, wies die "Aspekte"-Redaktion zurück. Ziel der Sendung "war es nicht, Krawalle zu inszenieren, sondern ein Gespräch in Gang zu setzen", beteuerte Redaktionsleiter Christhard Läpple. Dafür sei die kurdisch-türkischstämmige Güner Balci beauftragt worden, ein Jahr nach dem Erscheinen von Sarrazins Bestseller, diesen "als Buchautor und als deutsches Phänomen" zu porträtieren.

"Belastbare empirisch-statistische Analysen, ob die Gastarbeiter und deren Familien für Deutschland überhaupt einen Beitrag zum Wohlstand erbracht haben oder erbringen werden, gibt es nicht" hatte Sarrazin in seinem Bestseller "Deutschland schafft sich ab" geschrieben, der im Sommer 2010 erschienen war. "Für Türken und Marokkaner wird man sie sicher verneinen können. Zu groß ist das Missverhältnis zwischen der Zahl der ursprünglichen Gastarbeiter und dem dadurch ausgelösten Nachzug großer Familienverbände."

Die Bewohner Kreuzbergs schienen nur darauf gewartet zu haben, dem prominenten Autor, der ihnen auf diese Weise das Existenzrecht in Deutschland abspricht, endlich die Meinung zu geigen. Vor dem Restaurant "Hasir" im Herzen von Kreuzberg konfrontierte ein Mann mit Sonnenbrille den ungebetenen Besucher: "Dieser Mann hat Menschen beleidigt. Sie laufen jetzt hier, das ist unglaublich. Du kannst hier nicht sein!"

Sarrazin, der in seinem Buch die angeblich fehlende Integrationbereitschaft von Türken und Arabern kritisiert, fragt darauf nach der Herkunft des Mannes. Antwort: "Ich bin nicht deutscher Staatsbürger." Sarrazin: "Dann benimm dich mal vernünftig, du bist in einem anderen Land."

twi/dapd

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.