Kreuzberger Kunst-Bar Zwölf Quadratmeter plus Klo

Wie groß muss ein Ausstellungsraum sein? Klein, zumindest in Berlin. In Kreuzberg braucht man für eine tägliches Kunst-Event nur die zwölf Quadratmeter große "Forgotten Bar" - und natürlich reichlich Flaschenbier.


Schön, dass es neben den vielen professionellen Galerien in Berlin auch noch einen Ort wie die "Forgotten Bar" in Kreuzberg gibt. Der Ausstellungsraum ist zugleich Bar und Mini-Forum, in dem seit Juli jeden Tag eine andere Ausstellung aus allen künstlerischen Disziplinen zu sehen ist, in dem Filme und Videos gezeigt und Vorträge gehalten werden. Und alles auf rund zwölf Quadratmetern plus Klo. Deshalb ist der Barbetrieb auch größtenteils auf die Straße verlegt worden.

"Forgotten Bar", Berlin: Mehr als eine Häppchen-Schau

"Forgotten Bar", Berlin: Mehr als eine Häppchen-Schau

Zu verdanken ist dieser Wunderraum Maike Cruse und dem Künstler Tjorg Douglas Beer, die fast jeden Abend selbst hinter dem Tresen ihrer "Forgotten Bar" stehen. Eine Bar mit Kunst wollten sie schon immer machen, und wie, da hatten sie eine klare Vorstellung. Wenn, dann muss die jeden Abend offen sein, und jeden Abend muss was anderes zu sehen sein.

Deshalb haben sie Mitte Juni den winzigen und daher bezahlbaren Raum gleich gemietet, als sie ihn sozusagen im Vorübergehen entdeckten, denn die beiden wohnen direkt um die Ecke. Ein paar Tage haben sie gestrichen, Laminat rausgerissen, einen Kühlschrank hingeschleppt und einen Tresen eingebaut. Und "tausend Leute" angerufen. "Dann hatten wir ein Programm für Juli, haben einen Flyer gedruckt und eröffnet", sagt Cruse.

Mit Erfolg. Am ersten Abend kamen geschätzte drei- bis fünfhundert Leute und tranken ihr Flaschenbier auf der Straße. Bis heute ist es jeden Abend knallvoll, und die Begeisterung hält an, auch bei den Künstlern. Und deshalb stellt man sich jeden Abend in diesen winzigen Raum und schlägt sich die Nächte um die Ohren? Schenkt Bier aus, kocht Kaffee, kehrt zerbrochene Flaschen vor der Tür zusammen, passt auf, dass es nicht zu laut wird, damit die Nachbarn sich nicht beschweren, und räumt dann spät nachts noch auf?

"Wir wollten etwas Ergänzendes in dem ganzen Kunstbetrieb machen, zu dem wir auch gehören", sagt Cruse, "und zwar mit Spaß, ohne Inventarlisten zu schreiben, Pressemitteilungen zu formulieren, ein Aufbauteam zu organisieren und was da im Betrieb heute alles dazugehört."

Cruse kennt die Branche bestens, denn sie arbeitet als Pressesprecherin der Berliner Kunst-Werke, für die berlinbiennale und demnächst für die Art Basel. Außerdem hat sie im April 2007 zusammen mit Tjorg Beer die "Galerie im Regierungsviertel" gegründet, die Veranstalter der "Forgotten Bar" ist.

Das Konzept der Galerie ist es, keinen festen Raum zu haben, nur am Anfang gab es kurzfristig eine Glaskiste mit Adresse auf der Wiese hinter dem Regierungsviertel. "Aber dann haben wir für unsere Ausstellungen immer irgendwelche Orte von anderen genutzt, wir haben uns irgendwo reingesetzt."

Auch sonst geht es anders zu als anderswo im Kunstbetrieb. "Wir betreiben die Bar, wir laden die Leute ein, die wir interessant finden, zum Beispiel Künstler, die andere Künstler vorschlagen, Kuratoren oder Filmemacher." Die kriegen dann am Nachmittag den Schlüssel und bauen auf, meist spontan, manchmal ganz roh – oder so überraschend wie Christian Jankowski am vergangenen Wochenende.

Minutiös detaillierte Zeichnungen

Der installierte eine große Straßenlampe mit einer Lichtorgel auf dem Tresen, die nach der Musik eines angeheuerten Alleinunterhalters die Bar bunt beleuchtete. Nicht nur bekannte Künstler wie Daniel Richter oder Harun Farocki, Uwe Hennecken, Kris Martin, Thomas Scheibitz, Andreas Slominski oder Katja Strunz haben sich bisher beteiligt, auch ein Nachbar stellte aus.

Rekordverdächtig wird die bisher als vorletzte Ausstellung am 30. August angekündigte Ausstellung, weil die Kuratorin "wie verrückt" schon rund 80 Künstler eingeladen hat.

Mehr als eine Häppchen-Schau ist die letzte Präsentation im August: Am 31. zeigt Andy Mann einen Dokumentarfilm über den New Yorker Künstler Mark Lombardi, der mit seinen eleganten und minutiös detaillierten Zeichnungen die Verstrickungen zwischen wirtschaftlichen Interessenszirkeln und der politischen Welt nachgezeichnet hat, wie zum Beispiel die Verbindungen der Bush-Familie zur Bin-Laden-Familie, und der vor acht Jahren auf mysteriöse Weise umgekommen ist.

Danach sollte die "Forgotten Bar" eigentlich geschlossen und in Berlin vergessen werden, vielleicht in Mailand wiederaufleben – aber zur kommenden abc-Ausstellung und zum Artforum einen Monat später bleibt die Bar nun doch geöffnet. Ein Programm gibt es auch schon: Am 4.9. eröffnet die Gruppenschau TABULARASA, und es gibt täglich ein Videoprogramm, das "driller killer" heißt. Und danach? Ist dann wirklich Schluss?

Wer weiß, sagt Cruse, schließlich sei der Raum bis zum Februar gemietet. Dann erzählt sie noch, wie viel Spaß die Bar macht, und dass sie schon gelernt hat, wie man so was übersteht: "Wir trinken nur zwei Tage mit, sonst gibt es Pfefferminztee."


The Forgotten Bar Project, Schönleinstraße 28, 10967 Berlin-Kreuzberg.



insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
claptomane 26.08.2008
1. Zwölf Quadratmeter Klo
In Berlin braucht man eigentlich auch nur ein Sofa vor die Tür zu stellen, sich die Haare nach vorne zu kämmen, eine bunt bemalte Fackel aufzustellen und cool dazustehen. Dann vieleicht noch einen Kübel mit ganz ausgefallenen Plastikblumen aufbauen, und irgendetwas installieren, was blinkt. Verrückt....und schon kommen sie alle angerannt. Wenig später zieht dann doch wieder ein Optiker oder ein Schuhladen ein bzw. in Kreuzberg wohl eher ein "verrücktes" junges trendy fashion-plus-plus-Label mit pinken Marienkäferchen als Label-Logo...Dennoch bemerkenswertes Engagement der Betreiber ohne Zweifel. Viel Erfolg weiterhin!
Plethon 26.08.2008
2. Klo Bar
Mehr als Auffällig das Ingeborg Wiensowski hier immer bestimmte Leute, Freunde promotet. Solche Räume gibt es in Deutschland zu Hauf; von jungen "unbekannten" betrieben,oder Kunststudenten, die sogar eine viel schönere Aura haben; keine manierierte, als die hier beschriebene Klo-Bar!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.