S.P.O.N. - Der Kritiker Lasst uns nicht mehr von "IS" sprechen

Wer den Namen "Islamischer Staat" benutzt, verleiht den Terroristen Legitimität. Es ist an der Zeit, dass wir aufhören, die verklärenden Selbstbezeichnungen der Mörder und Hetzer zu gebrauchen.

Eine Kolumne von


Mörder sollte man Mörder nennen. Man könnte natürlich auch ein wenig genauer sein und von Psychopathen sprechen, von Sadisten und Quälfürsten, von messerwetzenden Monstern und faschistischen Finsterlingen, vom überzeitlichen Schrecken und vom absoluten Bösen. Genauigkeit ist wichtig.

Genauigkeit ist, im Idealfall, das Wesen der Nachrichten, der Medien, der Berichte über das Grauen unserer Gegenwart. Hintergründe, Handlungen, Ideologie: Es ist schwierig, das Grauen in Worte zu fassen, dem Grauen einen Anfang und ein Ende zu geben, ein Gesicht, einen Namen.

Ein Problem: Es könnte jeder sein. Gerade wieder in San Bernardino, ein Ehepaar, 14 Tote, angeblich inspiriert vom "Islamischen Staat". Ist das der gleiche Terror, gegen den nun auch die Bundeswehr in den Krieg zieht?

Was bedeutet das überhaupt, IS? Während sich die Mörderarmee von Abu Bakr al-Baghdadi marodierend weiter und weiter in den Irak und Syrien hineinfraß, änderte sich ihr Name, von ISIL, dem "Islamischen Staat im Irak und der Levante", zu ISIS, dem "Islamischen Staat im Irak und Syrien", zu IS, dem "Islamischen Staat" überhaupt. Dem Geländegewinn auf dem Boden entsprach ein Bedeutungsgewinn in den Medien.

Aber IS: Dieser Name ist eine Lüge und eine Beleidigung. Wer ihn benutzt, gibt den Terroristen Legitimität. Der Name bezeichnet den metaphysischen Absolutheitsanspruch, mit dem sich diese Mörder selbst berauschen. Er erfüllt ihren grausamen Plan im Semantischen. Er bestätigt alle Vorurteile gegen eine Religion von 1,6 Milliarden Menschen, nur weil 30.000 Vollidioten das so wollen.

Niedertrampeln, das trifft es doch

Das ist asymetrische Kriegsführung im Medienzeitalter. Dabei sind sie weder "islamisch", noch haben sie einen Staat.

Auch François Hollande und John Kerry werden sich das gedacht haben, als sie nach den Anschlägen von Paris nicht mehr von ISIL oder ISIS oder IS sprachen, sondern von Daesh - was im Grunde das Gleiche bedeutet, das Akronym von al-Dawla al-Islamiya fi al-Iraq wa al-Sham, nur schmutziger klingt oder schmutziger gemeint ist.

Zeba Khan verwies schon vor einer Weile darauf, dass man lieber von Daesh sprechen sollte, das wie das arabische "Niedertrampeln" klingt und damit die destruktive Praxis dieser Kriegerhorde ganz gut beschreibt. Die "Islamistischen Soziopathen" jedenfalls reagierten. Sie sollen damit gedroht haben, jedem, der diesen Namen verwende, die Zunge abzuschneiden.

Was im Grunde nur eine Aufforderung ist, sich ein paar andere Namen auszudenken, die passender sind als die sehr eitle Selbstbeschreibung, die sich diese "Irregeleiteten Suizidanten" gegeben haben. Wie wäre es zum Beispiel mit "Irrationale Seelenfischer"? Oder "Ichversessene Sexattentäter"? Oder "Ignorante Schurken"?

Im Fall des IS hat sich das Prinzip der Medien in sein Gegenteil verkehrt, weil der Name nicht neutral ist, sondern Werbung für eine "Inhumane Sekte". Der Name ist leer, falsch, verletzend allen Muslimen gegenüber, die nicht so verblendet sind, sich als "Islamistische Selbstmordattentäter" zu opfern.

Pendant zu den einwanderungsfeindlichen Rassisten

Es gibt also gute Gründe, dass man den IS nicht mehr IS nennt. Auch wenn es nichts ändert an dem Grauen der Taten: Der Name Daesh gibt einem wenigstens die gewisse Befriedigung einer angenommenen Beleidigung. Eine Art Ehrlichkeit im angstvollen Wischiwaschi unseres rhetorischen Zeitalters.

Womit wir bei der AfD wären - die ja, wenn man Slavoj Zizek folgt, mehr mit ISILISISISDaesh zu tun hat, als man denkt. "Wir sollten nicht versuchen, irgendwelche 'tieferen Motive' für die Taten der ISIS-Terroristen zu suchen", schrieb Zizek nach den Anschlägen von Paris. "Wir sollten sie als das bezeichnen, was sie sind: das islamo-faschistische Pendant zu den einwanderungsfeindlichen Rassisten Europas."

Auch im Fall der AfD, die seltsamerweise ein eher links kodiertes Wort kapert, die "Alternative", bekannt aus dem "alternativen Milieu" oder von der "Alternativen Liste", und mit dem geografisch neutralen, aber sehr leicht entflammbaren Wort "Deutschland" kombiniert, gibt es nun einen kleinen Sprachenstreit.

Der SWR, der "Südwestdeutsche Rundfunk", hat eine Dienstanweisung für Nachrichtenredakteure erlassen, wonach die rechtspopulistische AfD nicht mehr "reflexartig", wie es vom Sender heißt, rechtspopulistisch genannt werden soll.

AfD = Anstifter furchtbarer Dinge

Was natürlich ein paar Fragen aufwirft. Zum Beispiel: Was ist schlecht an Reflexen, beim Tennis und im Autoverkehr können sie ganz nützlich sein? Oder: Wer bestimmt, was ein Reflex ist und was Realität, wer bestimmt, ob es redundant ist oder die Neutralität des Senders verletzt? Worin bestünde diese Neutralität? Was ist der Zweck dieser Neutralität? Und verhält sie sich zu den allein in diesem Jahr Hunderten fremdenfeindlichen Verbrechen in diesem Land?

Und vor allem: Warum gilt diese Vorgabe nur für das Wort "rechtspopulistisch"? Warum kann man nicht gleich auch die AfD anders nennen, es widerspricht ja auch der Neutralität der Sender, Parteipropaganda zu machen, und nichts anderes ist der Name doch?

Warum also nicht: "Anstifter furchtbarer Dinge"? Oder "Armleuchter finsterer Dunkelheit"? Oder "Anbiederer feister Dummheit"? Oder "Anbeter fieser Dickschädel"? Oder "Armleuchter fordern Deutungshoheit"?

Tatsache ist, dass die AfD schon vom Namen her eine Partei der neuen Art ist, Symptom einer politisch-kulturellen Virtualität: inhaltsleer, formlos und dabei unbehaglich dynamisch, zur Tat schreitend und nach vorne gerichtet auf eine irgendwie heilsmäßig aufgeladene Zukunft.

Es ist, mit anderen Worten, ein Blender-Name, der seine beleidigende Botschaft hinter neutralen Begriffen verbirgt.

Rechte Hetzer sollte man rechte Hetzer nennen.

Anmerkung der Redaktion: SPIEGEL ONLINE wird den Begriff "Islamischer Staat" weiterhin verwenden, wie bisher in Anführungszeichen.

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insgesamt 89 Beiträge
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zeichenkette 06.12.2015
1. Vielleicht
wäre "Islamistischer Staat" die richtige Bezeichnung... Denn ein Staat ist das so oder so, auch wenn er von keinem anderen Staat anerkannt wird. Er hat Gesetze, eine Regierung und Verwaltung und eine Armee, und er kontrolliert sein Gebiet. Und er hat eine Bevölkerung, die ihn (willig oder unwillig) trägt, denn wie sonst sollten 1000 oder weniger Kämpfer jeweils Städte mit 500000 Einwohnern kontrollieren können? Machen wir uns nichts vor, der IS scheint für gar nicht so wenige Leute das kleinere Übel zu sein. Besser Friedhofsruhe als Krieg und besser von fanatischen Moslems beherrscht als von gottlosen Ausländern, scheinen manche zu denken. Das Schlimme am IS ist, dass er der letzte Ausweg in einer ausweglosen Lage zu sein scheint.
fleischzerleger 06.12.2015
2.
Also, einfach die Begrifflichkeit zu ändern, ist etwas kurzgegriffen. Da fallen mir spontan Dinge wie Preisanpassung, negativer Gewinn, Öffentlich-Rechtlicher Rundfunk oder die allseits beliebten Reformen (Gesundheitsreform) ein - die alle nicht das beinhalten, was sie eigentlich ausdrücken bzw. ich frage mich, was drücken sie überhaupt aus.
Asamih 06.12.2015
3. Berichtigung
--------------------------Zitat Anfang von ISIL, dem "Islamischen Staat im Irak und der Levante", zu ISIS, dem "Islamischen Staat im Irak und Syrien", --------------------------Zitat Ende Da ist ein Fehler unterlaufen, es gab im arabischen Orginal kein ISIL oder ISIS. Im arabischen Orginal hieß es "dawlatul islamiyyah fil iraq wa sham", dieses "Sham" zum Schluss wurde dann mal in "Levante oder "Syrien" übersetzt. Es gab also diesen Schritt von ISIL nach ISIS nicht, es ist vielmehr eine unterschiedliche Übersetzung des gleichen Namens. Die Entwicklungen liefen wie folgt in drei Stufen ab: 1) ISI = Islamischer Staat im Irak 2) ISIS = Islamischer Staat im Irak und Sham (Syrien/Levante) 3) IS = Islamischer Staat
chr.reinhard 06.12.2015
4.
Haben Sie "1984" nicht gelesen?
licorne 06.12.2015
5. Die Sprachregelung
bei Politikern und Journalisten in Frankreich die Bezeichnung Islamischer Staat nicht mehr zu benutzen besteht schon viel länger. Appelle an Spon Journalisten, dem Beispiel zu folgen, werden seit langem ignoriert. Wie der Autor (mal wieder versteckt hinter einem Zitat) die Afd moralisch auf die gleiche Stufe stellt wie Islamisten ist infam.
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