S.P.O.N. - Der Kritiker Es waren die Deutschen, nicht die Nazis

Helmut Schmidt sagt, dass er kein Nazi war, und die Republik atmet auf. Dabei führt der Altkanzler nur vor, wie sich mancher aus der Tätergeneration doch noch retten will.

Eine Kolumne von

Altkanzler Helmut Schmidt (2012 bei Maischberger): "Ich wusste nichts davon."
DPA/ WDR

Altkanzler Helmut Schmidt (2012 bei Maischberger): "Ich wusste nichts davon."


Drei Nazis also, drei Nazis gab es damals in Deutschland, und dank Helmut Schmidt kennen wir nun sogar ihre Namen: Der Hermann Ötjen war es, ein gewisser Kurt und natürlich die Ursel.

Er selbst dagegen, und da hört man die Republik wieder mal aufatmen, er selbst war trotz anders lautender Aktenlage und der schieren Plausibilität kein Nazi.

Es ging einfach nicht. Er war ja, und da ist die Hitler-Blut-Logik auf einmal schrecklich hilfreich, irgendwie angeblich auch ein wenig jüdisch: "Ich konnte deshalb kein Nazi werden."

Bumm. Das ist mal ein Argument. 1933 in die HJ eingetreten, Ostfront, Westfront, 1942 noch fest "auf dem Boden der nationalsozialistischen Weltanschauung", wie sein Vorgesetzter schrieb - wenn das einen nicht zum Nazi macht, dann bleiben eben wirklich nur der Ötjen, der Kurt und die Ursel übrig.

Und es waren ja die Nazis, es waren nicht die Deutschen - das hat Schmidt noch mal klar gestellt, pünktlich zum 8. Mai in einem letzten revisionistischen Aufbegehren, das die "Zeit", die schon aus Gräfin Dönhoff eine Widerstandsheldin machte, gern druckte.

"Dass die Deutschen insgesamt schuldig waren, war nicht meine Vorstellung", sagt Schmidt im großen Endlich-vorbei-Gespräch. "Die Nazis waren schuldig."

Und da dachte man, wir seien weiter: Aber 70 Jahre nach Kriegsende, 30 Jahre nach der Weizsäcker-Rede, darf sich die Tätergeneration noch einmal so richtig reinwaschen.

Kollektivschuld? Unsinn!

Konzentrationslager? Auschwitz? Judenmord? Wusste ich nicht!

Aber Bergen-Belsen, wo Sie ganz in der Nähe in Kriegsgefangenschaft waren?

"Ich wusste nichts davon."

Wie kann so jemand ernsthaft als moralische Autorität gelten?

Es waren "die", nicht "wir": Das ist die Botschaft von Helmut Schmidt - und statt der Schuld, die sich auf konkrete Taten bezieht, spricht er lieber von der "kollektiven Verantwortung dafür, dass dergleichen sich niemals wiederholen darf".

Statt Reue also Rabulistik: Schmidt flüchtet vor den Verbrechen der Vergangenheit in eine humanitäre Hybris, an der sich die BRD in den vergangenen 70 Jahren selbst ergötzt hat. Das war der Zaubertrick der besseren Deutschen.

Und so steht man mal wieder ziemlich fassungslos da und schaut einigen aus dieser Generation zu, wie sie um Begriffe und Worte und Tatsachen herumtänzeln, die doch alle längst geklärt sind.

Schande ist eine narzisstische Angelegenheit

Martin Walser zum Beispiel, der Nebelwerfer vom Bodensee, der nicht von Schuld reden will, sondern von Schande und dabei jede logische Latte reißt: "Wenn alle Schuld haben", sagt er, "hat der Einzelne nichts mehr damit zu tun" - was tief in die Walsersche Exkulpationsmechanik blicken lässt.

Denn Schande, das macht Walser im SPIEGEL-Gespräch performativ deutlich, ist eine sehr narzisstische Angelegenheit; sie bleibt beim Täter, subjektiv, sich suhlend, sie nützt dem Opfer wenig, sie zieht die Aufmerksamkeit auf den Täter und lenkt vom Opfer ab.

Schande ist eine relativistische Kategorie, sie ist nicht abhängig von Maßstäben der Menschlichkeit, sondern von sich ändernden sozialen Standards und den Zufällen des eigenen Gewissens. Schande ist die Antwort der Romantik auf das Recht.

Bei Martin Walser wird daraus eine ganze Poetologie der Selbstergriffenheit, die ihn so seltsame Sätze schreiben lässt wie diesen hier: "Ich kann nichts dagegen tun, in mir dominiert die Mitteilung, dass wir dieses Volk umbringen wollten und zu Millionen umgebracht haben."

Vielleicht besteht das Problem darin, dass man manche Schriftsteller zu ernst nimmt, gerade wenn sie sich politisch äußern. Vielleicht besteht das Problem auch darin, dass Helmut Schmidt immer und immer wieder von Sandra Maischberger interviewt wird.

"Abgeschlossen ist die deutsche Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit nicht, und sie wird es auch niemals sein", sagte der Historiker Heinrich August Winkler in seiner Rede vor dem Bundestag. "Jede Generation wird ihren eigenen Zugang zum Verständnis einer so widerspruchsvollen Geschichte wie der deutschen suchen."

Schmidt und Walser führen vor, wie sich mancher aus der Tätergeneration retten will: 70 Jahre danach - und ohne großen Widerspruch in diesem postdiskursiven medialen Mehltau-Land - kündigen sie den Konsens auf, der sich vom Stuttgarter Schuldbekenntnis vom Oktober 1945 bis zur Weizsäcker-Rede 1985 gebildet hatte.

Es sind die Lügen einer Generation, die sich hier besichtigen lassen. Aber es waren eben nicht nur der Onkel Ötjen und der Kurt und die Ursel. Es waren schon auch der Helmut und der Martin und ein paar andere Deutsche mehr.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
rohanseat 08.05.2015
1. Wa war denn wohl
ein NAZI.Da ist die große frage f+r mich.-einer der mitglied war? einer der blockwart war? einer der örtlicher parteileiter war?--Mein schwiegervater hat in russland an der front gestanden und siene aussage war nur."wir hatten mit uns selbst genug zu tun um am leben zu bleiben und es war uns gleich wer NAZI war oder nicht"> leben wollten wir< Ich habe in erinnerung das meine eltern immer wieder sagten uns war nichts bekannt.-Ich jahrgang 142 kann mich absolut nicht zu den mesnschen zählen die für diese vergangehit verantwortlich sind.--Nach meiner meinung sind es politiker die ständig ermahnt werden müssen was war. Es waren auch politiker wie es auch in anderen ländern gerade jetzt ist (Putin, Assad und andere) die unglück über ihr volk bringen Wir als bürger können nur alle vier jahre eine "schwache" änderung herbeiführen in der hoffnung das es gut geht.-
munsterm 08.05.2015
2. Falsche Einschätzung des Täterkreises
Also meiner Meinung nach haben Schmidt und Walser keine Schuld auf sich geladen. Sie haben nicht dazu beigetragen, dass Hitler an die Macht gekommen ist. Das waren vor allem jene 43,9% die Hitler bei den Reichstagswahlen unterstützt haben und natürlich jene, die in der SS, Gestapo, Wehrmacht etc. Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben. Einfache Befehlsempfänger wie Schmidt und Walser haben nach der Errichtung des totalitären Regimes unter Zwang gehandelt. Das macht sie nicht zu Helden, wie einen Oskar Schindler oder einen Stauffenberg. Aber das macht sie auch nicht zu Schuldigen.
grubreg 08.05.2015
3. Wie bin ich dankbar,
lieber und und wirklich sehr geehrter Herr Diez, dass Sie das einmal derart klar aussprechen. Leider lese ich diesen gedanken (Überschrift) in SPON nur diese Mal, wie auch sonst nicht. Wirklich "NICHT", "KAUM" wäre schon wieder Schönfärberei. Es ist DIE entscheidende Eigenschaft der Bundesdeutschen, dass eben immer die anderen Schuld haben - eine Gesellschaft, die sich bis heute erfolgreich weigert, erwachsen zu werden.
udar_md 08.05.2015
4. Herr Diez,
wie lange haben Sie unter eine Diktaturregime gelebt? Es einfach über andere zu urteilen, wenn man in einem quasi demokratischen Land lebt.
charlybird 08.05.2015
5. Jau, Herr Diez,
da sag ich mal 100 Prozent d'accord. Es ist in der Tat unerträglich, wie die neu Gesalbten unserer Geschichte sich immer und immer wieder in semantische Nebelschwaden verdrücken, wenn es ans Eingemachte geht. Besonders schön wird’s auch dann, wenn man sich auf die Pflicht und weiteres Blah Blah beruft.
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