Kriegsfotograf Ziv Koren Kinder, die mit Waffen spielen

Kinder, die Soldaten Kekse reichen - Kinder, die hinter militärischen Absperrungen spielen: Alltag in Nahost. Ziv Koren gilt als einer der besten Kriegsfotografen der Welt. Eine Berliner Ausstellung seiner Bilder gibt erschütternde Einblicke in den israelisch-palästinensischen Konflikt.

Von Nicole Meßmer


Ziv Koren steht vor einer seiner Fotografien, unterhält sich mit einem Besucher der Ausstellungseröffnung. Das Bild zeigt den Bug des U-Boots "Delfin" und einen echten Delfin, der vor dem Schiff in die Wellen springt. Der Mann, mit dem er sich unterhält, ist der Sohn genau jenes Unternehmers, der die U-Boote in Deutschland herstellt. Auf dieses Bild hat Koren besonders lang warten müssen. Es ist ein Zufall, dass sich beide hier getroffen haben.

"More than 1000 words - No win situation in the israeli palestianian conflict" heißt die Ausstellung des israelischen Pressefotografen Ziv Koren, die zurzeit in der Cicero-Galerie am Hackeschen Markt in Berlin gezeigt wird. Neben dem spielenden Delfin vor dem U-Boot zeigen seine Bilder kleine Kinder, die Soldaten Kekse reichen, betende Palästinenser, aber auch Tote und Verletzte nach Selbstmordanschlägen. "Es ist der Konflikt, der mich vorantreibt. Es ist die Tatsache, dass die Menschen keinen Schimmer haben, was wirklich passiert und sich zu schnell eine Meinung bilden, die in den meisten Fällen einfach falsch ist", erklärt der Fotograf Koren. Sein Anspruch ist, den Alltag des Konflikts möglichst ungeschminkt darzustellen. Neben weiteren Auszeichnungen hat Koren bereits zweimal den Word Press Photo Award für seine Fotografien erhalten.

Auf den ersten Blick wirkt die Eröffnung wie ein typisches Berlin-Mitte-Event: Menschen mit einem Glas Wein in der Hand, die andere Menschen mit einem Glas Wein in der Hand treffen und plaudern. Begleitet wird die Veranstaltung von leichter Lounge-Musik, die nicht so recht zu den manchmal grausamen Szenen passen will, die Koren auf seinen Bildern zeigt. Doch wenn man danach fragt, was die Bilder im Kopf des Betrachters auslösen, lautet die Antwort zumeist "Betroffenheit" und "Nachdenklichkeit".

Korens Bilder erzählen die täglichen Geschichten eines Konflikts, der nicht als Krieg bezeichnet wird, der aber kaum einen einzigen Tag Entspannung bringt. Es geht um einen Konflikt, der sich auf den Straßen abspielt, der unschuldige Zivilisten bei Anschlägen und Angriffen das Leben kostet - auf beiden Seiten. Es geht um einen Konflikt, in dem Kinder selbstverständlich mit Waffen spielen. Und es geht um einen Konflikt, in dem israelische Soldaten den Widerstand israelischer Siedler brechen müssen.

Getrieben von harten Fakten

Anders als der renommierte Pressefotograf James Nachtwey, dessen Schwarz-Weiß-Bilder oft durch ihre extreme Stilisierung bestechen, versucht Koren, den Alltag in Israel so darzustellen, wie er ist. Aber er zeigt auch diejenigen, die entscheiden: Ariel Sharon, der gerade beim Museumsrundgang eine Pause macht und Yassir Arafat beim Beten.

Es scheint beinahe unmöglich zu sein, keine Position zu beziehen in diesem Konflikt. Koren sieht das anders: "Es ist schwer, neutral zu bleiben. Aber es ist nicht unmöglich. Ich lasse mich nicht von Emotionen treiben, sondern von harten Fakten. Ich zeige die Geschichte, egal ob ich sie mag oder nicht. Wenn ich nur die eine Seite des Konflikts zeigen würde, würde ich meine Arbeit in Propaganda verwandeln." Er bemüht sich, beide Seiten zu zeigen, und auch das palästinensische Leid nicht zu kurz kommen zu lassen: Er fotografiert Palästinenser, die auf der Straße beten, weil sie die Al-Aqsa-Moschee zum Freitagsgebet nicht betreten dürfen oder ein kleines Mädchen, das gebannt auf zwei große Plakate von Arafat und Bill Clinton starrt.

Trotzdem überwiegt die israelische Perspektive. Für ihn sei es schwer, in den Palästinensergebieten zu arbeiten, verteidigt sich Koren. Manchmal, so sagt er, wünschte er, er wäre ausländischer Journalist und nicht Israeli. "Die Tatsache, dass ich Journalist und Israeli bin, macht mich zu einem doppelten Ziel."

Angst, der ständige Begleiter

Angst ist ein Thema, das einen Kriegsfotografen immer begleitet. Nachtwey sagte einst, er frage sich immer wieder, ob er weglaufen oder sich der Verantwortung stellen solle, alles mit der Kamera festzuhalten. Auch Koren kennt diese Angst. Einmal habe er deswegen einen Fehler gemacht. Als er in Jerusalem blieb, anstatt zum Begräbnis Arafats zu gehen. Viele israelische Journalisten waren dort, keinem ist etwas passiert. Trotzdem weiß er, dass Angst wichtig ist: "Wenn du keine Angst hast, bist du entweder zu naiv oder zu selbstbewusst - zwei Dinge, die ich nicht sein möchte."

Die preisgekrönte Dokumentation von Solo Avital über das Leben des Menschen und Fotografen Koren, die ebenfalls den Titel "More than 1000 words" trägt, widmet sich genau der Frage, wieso der glückliche Ehemann und Vater zweier Kinder sich tagtäglich mit seinem Motorrad auf den Weg über die Grenze macht und sich selbst damit in Gefahr bringt. Niemals würde er sein Leben für ein gutes Bild riskieren, erklärt Koren. Gleichzeitig ist er besessen von der Idee, den Konflikt in seinen Bildern festzuhalten und an die Öffentlichkeit zu bringen: "Mein Ziel ist es, die öffentliche Meinung zu beeinflussen und Verständnis dafür zu wecken, was in Gaza oder der Westbank geschieht."

Sein Interesse für diesen Konflikt entdeckte Koren, als er vor fast 20 Jahren als Fotograf seinen Militärdienst in der israelischen Armee leistete. Es war die Zeit der ersten Intifada. Danach folgte die vorsichtige Annäherung in Form des Oslo-Abkommens, der Tod Jitchzak Rabins, das endgültige Ende des Friedensprozesses und die zweite Intifada. "Dieser Konflikt hätte schon längst gelöst werden sollen", sagt Koren.

Seine Hoffnung setzt er auf die nächste Generation. Das ist ein Grund, warum Kinder in vielen seiner Bilder eine große Rolle spielen: "Nicht weil ich glaube, dass wir eine verlorene Generation sind. Aber es sind die Kinder, auf die ich setze. Sie sind es, die eines Tages Frieden schließen können." Der andere Grund für Koren ist, dass er nicht mehr mit ansehen möchte, wie Kinder für Propagandazwecke missbraucht werden. "Sie werden in den Vordergrund geschoben, um die Ereignisse noch dramatischer darzustellen", glaubt Koren.

73 Bilder werden in der Cicero-Galerie gezeigt. Manche der Fotos entstanden aus einem Zufall heraus, auf andere musste er lange warten, wie auch auf das Delfin-Foto. Ein Lieblingsbild hat jedoch er nicht. "Alle zusammen geben eine bessere Perspektive. Wenn es eines gäbe, das all das aussagen könnte, würde nur ein einziges Foto in dieser Galerie hängen."



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