Kriegsfotografie Der Mutigste unter den Schüchternen

Thomas Grabka hat dem zerstörten Land am Hindukusch wieder ein Gesicht gegeben. Sechsmal reiste der SPIEGEL-Fotograf in den vergangenen Jahren nach Afghanistan und begleitete Krieg, Leid und Befreiung mit seiner Kamera. Eine Ausstellung in Kabul würdigt nun seine Arbeit. SPIEGEL ONLINE zeigt einige der bewegenden Bilder.


Fotograf Grabka (r.) in Afghanistan: Der friedlichste aller Kriegsreporter
Thomas Grabka

Fotograf Grabka (r.) in Afghanistan: Der friedlichste aller Kriegsreporter

Es gibt Fotografen, die am liebsten immer selbst mit auf dem Bild sein wollen. Abenteurer, für die ihre Kameratasche nur der Backstage-Pass für die Kriegstheater dieser Welt ist. Die von ihren Recherchen keine Bilder sondern Trophäen mitbringen und es genießen, sich in kurzen Hemingway-Sätzen über die Gefahren ausbreiten zu können, denen sie dank eigener Größe und Kaltblütigkeit entronnen sind.

Und es gibt die anderen.

Die unsichtbaren, angenehmen Begleiter auf einer Reise. Denen nicht egal ist, was mit einem Sujet passiert, sobald sich die Spiegelklappe nach einer 1/125 Sekunde wieder verschlossen hat. Die nicht eine Burka-Frau solange dirigieren, bis sie endlich malerisch vor einer Ruine steht, sondern die warten können, bis sich die drei, vier Variablen, die ein gutes Bild ausmachen, von selbst zusammengefügt haben. Thomas Grabka gehört zu ihnen.

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25  Bilder
Kriegsfotografie: Thomas Grabkas Afghanistan
Er ist der friedlichste aller Kriegsreporter und zugleich der mutigste unter den Schüchternen. Wer mit Grabka unterwegs ist, sieht mehr und hört mehr, als wenn er alleine reiste. Das ist ein großes Kompliment. Ich bin mit Grabka für den SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE in Afghanistan und im Irak unterwegs gewesen, in Situationen, bei denen seine Angstlosigkeit gut für die Geschichte war, und in Situationen, wo seine Skrupelhaftigkeit gut war für die eigene Haut. Er hat kein einziges Mal ein Interview oder eine Vertrautheit zerstört, durch Drängeln, Impertinenz, Arroganz oder umständliches Aufbauen von Lichtanlagen.

Kein einziges der Bilder, die er von seinen Reisen durch den Irak und Afghanistan mitgebracht hat, ist ein geraubtes. Keines ist durch Trickserei, durch Lügen oder um den Preis eines unverantwortlichen Risikos entstanden. Hinter jedem Bild aber stecken unendlich viel Diplomatie und Geduld, jede Menge Footwork, endlose Tage in benzinstinkenden Taxis und mit selbsterklärten Dolmetschern.

In der Zeit des Afghanistan-Krieges waren ein gutes Dutzend SPIEGEL-Reporterinnen und Reporter nacheinander, teils miteinander unterwegs. Grabka war immer dabei. Er war schon da, bevor alles losging, und als man zum zweiten Mal nach Kabul kam, war er immer noch da, etwas magerer vielleicht, aber hilfsbereit, offenen Ohres und mit einem belastbaren Netz von Kontakten. Er war es, der uns zum Neid aller anderen Kollegen auf dem provisorischen Flugplatz des befreiten Kabul ohne störenden Formalitäten durch die Kontrollen lotsen konnte.

Man sieht den Bildern an, dass hier jemand länger da geblieben ist, als für eine Reportage nötig wäre. Ich weiß nicht, ob irgendein deutscher Journalist länger in Afghanistan ausgeharrt hat als Thomas Grabka. Schon 1997 begleitete er den Einzug der Taliban in Masar-i-Sharif. Vermutlich ist er der einzige Fotograf, der beide Helden, Schah Massud und Hamid Karzai, vor seiner Kamera hatte. Das alte und das neue Afghanistan. Grabka war schon im Hindukusch unterwegs, als die meisten Kollegen noch keine Ahnung hatten, wer Massud war. Und er war immer noch unterwegs, als die anderen den Namen schon wieder vergessen hatten. Nicht abgeklärt, nicht abgebrüht, aber immer noch neugierig genug, auf das richtige Bild auch warten zu können.

Vom Kampf gezeichnet: Ein Kriegsinvalide auf Krücken vor einem Panzer in den Bergen südlich von Jalalabad in Ost-Afghanistan
Thomas Grabka

Vom Kampf gezeichnet: Ein Kriegsinvalide auf Krücken vor einem Panzer in den Bergen südlich von Jalalabad in Ost-Afghanistan

Eines seiner gelungensten ist im November 2001 entstanden. Es zeigt den ehemaligen Staatspräsidenten Barsani bei einer Rede. Er trägt eine Sonnenbrille. Alle schauen aneinander vorbei, kein Auge ist sichtbar außer dem der toten Ikone Massud. In die surreale Kälte dieser Szene hält ein Soldat noch eine Kamera hinein, als hilfloser Versuch, das Disparate und Fliehende zusammenzuhalten.

Grabka hat selbst viele Jahre die DDR-Wirklichkeit verbringen müssen. Er weiß, wie Leute sprechen, wenn zu viele Ohren lauschen. Er weiß auch, dass eine politische Befreiung nicht bedeutet, sein Objektiv sogleich in jeden Winkel schieben zu dürfen. Ohne diese Zurückhaltung hätten viele der Bilder (sie sind fast alle im SPIEGEL erschienen) nicht gemacht werden können. Das fällt besonders auf bei Grabkas Frauenporträts. Man kann nur sagen: Schaut, schaut, schaut! Dieser Königinnenblick von Hasina Mhboob, die als eine der ersten Frauen Kabuls ein Auto durch die Ruinen Westkabuls lenkt. Der abgrundtief nüchterne Blick jener ordensbehangenen Fallschirmspringer-Veteranin, die gewiss mehr Tote gesehen hat als es Blütenblätter an ihrem Kunstblumenstrauß gibt. Da ist eine Schöne mit müden Augen, aber einem Anflug von Lächeln: Zum ersten Mal in ihrem Leben hat sie Lippenstift aufgetragen und darf es zeigen. Nach der Zwangsverhüllung die freie Wahl der Maske.

Es gibt ein einziges Bild, das Grabka nicht gemacht hat. Das Bild der Afghanin, die erleichtert und froh ihre Burka-Gesichtsklappe hochwirft. Das Bild war in allen Köpfen. In der Wirklichkeit ist es nicht anzutreffen gewesen, und Grabka hat es nicht stellen wollen, weil er genauso wie die afghanischen Frauen weiß, dass politische Befreiung nichts an Denkgewohnheiten ändert.

Vermutlich gibt es wenig Orte, an denen eine Fotoausstellung sinnvoller ist als in Kabul. Die Taliban hatten ein Bilderverbot verhängt und, schlimmer noch, ein Verbot für das Schöne an sich: das weibliche Gesicht. Grabka ist sechsmal in das Land gereist, um sich mit der Kamera dem Verbot zu widersetzen. Bild um Bild hat er dem Land wieder ein Gesicht gegeben. Es ist eine Ehre für ihn und eine große Würdigung, wenn seine Fotos jetzt in Kabul ausgestellt werden.



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