Russisch-ukrainischer Museumsstreit Wohin mit dem Gold der Krim?

Ein niederländisches Museum zeigt Goldexponate von der Krim. Bei Beginn der Schau gehörte die Halbinsel zur Ukraine, nun ist sie von Russland annektiert. An wen soll der Schatz gehen, wenn die Ausstellung in wenigen Tagen endet?

Benjamin Dürr

Aus Amsterdam berichtet  


Ein Helm aus Gold, verziert mit den geschmiedeten Konturen von Kämpfern. Vergoldete Scheiden von Schwertern, Juwelen, Lackkästchen, Münzen, Amulette. Diese 2000 Jahre alten Schätze stammen von der Krim, der zwischen Ukraine und Russland umstrittenen Halbinsel im Schwarzen Meer. Zurzeit sind sie in den Niederlanden zu sehen - und werden nun zum Streitobjekt in der aktuellen Krise zwischen Europa, Russland und der Ukraine.

Anfang Februar hat das Allard-Pierson-Museum in Amsterdam eine Ausstellung über die Krim eröffnet, mit vielen kostbaren Exponaten, die der Reiterkultur der Skythen entstammen. Die Objekte sind Jahrtausende alt, Schmuckkästchen aus China machen es zum Beispiel möglich, frühe Handelsrouten der Seidenstraße zu rekonstruieren. Noch nie habe die Ukraine so viele Ausstellungsstücke ausgeliehen, heißt es im Begleitprogramm zur Schau. Als diese eröffnete, gehörten die Halbinsel und damit der Goldschatz noch der Ukraine. Wenige Wochen später besetzten russische Soldaten die Krim, ein Referendum fand statt, schließlich verleibte sich Moskau die Halbinsel offiziell ein.

Und der Goldschatz? Gehören die Objekte nun weiterhin der Ukraine oder ist Russland der neue Besitzer? Am 31. August endet die Ausstellung - die Museumsmacher wissen nun nicht, ob sie das Gold nach Kiew oder nach Moskau zurückgeben müssen. Juristen versuchen, das heikle, weltpolitisch brisante Problem zu lösen.

"Ein juristisch komplizierter Fall"

Man könnte meinen, die Niederländer sollten das Gold doch einfach dorthin zurückschicken, von wo sie es bekommen haben. Jedoch: "So einfach ist es nicht", sagt Yasha Lange von der Universität Amsterdam, zu der das archäologische Museum gehört. Die Stücke sind Leihgaben von fünf Museen, vier davon auf der Krim. Der ukrainische Staat meint, die Objekte von der Krim seien Staatseigentum. Sie müssten deshalb nach Kiew geschickt werden, nachdem sich die Halbinsel abgespalten hat. "Nach ukrainischer Auffassung würde eine Rückgabe an die Museen auf der Krim bedeuten, dass die Stücke plötzlich in russische Hände fallen", erklärt Lange.

"Ein juristisch komplizierter Fall", sagt Lange. Und tatsächlich ist die Situation verfahren. Wie üblich hat das Museum in Amsterdam vorher Verträge geschlossen mit den Museen, die die Leihgaben zur Verfügung gestellt haben. Was genau darin geregelt wurde, will Lange nicht sagen. Von diesen Verträgen und dem ukrainischen Recht hänge jedoch ab, wer das Gold der Krim bekomme, sagt Inge van der Vlies, Professorin für Kunst- und Staatsrecht an der Universität Amsterdam. "Es kann sein, dass die Museen das Abkommen im Namen des Staates abgeschlossen haben, dann gehen die Stücke wohl an den Staat." Es könne aber auch sein, dass ein Gegenstand an den Eigentümer zurückgegeben werden müsse - und dass dieses Recht in jedem Fall schwerer wiege als geschlossene Verträge zwischen den Museen.

Die Museen auf der Krim sind überzeugt, dass sie selbst die Objekte zurückbekommen müssten - auch wenn die Institutionen jetzt geografisch zu Russland gehörten. Einer der Leihgeber ist das Zentralmuseum von Taurien in Simeropol auf der Krim. Dessen Direktor Andrey Malgin sagt, der Vertrag mit den Amsterdamern sehe vor, dass die Objekte an sein Museum zurückgingen. Das Problem sei nur, dass es zwei Eigentümer gebe. "Unser Standpunkt ist, dass Museumseigentum vor Staatseigentum geht." Die Gegenstände seien auf der Krim gefunden worden, seien Teil des kulturellen Erbes der Region. "Sie haben nichts mit dem ukrainischen Territorium zu tun." Deshalb müssten sie an den direkten Eigentümer zurückgegeben werden: sein Museum.

Staatsrechtlerin Van der Vlies betont, man müsse sich zur Klärung ins lokale Recht vertiefen - wohlgemerkt: in das ukrainische. Denn die niederländische Regierung hat die Abspaltung der Krim nicht anerkannt, sie ist daher weiterhin an Abmachungen mit der Ukraine gebunden. Das Amsterdamer Museum hat inzwischen mehrere juristische Experten beauftragt. Auch das niederländische Außenministerium soll eingeschaltet worden sein.

Russland, selbsternannter Beschützer der Krim, soll seinerseits Anwälte beauftragt haben. Sie würden die Interessen Moskaus vertreten, sollte es zu einem Gerichtsprozess kommen, erklärte der russische Kulturminister Wladimir Medinski laut russischen Medien bereits Anfang Juli. "Ich hoffe, dass unsere Partner in den Niederlanden die Sache nicht für kleinliche Politik benutzen, sondern von einem juristischen Standpunkt betrachten." Fedor Woronin, Kulturattaché der russischen Botschaft in Den Haag, will sich nicht zu den Berichten äußern. Nur so viel: "Die Verhandlungen laufen auf der Ebene der Museen, nicht der Botschaften."

Inzwischen scheinen alle Seiten an einer stillen Lösung des Problems zu arbeiten. In den nächsten Tagen will das Allard-Pierson-Museum erklären, was mit den Goldschätzen der Krim geschehen soll. So weit war man schon einmal. Eigentlich hätte die Ausstellung bereits im Mai enden sollen, doch dann tauchte die Frage nach den rechtmäßigen Eigentümern der Exponate auf. Die pragmatischen Niederländer beschlossen daraufhin, die Ausstellung einfach zu verlängern.

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Seite 1
abc-xyz 18.08.2014
1. An die Ukraine
Völkerrechtlich gehört die Krim nach wie vor zur Ukraine. Die temporäre russische Besetzung hebt das nicht auf. Deswegen muss das Gold an die Ukraine, genauer gesagt an Kiew, überstellt werden bis die Okkupation der Krim beendet ist.
belzeebub1988 18.08.2014
2. das
Gold einfach dabehalten bis alles geklärt ist
andreu66 18.08.2014
3. Ukrainische Krim
Da der Westen und die Ukraine selber die Abspaltung nicht anerkannt haben, hat sich rein rechtlich am Status der Krim für sie nichts verändert. Die Objekte müssten also wieder an die Museen auf der Krim zurückgegeben werden. Oder erkennt die Ukraine jetzt die Abspaltung der Krim an?
anders_denker 18.08.2014
4. Natürlich gehören die Exponate zurück in IHRE Mussen
denn dort bilden sie eine zu erhaltende Sammlung. Unabhängig von irgendwelchen politischen Einflüssen.
Zaunsfeld 18.08.2014
5.
Zitat von sysopBenjamin DürrEin niederländisches Museum zeigt Gold-Exponate von der Krim. Bei Beginn der Schau gehörte die Halbinsel zur Ukraine, nun ist sie von Russland annektiert. An wen soll der Schatz gehen, wenn die Ausstellung in wenigen Tagen endet? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/krim-gold-bekommt-russland-oder-die-ukraine-den-schatz-der-skythen-a-985786.html
Völkerrechtlich gesehen gehört die Krim noch immer zur Ukraine. Und allein das Völkerrecht ist in dieser Frage die entscheidende Instanz. Also werden die Ausstellungsgegenstände ohne Zweifel an die Ukraine zurückgehen. Die Ukraine kann sie dann wieder auf die Krim bringen, wenn die Krim auch wieder real unter ukrainiscer Verwaltung steht. Und wenn das erst in 100 Jahren wieder der Fall ist, dann wird eben die Sammlung die nächsten 100 Jahre in Kiew aufbewahrt werden.
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