"Krimi.de" im Kinderkanal: Zu viel guter Wille

Von Marianne Wellershoff

Mit dem Fernsehexperiment "Krimi.de", einem Kinderkrimi samt anschließender Diskussionsrunde, will der Kinderkanal Ki.Ka spannende Unterhaltung mit pädagogischer Botschaft vermengen. Etwas einseitig auf die angestrebten Lernziele fixiert geriet die erste Folge der neuen Reihe.

Wie könnte ein Fernsehprogramm für die ganze Familie aussehen? Vielleicht so: Man dreht einen Kinderfilm, in dem eine bekannte Figur aus einer Serie für Erwachsene eine Hauptrolle spielt. So jedenfalls hat es der Erfurter Kinderkanal (Ki.Ka) in seiner neuen Reihe "Krimi.de" (Dienstagabend, 20.15 Uhr) gemacht.

Im Mittelpunkt des TV-Experiments steht der 14-jährige Tom (Max Befort), der mit seiner allein erziehenden Mutter von Dresden nach Leipzig zieht, weil sie dort ein Lokal namens "Suppenküche" eröffnet. Tom ist der Enkel des Leipziger "Tatort"-Kommissars Bruno Ehrlicher (Peter Sodann) - auf diese Weise erzeugt man einen Synergieeffekt, wie es auf Neudeutsch heißt.

"Spannende Unterhaltung mit Themen von gesellschaftlicher Relevanz für Kinder und Jugendliche", so beschreibt Ki.Ka-Programmgeschäftsführer Frank Beckmann das Ziel der Sendung. Und das bedeutet, klar, viel Pädagogik. Und deshalb wurde in der ersten Folge mit dem Titel "Abgezogen" vor allem eins deutlich: die gute Absicht der Verantwortlichen.

Erzählt wurde, wie der etwas introvertierte Tom an seinem ersten Schultag von der ungefähr gleichaltrigen Mandy (Lulu Grimm) erpresst wird. Sie fordert, eine kurze Metallkette schwingend, 30 Euro von ihm. Tom, ein ganzes Stück größer als sie, lässt sich einschüchtern und bestiehlt seinen Mitschüler und Nachbarn Louis (Josef Mattes). Doch damit gibt Mandy sich nicht zufrieden, denn sie wird selbst unter Druck gesetzt von Janina, der Anführerin ihrer Mädchengang. Mandy verlangt nun 50 Euro von Tom und nimmt ihm sogar die Polizeijacke ab, die sein Großvater Ehrlicher ihm gerade zum Geburtstag geschenkt hat. Als Tom ihr daraufhin folgt, wird er entdeckt und von Janina verprügelt und gefesselt. Mit Hilfe des cleveren, aber auch altklugen Louis rettet Kommissar Ehrlicher ihn schließlich aus der brenzligen Situation; die Mädchengang wird verhaftet.

Die Lernziele des Krimis waren so deutlich, dass niemand aus der anvisierten Gruppe der 10- bis 13-Jährigen sie verpasst haben dürfte: 1. Wehr dich. 2. Wenn der/die andere dir überlegen ist, hol dir Hilfe. 3. Wenn du beobachtest, wie jemand abgezogen wird, dann greif ein. 4. Auch jene, die kriminell sind, können in Wahrheit Opfer sein. Das ist alles sehr aufrecht und wichtig und ganz bestimmt ein gesellschaftspolitisch wertvoller Gegenentwurf zu den Trashshows aus Containern, Burgen und Dörfern. Aber es ist eben auch unglaublich absehbar.

Und so politisch korrekt, dass man das Gefühl hat, der Krimi sei mit Persil gewaschen. Mandy kommt aus einem desolaten Alkoholikerhaushalt, damit ist sie quasi entschuldigt. Tom ist Mandy als Klettersportler in Wahrheit körperlich haushoch überlegen, aber er ist ein zu lieber, ängstlicher Kerl, um ihr einfach zu sagen: "Du kannst mich mal." Und der Klugschwätzer Louis ist eigentlich ein dufter Kamerad. Der Krimi ist so voller guter Absicht und irgendwie auch insgesamt so nett und freundlich gemacht, dass man ihn, als Erwachsener jedenfalls, kaum erträgt.

Aber egal, auf den Unterhaltungswert für die Eltern kommt es bei dem Konzept letztlich nicht an. Abgerundet wird die Serie mit Diskussionsrunden, Dokumentationen und, für die Erwachsenen, mit einem Begleitprogramm auf Phoenix. Am kommenden Dienstag läuft die zweite Folge zum Thema Crash-Kinder. Und dann wird der Sender entscheiden, ob nicht nur die Lernziele, sondern auch die Quotenziele erreicht worden sind.

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