Krimi-Serie "Mord mit Aussicht" Mehr Mut zur Eifel, bitte!

Die Krimi-Comedy "Mord mit Aussicht" ist das Beste, was dem Ersten seit langem auf ihrem Krisen-Sendeplatz am Montagabend geglückt ist. Erstaunlich, wenn man weiß, wie die Ecken und Kanten der Serie vom Bedenkenträger-Apparat der ARD in einem quälenden Prozess abgeschliffen wurden.


Seit Günther Jauch Anfang 2007 die Christiansen-Nachfolge bei der ARD unter Hinweis auf die dort tätigen "Gremien-Gremlins" ablehnte, hat der komplex strukturierte Senderverbund sein Behörden-Image auch beim breiten Publikum weg. Trotzdem macht man sich offenbar noch keine hinreichende Vorstellung davon, wie abstimmungsintensiv Arbeitsprozesse beim Ersten Deutschen Fernsehen selbst im weniger prestigeträchtigen Bereich der leichten Muse ablaufen. Die Geschichten, die von der Herstellung des neuen Unterhaltungsprodukts "Mord mit Aussicht" zu hören sind, besitzen jedenfalls selbst einen gewissen Unterhaltungswert.

Caroline Peters in "Mord mit Aussicht": Systematische Glattbügelung
ARD / Jens van Zoest

Caroline Peters in "Mord mit Aussicht": Systematische Glattbügelung

Das geht schon mit dem Titel los. Der zunächst sechs Teile umfassende Serien-Testballon, Teil einer hauseigenen Versuchsreihe am Montagabend, erzählt von den skurrilen Erlebnissen einer aus Köln ins fiktive Eifel-Kaff Hengasch (Landkreis Liebernich) versetzten Kommissarin und sollte dementsprechend "Ausgerechnet Eifel" heißen. Ein Titel, der das Leitmotiv Provinz sowie den Handlungsort benannt und womöglich Assoziationen zur US-Kultserie "Ausgerechnet Alaska" geweckt hätte.

Die ARD-Verantwortlichen – hier der federführende WDR im Verbund mit der "Gemeinschaftsredaktion Serien im Hauptabendprogramm" – befürchteten jedoch, derartige Regionalität könne auf Unverständnis stoßen und abschreckend wirken. Sie entschieden sich für "Mord mit Aussicht" – so nichtssagend wie offenbar symptomatisch für die Glattbügelung, der die Produktion unterzogen wurde.

Ironischerweise ist die Reihe (Drehbuch: Marie Reiners) dennoch das Beste, was der ARD seit Monaten auf diesem Sendeplatz geglückt ist: Mit der Bühnen- und Filmschauspielerin Caroline Peters ("Contergan"), die schon im Grimme-Preis-gekrönten Drama "Arnies Welt" die Gegend zwischen Aachen, Trier und Koblenz erkundete, ist die Hauptrolle exzellent besetzt; dazu wurde mit "Stromberg"-Regisseur Arne Feldhusen (Folgen eins bis drei) ein ausgewiesener Könner in Sachen authentische Situationskomik verpflichtet. Nach der mangels Zuschauerinteresse vorzeitig abgesetzten Detektivserie "Ein Fall für Nadja" mit Marion Kracht und der albernen Terrier-Schmonzette "Elvis und der Kommissar" mit Jan-Gregor Kremp wirken die liebevoll-ironisch inszenierten Landabenteuer der großstädtischen Powerfrau geradezu erfrischend subversiv.

So gehört es zu den köstlichen Miniaturen der ersten Folge, wie die gegen ihren Willen in die Provinz versetzte Ermittlerin Sophie Haas (Peters) sich von ihren neuen Kollegen (Bjarne Mädel, Meike Droste) die deprimierende Ereignislosigkeit des dortigen Polizeialltags schildern lässt. Dabei wird sie - aus dem Fenster schauend - gewahr, wie ein hutzeliges Mütterchen ihre vor der Dienststelle achtlos weggeworfene Kippe aufhebt und sehr langsam in einen Abfalleimer befördert. Die kleine Karikatur wurde freilich heftig diskutiert. Überhaupt: Der Umstand, dass die Kommissarin nach einer Idee ihrer Darstellerin raucht und gerne Rotwein trinkt, löste Kontroversen ob ihrer Vorbildfunktion aus. Ab Folge vier, verfügten die WDR-Oberen, soll die unzeitgemäße Qualmerei abgestellt sein.

Von Bjarne Mädel, der für seine Rolle als bräsiger Dorfbulle in De-Niro-Manier fünf Kilo zulegte und eine hübsche Variation seines "Stromberg"-Büro-Spießers Ernie Heisterkamp abliefert, stammt die Idee, es könne in das abzubildende Milieu passen, dass er seine Film-Ehefrau (Petra Kleinert) gelegentlich mit "Muschi" anrede. Ob das mit der "political correctness" einer öffentlich-rechtlichen Anstalt vereinbar sei, war ebenfalls Gegenstand erregter Debatten. Und Regisseur Feldhusen ("Ich hatte noch nie so viele Redakteure in der Abnahme") erzählt plastisch von seinem Kampf um einen Waldkauz, der die Protagonistin drehbuchgemäß so lange anstarrt, bis sie ihn durch Hupen verjagt – Zeitaufwand und Kosten des Tierdrehs waren zunächst als zu hoch eingestuft worden. Erst als seine Assistentin in einem nahen Wildpark eine Eule auftrieb, konnte der Gag realisiert werden.

Die wahre Bedeutung all dieser lustig klingenden Kleinigkeiten lässt sich wohl erst nach Ansicht der Serie ermessen – wenn man weiß, dass die verhandelten Kriminalfälle bestenfalls als Vehikel für die "Städterin auf dem Land"-Humoreske funktionieren, ansonsten aber belanglos sind. Die Geschichten leben in erster Linie von den handelnden Charakteren und deren komischem Potential; deshalb ist es so beklagenswert, dass viele Unebenheiten abgeschliffen wurden. Für Unmut sorgte auch eine Dialektszene in Folge zwei, die zum Glück erhalten blieb.

Umso bemerkenswerter, wie es die Akteure trotzdem geschafft haben, "Mord mit Aussicht" zu einer originellen kleinen Schrulle im durchformatierten TV-Alltag zu machen. Auch wenn es die Serie schwer haben wird, gegen den etablierten ZDF-Montagsfilm (heute "Duell in der Nacht" mit Jürgen Vogel und Iris Berben) zu punkten – dieser Testreihe ist von den letzten drei Versuchen am ehesten Erfolg und eine Fortsetzung zu wünschen. Den ARD-Verantwortlichen allerdings möchte man zurufen: weniger Angst vor Ecken und Kanten – und mehr Mut zur Eifel, bitte!


"Mord mit Aussicht", montags, 20.15 Uhr, ARD



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