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Kulturgutschutzgesetz: "Wir müssen diesen wahnsinnigen Aderlass beenden"

Umstritten: Am Donnerstag wurde im Bundestag über das neue, umstrittene Kulturgutschutzgesetz beraten. Ein Gespräch mit dem "Kriminalarchäologen" Michael Müller-Karpe.

Ein irakischen Beamte inspiziert Werke aus einem Haus Saddam Husseins 2003. Zur Großansicht
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Ein irakischen Beamte inspiziert Werke aus einem Haus Saddam Husseins 2003.

Zur Person
  • RGZM/ Volker Iserhardt
    Michael Müller-Karpe gehört zu den bekanntesten Archäologen Deutschlands, er arbeitet am Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz, er berät den Kulturausschuss des Deutschen Bundestages und erstellt Gutachten für Polizei, Zoll und Staatsanwaltschaften.
SPIEGEL ONLINE: Herr Müller-Karpe, die deutsche Regierung will Kulturgut besser schützen und das entsprechende Gesetz erneuern. Am Donnerstag wird im Bundestag der Entwurf dazu beraten. Auch die Einfuhr antiker Kulturgüter soll neu geregelt werden. Was halten Sie von den geplanten Bestimmungen?

Müller-Karpe: Zunächst einmal: Eine Reform ist dringend geboten. Denn das bestehende Gesetz schützt absurderweise nur solches archäologische Kulturgut, das in Listen verzeichnet ist. Diese Listen sollen von den Herkunftsländern erstellt und im deutschen Bundesanzeiger veröffentlicht werden.

SPIEGEL ONLINE: Es gab und gibt aber keine Listen, die man im Bundesanzeiger hätte veröffentlichen können.

Müller-Karpe: Natürlich nicht. Funde aus Raubgrabungen können nirgends gelistet sein. Sie werden heimlich aus dem Boden geholt, geschmuggelt. Aber die Anwälte hiesiger Händler haben gerne so argumentiert: Da das Gesetz eben nur das schütze, was gelistet sei, sei im Umkehrschluss alles andere frei handelbar. Also alles. Wir brauchen in Zukunft einen echten Schutz vor Antikenhehlerei und Raubgrabungen. Aber dieser Schutz wird leider durch das neue Gesetz, so wie es jetzt vorgesehen ist, nicht gewährleistet.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Müller-Karpe: Die neuen Regelungen für die Einfuhr wie auch die so genannten Sorgfaltspflichten für die, die hier mit den Antiken handeln, sind zu ungenau, zu schwammig, ich würde sogar sagen: windelweich. Da ist zwar von "geeigneten Dokumenten" und von "Prüfen" die Rede. Aber das lässt all zu viel viel Interpretation zu, und das wiederum eröffnet Schlupflöcher. Hinzu kommt, dass alles, was vor dem 26. April 2007 ins Land kam, nicht mehr als illegal gelten soll. Mit entwaffnender Offenheit räumt die Regierung ein, es solle klargestellt werden, dass die Rückgabe von Kulturgut, das vor diesem Zeitpunkt unrechtmäßig aus einem anderen Land ausgeführt worden sei, nicht mehr für eine Rückgabe in Betracht komme.

SPIEGEL ONLINE: Niemand kann sagen, dass das Problem mit dem illegalen Antikenhandel der deutschen Regierung nicht längst bewusst ist. Es wurde in einem eigenen Bericht der Regierung bestätigt, und man sagt heute auch, man wolle mit dem reformierten Gesetz die "Finanzierungsmöglichkeiten ausländischer Terrororganisationen" einschränken. Wie kann es sein, dass Berlin die Brisanz zwar erkennt, sogar ein neues Gesetz erlässt - aber eines, das Ihrer Meinung nach zahnlos bleibt?

Müller-Karpe: Dass das bisherige, erst 2007 erlassene Gesetz nicht funktioniert, ist tatsächlich allen klar. Ich habe selten eine so vernichtende Analyse einer Regierung über ein eigenes Gesetz gelesen wie den Bericht der deutschen Bundesregierung aus dem Jahr 2013. Das einzig Positive, das man darin entdecken konnte: Eine Belastung des Kunsthandels, so heißt es da, habe vermieden werden können. Und um den Punkt geht es auch heute, man will einerseits Kulturgut schützen, aber andererseits keinem wehtun, vor allem nicht dem Handel. Und so nimmt man in Kauf, dass die archäologischen Stätten, die Quelle des kulturellen Gedächtnisses der Menschheit, vor die Hunde gehen. Wir müssen diesen wahnsinnigen Aderlass beenden. Wir müssen uns entscheiden: Meinen wir tatsächlich, wir könnten uns als Kulturnation und Rechtsstaat tatsächlich einen Handel mit geplündertem Kulturgut leisten?

SPIEGEL ONLINE: Das geplante Gesetz hat bereits eine öffentliche Debatte ausgelöst, doch gestritten wurde stets über einen anderen Teil des Gesetzes, nämlich über die strengeren Ausfuhrregeln. Viele Sammler fürchten, ihre Werke könnten sogar in einem Verzeichnis national wertvollen Kulturgutes landen und dürften dann nicht mehr ins Ausland verkauft werden. Verstehen Sie diese Sorge und Aufregung?

Müller-Karpe: Dieser Streit hat schon surreale Züge angenommen, aber er betrifft kein echtes Problem. Wenn wir mal 500 Jahre weiter denken, dann wird sich niemand mehr dafür interessieren, ob ein Gemälde von Picasso an einer Wand in Deutschland oder der Schweiz oder in einem amerikanischen Wohnzimmer gehangen hat. Die archäologischen Stätten sind aber für alle Zeiten zerstört, und das passiert in unserer Generation, wir sind verantwortlich, und kommende Generationen werden uns dafür verfluchen.

SPIEGEL ONLINE: An geraubten Antiken verdienen auch Terror-Organisationen wie der so genannte Islamische Staat, der IS, mit. Finanzieren westliche Käufer den Terror?

Müller-Karpe: So lange es Käufer gibt, die keine unangenehmen Fragen nach der Herkunft ihrer antiken Schnäppchen stellen, wird es immer Menschen geben, die diese Nachfrage befriedigen. Da sind unterschiedliche Marktteilnehmer zugange. Das ist in Süditalien die Mafia. Und im Vorderen Orient, wo jetzt Krieg herrscht, sind das die Kriegsparteien. Dieser illegale Handel ist aber nichts Neues, seit Jahrzehnten bedienen sich Kriegsparteien, kriminelle Elemente - und darunter auch Terroristen - des archäologischen Erbes und lassen sich von Käufern, denen die illegale Herkunft der Antiken egal ist, ihre Kassen füllen.

SPIEGEL ONLINE: Wer genau sind diese Käufer?

Müller-Karpe: Das sind Sammler, das sind Investoren, zum Teil auch Banken, die Geld anlegen, denn Antiken gelten nach wie vor als sichere Geldanlage, das waren in der Vergangenheit einige Museumskuratoren, die solche Einkäufe tätigten.

SPIEGEL ONLINE: Oft ist von einem Milliardenmarkt die Rede, die Umsätze mit geraubten Antiken seien fast so hoch wie beim Drogen- und Waffenhandel. Wie kommen solche Schätzungen zustande?

Müller-Karpe: Das sind Schätzungen der Unesco, immerhin eine Organisation der Vereinten Nationen, das sind auch Schätzungen etwa des amerikanischen FBI. Die deutsche Bundesregierung hat 2013 einen Bericht zum Kulturgutschutz verfasst, und auch sie spricht davon, dass der Handel mit geplündertem Kulturgut an dritter Stelle der größten illegalen Erwerbsquellen steht. Andere Schätzungen gehen davon aus, dass der Antikenhandel den Waffenhandel sogar schon von der zweiten Position verdrängt hat und nur noch übertroffen wird vom Rauschgifthandel. Auf das konkrete Volumen, das kaum messbar ist, kommt es aber nicht an. Entscheidend ist, dass man, wenn man archäologische Objekte ungeklärter Herkunft kauft, damit rechnen muss, dass sie aus diesen kriminellen Quellen stammen und man unter Umständen auch Terroristen finanziert.

SPIEGEL ONLINE: Man muss damit immer rechnen, weil es Ihrer Meinung nach saubere Antiken im Handel sowieso kaum gibt?

Müller-Karpe: Wo sollten die denn auch herkommen? Vom Dachboden oder aus altem Schweizer Familienbesitz? Alle Herkunftsländer haben seit vielen Generationen Schutzgesetze, und zwar seit dem Zeitpunkt, an dem man begann, archäologischen Objekten einen Marktwert beizumessen. In Griechenland war das im Jahr 1834, im Osmanischen Reich 1869. Entsprechende Gesetze gelten bis heute.

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1. Der private Kreuzzug
mitdenker65 19.02.2016
Was ist ein Kriminalarchäologe? Herr Müller-Karpe hat sich selbst zum Kriminalarchäologen ernannt, um klar zu machen, daß die Leute, gegen die er archäologiert, zweifellos Kriminelle sind („Jeder, den wir verhaften, der ist grundsätzlich schuldig“ – Lawrenti Berija), und führt als solcher seit Jahren einen Privatkreuzzug gegen den privaten Besitz alter Dinge, die er nur in deren Heimatländern gut aufgehoben wähnt. Nachdem er in Zusammenarbeit mit hessischen Polizeibehörden vor Jahren Beschlagnahmen bei Menschen durchführen ließ, die geringwertige Antiken erworben hatten, erlitt er vor Gericht bei der Überprüfung dieses Vorgehens so kompletten Schiffbruch, daß der Richter an seinem Verstand zweifelte angesichts des fanatischen Missionseifers, mit dem Herr M.-K. und die Polizei gegen jegliches geltende Recht vorgegangen waren. (VerwGer Frankfurt 2.7.2010, Geschäftsnr. 5 K 1082/10.F) Herr M.-K. änderte die Strategie, trat den Marsch durch die Institutionen an und diente sich der Regierung als „Experte“ (kein geschützter Begriff) im Kampf gegen den Terrorismus an. Bekanntlich kann man die Abschaffung von Bürgerrechten am leichtesten mit dem Kampf gegen Terroristen begründen. Kunsthandel durch ISIS ist in der Presse ein weit verbreitetes Phänomen, aber nur in Publikationen, die von Herrn M.-K. und dem Journalisten Günter Wessel, der darüber ein Pamphlet in Buchform verfaßt hat, abgeschrieben haben. Der deutsche Zoll weiß davon nichts. Noch ist fraglich, ob es diesen Handel überhaupt gibt, ob ihn die Herren M.-K. und Wessel überhaupt erst aus dem Hut gezaubert haben, oder ob sie nur seine Bedeutung maßlos übertreiben ("wie Waffen- und Drogenhandel"), um Druck auf Politiker zu machen. Politiker freuen sich, wenn in Dingen, von denen sie nichts verstehen, ein „Experte“ auftritt und leicht faßbare, pressewirksame Argumente mit großer Überzeugungskraft vorträgt; die Bundestagsabgeordneten sind diesen Argumenten ziemlich geschlossen und mit Freuden zum Opfer gefallen, nun wird Herrn M.-K.s privater Kreuzzug Gesetz. Jeglicher Einwand wird als Versuch der Mafia, ihr Geschäft zu retten, abgetan. Die massiven Eingriffe in Bürgerrechte (Rückwirkung des Gesetzes, Beweislastumkehr) werden unter den Tisch gekehrt und werden später Gerichte noch lange beschäftigen. In Irak und Syrien ist in der Tat seit Jahrzehnten der private Besitz antiker Dinge verboten. Dieser katastrophale Fehler führt dazu, daß die ISIS-Verbrecher in eroberten Städten nur im örtlichen Museum alles kaputthauen müssen, um das kulturelle Gedächtnis einer Stadt oder Region zu löschen. Diese Regelung will Herr M.-K. nun als Vorbild und zum Vorwand nehmen, um bei Besitz antiker Dinge durch Privatmenschen in Deutschland grundsätzlich illegalen Besitz anzunehmen und die Beweislast umzukehren. Daß antike Dinge in ihre Herkunftsländer gehören, ist Unsinn – nur eine breite, weltweite Streuung wertvoller Dinge kann Verluste minimieren. Wenn ISIS oder Geistesverwandte das Ägyptische Museum in Kairo sprengen, ist die Hälfte des ägyptischen Kulturerbes auf einmal verloren. Schauen wir mal, ob die Nofretete dann noch in Berlin steht...
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