"Kriminaldauerdienst" im ZDF Der menschliche Makel

Der Freitagabend im ZDF galt bislang als Kaminstunde des Fernsehkrimis. Mit "KDD – Kriminaldauerdienst" ändert sich das: Wo Kommissare wie "Der Alte" zuvor mit staatstragender Noblesse ermittelten, verbreiten die Ordnungshüter aus Berlin-Kreuzberg jetzt Chaos und Verzweiflung.

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Der Laden ist ziemlich unübersichtlich. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, und kaum jemand sagt Hallo oder Tschüss. Die Frauen und Männer vom Kriminaldauerdienst in Berlin-Kreuzberg verwalten jedes Delikt, das übers Falschparken hinausgeht; vom Diebstahl bis zur schweren Korruption. Meist kümmern sie sich allerdings nur darum, bis ein anderes Kommissariat übernimmt. Mit jedem Klappern der Verhörzellentür rauscht ein neuer Delinquent an, offenbart sich ein weiteres trauriges Großstadtschicksal. Es geht also vor allem um Geschwindigkeit auf diesem Rangierbahnhof der Verbrechensbekämpfung.

Kriminaldauerdienst-Team: Gewusel auf dem Revier
ZDF / Joachim Gern

Kriminaldauerdienst-Team: Gewusel auf dem Revier

Leider werden in der Eile gelegentlich die Weichen falsch gestellt. Denn wo Verwaltungsapparate auf Effizienz getrimmt werden, übersieht man eben gerne eine wichtige Größe: den menschlichen Faktor. Den Ordnungshütern Kreuzberger Revier kann man erstmal nichts vorwerfen; die meisten absolvieren ihre Schichten mit großer Aufopferungsbereitschaft. Sie sind echte Profis – die als Privatiers indes jämmerlich versagen.

Und so schiebt sich hier ein beunruhigender Gedanke ins Fernsehkrimi-Allerlei: Will man wirklich, dass die Welt von Leuten in Ordnung gehalten wird, die nicht mal ihr eigenes Leben in den Griff bekommen? Eine Frage, die gerade am beschaulichen Freitagabend im ZDF für Verstörung sorgt. Hier wird ja traditionell mit einer staatstragender Noblesse ermittelt, die jeden Polizeipräsidenten wohlwollend lächeln lässt: Vom Klassiker "Der Alte" bis zum jüngsten, recht gelungenen Modernisierungsversuch "Der Kriminalist" – die Integrität der Ermittelnden war bei der "Kaminstunde" der Krimiunterhaltung bislang immer garantiert. In "KDD" (Buch: Orkun Ertener, Produktion: Kathrin Breininger) wird nun die Trennlinie zwischen Gut und Böse denkbar dünn gezeichnet. Teilweise verwischt sie komplett.

Quickie im Waschraum

Verdächtige, Zeugen, Ordnungshüter – zu Beginn der eineinhalbstündigen Pilotfolge muss man sich erstmal im Gewusel auf dem Revier orientieren, um herauszufinden, wer welche Funktion innehat. Mosern tun sie alle. Da ist der alte Haroska (Manfred Zapatka), ein trockener Trinker, dem so mancher wohl einen Rückfall wünscht, auf dass er wieder zu einem genießbaren Kollegen wird. Da ist der junge Falckenstein (Barnaby Matschurat), Spross eines reichen Berliner Verlegers, der Junkie-Mädchen aus Mitleid gerne mal einen Zehner zusteckt. Ein Sozialarbeiter mit Schusswaffe. Und da ist die lesbische Wachdienstführerin Bender (Saskia Vester), die ihren Kollegen tunlichst ihre sexuelle Neigung verschweigt. In Doppelschichten hocken die Ordnungshüter aufeinander, aber sie kennen sich eigentlich nicht. Da hilft auch kein Quickie im Waschraum.

So schmuggelt Regisseur Matthias Glasner, der die ersten "KDD"-Folgen gedreht und den Tonfall vorgegeben hat, Themen in die Produktion, die im traditionellen Freitagskrimi eigentlich keinen Platz haben. Es geht um Flüchtigkeit und Entfremdung, Strukturchaos und Rationalisierungswahn. Glasner, der für sein Vergewaltigerdrama "Der freie Wille" bereits quasi-dokumentarisch gearbeitet hat und für "Eva Blond" den Rahmen des TV-Krimis risikofreudig geweitet hat, verzichtet allerdings darauf, sein Anliegen auf dem Tablett zu servieren. Die Figuren werden eher nebenbei charakterisiert, die Aufklärung der Verbrechen liefern die Polizisten oft in Nebensätzen, und niemand fasst hier Ermittlungsschritte noch mal für die etwas Langsameren unter den Zuschauern zusammen. Für die ZDF-Stammkundschaft, die bislang während der Fernsehkrimis ruhigen Gewissens in die Küche gehen konnte, um ihre Käse-Igel neu zu bestücken, stellen die Handkamera-Touren durchs urbane Chaos und Kommissariatswirrwarr in "KDD" eine schöne Zumutung dar.

Verstörender Trip

Da mag man sich kaum der Hoffnung hingeben, dass die tolle Produktion ein Erfolg werden könnte – zumal sie auch noch als Drama-Serie angelegt ist, ihren Plot also über die unterschiedlichen Folgen ausspinnt. Was in den USA, siehe "Lost" oder "24", gerade auch das Thriller-Format zu neuen Höhen geführt hat, scheint hierzulande unweigerlich zum Scheitern verurteilt. Erst kürzlich wurde ja der Sat.1-Vierteiler "Blackout – Die Erinnerung ist tödlich" als Quotenleiche im Spätprogramm beerdigt. Wie ein böses Omen wirkt es da, dass man für das ZDF-Pendant nun im gleichen Milieu, also zwischen Kreuzberg und den schickeren Berliner Stadtrandzonen, einen monströsen Korruptionsfall ausrollt – und das auch gleich noch über mehrere Folgen.

Dabei liegt die Stärke von "KDD" gerade auch im Detail: Von der Tochter des türkischen Gemüsehändlers, die einen Überfall auf den Laden ihres Vaters inszeniert, um von der eigenen Vergewaltigung abzulenken, bis zur Hartz-IV-Empfängerin, die sich zusammen mit einem abgehalfterten Arzt eine Tochter erfindet, damit sie Kindergeld beantragen kann - präzise werden die ökonomischen und psychokulturellen Widersprüche des Berliner Kiezes aufgezeigt. So gesehen handelt es sich bei dem Schocker "KDD", mit dem nun der beschauliche und stets etwas weltferne ZDF-Freitagabend aufgemischt wird, um viel mehr als eine weitere Krimi-Serie. Ein verstörender Trip in ein System vor dem Kollaps.


KDD – Kriminaldauerdienst, 21.15 Uhr, ZDF



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