Krise der Printmedien Wieso die Zeitung in Existenznöten ist

Schwindende Auflagen, sinkende Einnahmen, kaum noch junge Leser: Zeitungen sind in der größten Sinnkrise ihrer Geschichte. "SZ-Magazin"-Autor Georg Diez über die selbstverschuldete Krise - und die übertriebene Panik der Print-Journalisten.


Ist die Zeitungsindustrie für die Zehnerjahre unseres Jahrhunderts, was die Stahlindustrie für die Achtziger des letzten war? Und wenn das so ist: Wann sehen wir Fackelzüge von Journalisten und Druckern? Wo bleibt die Solidarität der Bevölkerung, für die wir das alles tun? Stirbt eine ganze Branche - und ausgerechnet die, die mit Nachrichten handeln, tun sich schwer, die Menschen zu mobilisieren?

Zeitungsleser am Kiosk: Bedrohte Spezies?
REUTERS

Zeitungsleser am Kiosk: Bedrohte Spezies?

Im Jahr 2043 wird die letzte Zeitung gedruckt, das sagte Philip Meyer voraus: in seinem Buch "The Vanishing Newspaper", das schon 2004 erschien - bevor Facebook und Twitter die Art und Weise revolutionierten, wie Menschen kommunizieren, und den Begriff der Nachricht neu definierten; bevor Tim O'Reilly den Begriff Web 2.0 erfand und die Chiffre schuf für die ganze Partizipationseuphorie und den stolzen Satz von der "Weisheit der Vielen"; und bevor die Finanzkrise die Zeitungshäuser und Magazinverlage in die zweite existentielle Krise innerhalb eines Jahrzehnts zwang. Haben die Zeitungen ihr Überleben hinter sich?

2043, das klingt heute schon verwegen optimistisch. Wir leben auf der Schwelle eines Kulturbruchs, und das Prophetische, das in dieser Formulierung mitschwingt, muss einem nicht gefallen. Und tatsächlich gibt es Menschen, die sagen: Das wollen wir nicht, das gefällt uns nicht - was ein wenig so ist, wie wenn man beim Ausbruch eines Vulkans sagt: Das will ich nicht, das gefällt mir nicht. Es geht aber nicht darum, ob sich Zeitungen und Magazine im Angesicht ihres Endes verändern müssen - es geht nur darum, wie sie sich verändern und wie schnell sie das tun.

Zurzeit herrscht allerdings eine große Ratlosigkeit. Manche Journalisten verteidigen Ehre und Ethos ihres Berufes. Sie behandeln Papier wie einen Fetisch und sagen: Nur was gedruckt ist, kann Journalismus oder Wahrheit oder Kritik sein. Manche Journalisten werfen sich mit Verve ins Internet und predigen und preisen die Chance und die Schönheit dieser neuen digitalen Welt. Die meisten haben nur Angst um ihren Job.

Und aus den USA, oft ein paar Jahre voraus, kommen die Nachrichten im gefühlten Trommelfeuer - eine ruhmreiche und preisgekrönte Zeitung nach der anderen, vor 180 Jahren gegründet, wird nun eingestellt oder erscheint nur noch online. Und es ist das immer gleiche Muster: Entlassungen, Sparrunden, geschlossene Auslandsbüros - erst verschwindet die Qualität, dann die Zeitung.

Drei Indikatoren zeigen, wie dramatisch die Situation ist, die einen medialen und einen demografischen Wandel beschreibt.

Da ist zum einen die Auflage, weil sie die klassische Art ist, wie Zeitungen ihren Erfolg messen. In den vergangenen zehn Jahren haben die deutschen Tageszeitungen jeden fünften Leser verloren, die Jahresauflage stürzte von 30 Millionen auf unter 24 Millionen ab, die Auflage der "Vogue" sank im vergangenen Jahr um 11,4, die der "Brigitte" um 7,2 Prozent. SPIEGEL und "Stern" scheinen da im Vergleich noch relativ stabil, und die überregionalen Tageszeitungen trotzen bislang sogar dem Trend und halten ihre Auflage. Ist das alles nur durch das Internet zu erklären?

Einer wie der Autor Jeff Jarvis behauptet sogar, dass die Zeitungen und Magazine selbst Schuld tragen, weil sie zu lange zu borniert waren, um zu sehen, dass sie am Leser vorbeiarbeiteten. Das Auflagenproblem, sagt er, ist auch ein inhaltliches Problem.

Der zweite Indikator ist der Anzeigenerlös, weil es die eigentliche Art ist, wie Zeitungen ihr Geld verdienen. Auch hier gibt es dramatische Rückgänge, die internationalen Tageszeitungen verloren von 2000 bis 2007 mehr als zwei Milliarden Euro an Einnahmen.

Der dritte Faktor schließlich ist das Alter der Leser, weil das verdeutlicht, wie dauerhaft das veränderte Medienverhalten sein wird. Der Durchschnittsleser einer Tageszeitung war 2008 knapp über 50, nur vier Prozent der unter 20-Jährigen lesen eine überregionale Tageszeitung. Sind die also alle im Internet?

Das Problem ist: Das Print-Geschäftsmodell bricht zusammen, aber es ist immer noch nicht klar, wie man mit Nachrichten im Internet Geld verdienen kann. In der Zwischenzeit leidet der Journalismus, gerade in wirtschaftlich und politisch aufwühlenden Jahren. Was also ist die Lösung? Zeitungsmuseen, so wie heute schon Museen aus den Stahlruinen entstehen? Oder doch philanthropische Zeitungsstiftungen, wie das in den USA diskutiert wird? Das wäre dann die Abkoppelung vom heiligen Prinzip der Auflage.

Georg Diez, 39, ist Autor des "Süddeutsche Zeitung Magazins"

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insgesamt 254 Beiträge
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Seite 1
medienquadrat, 07.05.2009
1. ...
ja
medienquadrat, 07.05.2009
2. ...
entschuldigung, dass ich erst so einsilbig gewesen bin, aber es gibt leider keine andere Antwort mehr angesichts des World Wide Web. Printmedien haben zwar einige Vorteile, man kann sie mit aufs Klo nehmen, an Arbeitskollegen weiterreichen, aus ihnen etwas rausreißen oder Fisch in ihnen einwickeln... aber sie haben nun einmal als Medium der Aktualität ausgedient. Und, da sie sich nahezu ausschließlich durch das Wohlwollen der Inserenten finanzieren, werden schließlich nur noch Printmedien übrig bleiben, die auch den Ansprüchen genügen, die man früher einmal an "Zeitungen" hatte. Fachzeitschriften besonderer Nischen dürften da noch ein wenig länger leben, oder Kundenzeitschriften. Von der Bäckerblume, über die Kundenzeitschriften der Apotheken, Reformhäusern und Reisebüros lassen sich Aktualitäten in Verbindung mit - Edmund Stoiber hat es dankenswerterweise so geprägt - Kompetenzkompetenz vermitteln, die man mühsam, im Detail und in ihrer verlässlichen Treue zur Wahrheit im World Wide Internet suchen müsste. Allerdings schwindet die Notwendigkeit bei den Verbrauchern auch mit der Errosion des verfügbaren Geldes, sich für die Themen auch so zu interessieren, dass die Finanziers die Medien weitermit ausreichend Annoncen alimentieren. Auch dürften diese Printmedien schon wieder der Aktualität hinterherhinken, in einer Welt, wo kurzfristigst entschieden wird, man also aktuelle Aktualität benötigt.
harm ritter 07.05.2009
3.
Glaube ich nicht. Solche Flaggschiffe wie "Spiegel" oder "Stern" werden die Krise wohl überstehen. Aber ob wirklich jede Kleinststadt noch ihr Lokalblatt braucht, darüber gebe ich keine Prognose ab.
alpenjonny 07.05.2009
4. Gratiszeitungen
Gruezi nach D, hello! Auch in D fallen mir immer mehr Leute auf, die in der Strassenbahn, Bus oder Zug die billig aufgemachten Gratsizeitungen lesen. Viele lassen den Zeitungsramsch achtlos auf den Sitzen liegen, in der CH reden wir bereits seit längerem von einem "newslittering" wie es so schön auf Neudeutsch heisst. Die Gratiszeitungen setzen sogar in D der BILD-Zeitung zu, dem früheren Leiblatt vieler Bundesbürger. Die Auflagen sinken von Jahr zu Jahr. Auch in der CH, bei uns ist das der BLICK. Das journalistische Kurzfutter genügt offenbar mehrheitlich vielen. Hintergrundinfos und genaue Recherchen über ein Thema? Uninteressant, wozu auch? Man fingert lieber lustlos während der Fahrt im ÖV am Handy rum, redet lautstark ins Ding rein: wo bist du jetzt und was machst? Bin gerade am kacken, und du? Als Pendler, der täglich zwei Stunden Zug fahren muss, sehe mich ich bald einmal als Angehöriger der geistigen Elite bei uns. Die meisten Passagiere lesen nur Gratiszeitungen,und hören dazu über Kopfhörer überlaut monotone einfältige Pop-Rock-Musik der untersten Schublade. Passt bestens ins Bild, einfältig und doof. Die merken nicht einmal wie lächerlich sie auf Zeitgenossen wirken, die noch konzentriert eine gute Zeitung oder ein Buch lesen. Die gewollte Verdummung und das Nichtwissen breiter, denkfauler Bevölkerungsschichten nahm in den letzten Jahren massiv zu. Es ist mehrheitlich die junge Generation, die den klasssischen Tageszeitungen den Rücken kehrt und von geistiger Nahrung nicht viel hält. Dazu gehört auch, dass ein Bürger ruhig mal ab und zu vor dem Einschlafen ein Kapitel in der Bibel lesen könnte. Zuviel verlangt? Aber sicher. Vermutlich sehen mich jetzt viele als Exoten, es hat aber noch immer recht viele, zum Glück, die so denken wie ich. Sonst wären ja die Tageszeitungen schon lange vom Markt verschwunden. Vermutlich ist die Wirtschaftskrise noch lange nicht gross genug, um ein Umdenken anzuheizen. Dazu gehört sicher auch die tägliche Lektüre der Tagespresse. Gratiszeitungen verbreiten nur heisse Luft, hinterher steht der Leser nur im luftleeren Raum da. Orientierungslos im Nebel der Infos die über den Bildschirm und das Radio hereinrieseln. Eine eigene Meinung bilden? Gott behüte, lieber dem "mainstream" der anderen folgen, das Getratsche aufnehmen und selber weiter verwursteln, bis zum Kotzen und drüber hinaus. Deutschland, das Land der Denker und Dichter, ist für mich teilweise auf ein erbärmlich geistiges Niveau gesunken. Die Schweiz bildet keine Ausnahme, auch bei uns muss von gewollter Dummheit, Nichtwissen und völliger Ignoranz vieler wichtiger Aufgaben, die den Staat und schlussendlich auch den Bürger betreffen, geredet werden. Gegen Dummheit, Nichtwissen und geistige Faulheit in unserer westlichen Geselsllschaft kämpfen selbst Götter vergebens.
chevy57 07.05.2009
5.
Zitat von harm ritterGlaube ich nicht. Solche Flaggschiffe wie "Spiegel" oder "Stern" werden die Krise wohl überstehen. Aber ob wirklich jede Kleinststadt noch ihr Lokalblatt braucht, darüber gebe ich keine Prognose ab.
Wenn wir über die Zeitung in Papierform reden glaube ich schon, dass da in Zukunft die ein oder andere "sterben" wird. Wer einen Internet-Anschluss besitzt, kann sich in Windeseile vielfältig, umfangreich und höchstaktuell informieren. Auch die kleineren Lokalblätter verfügen ja heutzutage über einen Webauftritt. Wozu also noch den Papierwust? Nur, um ihn mit auf`s Klo zu schleppen?
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