Krise des Konservativen Wie ich aus Versehen ein Linker wurde

Ackermann, Merkel: Da oben in der Kanzlerkapsel die Elite - da unten in der Nacht Hartz IV
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Ackermann, Merkel: Da oben in der Kanzlerkapsel die Elite - da unten in der Nacht Hartz IV

2. Teil: Pointe mit üblem Nachgeschmack


"FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher schrieb eine Glosse dazu unter dem Titel "Ich war dabei". Wer Schirrmacher kennt, weiß, dass er neben aller Brillanz ein übermütig-böses Kind sein kann. "Ich war dabei" ist eine Anspielung auf Schönhubers Bekenntnisbuch zur Waffen-SS. Das ist nun ganz sicher, um im Küchensprech der "FAZ" zu bleiben, "Surströmming", eine Pointe mit üblem Nebengeschmack. Für die publizistische "konservative Elite" wird alles da draußen, da unten zum Witz, besonders die Empörung des linken Gegners. Sie hält sich am liebsten im Schwebezustand der Ironie auf. Sie lacht die Ausgesperrten aus.

Ganz sicher geht es nicht um die drei Euro für die Kosten des Abends, sondern um das brechtsche Lehrstück, das darin enthalten war. Da oben traf sich im Licht der glänzenden Kanzlerkapsel die Elite, unten in der Berliner Nacht Hartz IV. Dazwischen keine Vermittlungen mehr, ein abgebrochener Funkkontakt. Die Tafelrunde im Kanzleramt spiegelte eine Gesellschaft aus den Fugen. "Ich glaube, die Politiker und die Journalisten verstehen gar nicht, was sich hier unten abspielt", sagte ein Anrufer in einer der letzten Plasberg-Sendungen.

Wie es aussieht, besonders seit den Wahlen in Thüringen, dem Saarland und Sachsen, sind die großen Volksparteien erschöpft. Die entscheidenden Stromstöße erhält der erschlaffte Herzmuskel der Republik derzeit von links und von rechts, von den Grünlinken auf der einen, und den Markt-Liberalen der FDP auf der anderen Seite.

Stärkung der Zivilgesellschaft

Doch es geht nicht nur um den Kampf gegen Armut. Die Vergötterung des Geldes hat uns auch seelisch verarmt. Unüberhörbar ist das Summen der Angst. Wir sind an einem historischen Scheitelpunkt angelangt und scheinen nicht mehr Herr der Lage zu sein. Das Vokabular geht uns aus. Wir reden an den Dingen vorbei. Wir leben mutlos. Wir leben in "Zeiten des Niedergangs". Ernst Jünger, der große konservative Einzelgänger, hat sie beschworen in seiner Erzählung "Auf den Marmorklippen", einer glühenden Mahnung am Vorabend der Nazi-Katastrophe: "Wenn wir in sie geraten, taumeln wir als Wesen, die des Gleichgewichts ermangeln, hin und her."

Wo es Widerstand geben sollte, kämpft jeder einstweilen taumelnd für sich gegen die Angst, nicht gebraucht zu werden, wahrscheinlich ist die noch intensiver als die Sorge ums tägliche Brot. Die Depressions- und Stresserkrankungen steigen und gleichzeitig das Gefühl ständiger Überforderung und zunehmender Sinnleere. Es geht nicht nur um den Klimawandel, sondern um einen grundlegenden Kulturwandel. Um den besonders. Auch wir, Angehörige der erfolgreichen, sozial integrierten Mittelschicht, sind, wenn wir nicht komplett abgestumpft sind, in eine Phase des fortwährenden Selbstgesprächs eingetreten. Wir sind auf der Suche nach einem Lebensthema, nach Selbsttranszendenz. Wie können wir einen Unterschied machen? Es wird Zeit, dass wir die Fenster aufstoßen im allgemeinen Geblödel, hin zu einer neuen Ernsthaftigkeit, zu Partizipationen, zu neuem Empowerment.

Die Konservativen bei uns haben keine Antwort darauf, im Gegensatz zu denen anderer Länder, wie der Politologe Franz Walter jüngst darlegte. In den Niederlanden wird der christlich durchwirkte Kommunitarismus wiederbelebt, in Großbritannien setzt sich Tory-Chef David Cameron programmatisch für "ethical capitalism" ein, für eine Stärkung der Zivilgesellschaft.

Öde Lifestyle-Spießerei

Nur bei uns ist der Konservativismus zu einer öden Lifestyle-Spießerei und verspäteten Abrechnungen mit dem linken Gegner von einst abgesunken. Doch dürfte selbst aus Sicht der Borchardt-Stammtische die CDU nicht besonders cool wirken, ihre Wähler rekrutiert sie noch mehr als andere Parteien aus Arbeitslosen und Rentnern - also aus jenen, über die sie sich sonst schieflachen.

Am zukunftsgewandtesten sind von allen wohl die Grünen, die ahnen, dass sich die sozialen Bewegungen von morgen nicht mehr über Parteien organisieren, noch nicht mal mehr über das ideologische Koordinatensystem links/rechts, sondern in einer neuen Apo. Sie verknüpft sich unterschwellig, in der Guerilla-Kommunikation des Internets, in Selbstentwürfen aus Facebook-Profilen, sie investiert in Fonds, die die Menschenrechte berücksichtigen, in Kooperativen wie dem nachhaltigen Stromerzeuger EWS in Schönau im Schwarzwald. Der Schock über 9/15, den Tag des Börsencrashs, sitzt tiefer als der über 9/11, denn er stellt das System in Frage.

Ein ganzer Schwung von Büchern kommt derzeit auf den Markt, die dem politischen Denken jene Dimension zurückzuerobern versuchen, die es in den Jahren des visionslosen Durchwurschtelns abgestreift hat: das utopische Moment, eine neue kritische Theorie, und über allen schwebt das Dringlichkeitsmotto aus Sloterdijks Bestseller "Du musst dein Leben ändern".

Keiner weiß im Moment, wohin die Reise geht. Fest steht nur eines: Wir müssen uns einschiffen wie Werther, entdecken, gewinnen, streiten, scheitern. "Oder mit aller Ladung in die Luft sprengen".

Es steht einiges auf dem Spiel, für uns und die Generationen nach uns.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 303 Beiträge
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Schneemann_, 11.09.2009
1. "Zunächst ist es ein ästhetischer Abwehrreflex."
Den Artikel hatte ich gestern morgen in der Printausgabe gelesen und fand ihn überaus treffend. Gedacht habe ich sofort an Heiner Geißler, welcher inzwischen ja einen ähnlichen Flügelwechsel von rechts nach links hinter sich hat, und man bekommt den Eindruck, nicht er, sondern die Gesellschaft habe sich verschoben.
Sgt_Pepper, 11.09.2009
2. Toll.
Zitat von sysopVon einem, der aus Versehen links wurde. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,648339,00.html
Schöne Zusammenfassung eines Zustands, den ich im Moment ähnlich erlebe. Würde mich freuen, wenn der Spiegel öfters solche "Perlen" bringen würde...
lalito 11.09.2009
3. Jep
Zitat von sysopVon einem, der aus Versehen links wurde. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,648339,00.html
Auf den Punkt gebracht!
silver11 11.09.2009
4. Bravo
Zitat von sysopVon einem, der aus Versehen links wurde. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,648339,00.html
BRAVO! Endlich wieder DER Matussek den ich in NEW YORK schätzen gelernt habe. Nach einigen Verirrungen findet er wieder zurück zu erstklassigen Journalismus. Es ist erfreulich das sie Matussek nun bekennt. Danke.
specchio, 11.09.2009
5. Bravo
freut mich, wenn achtbare Leute formulieren, was zum Beispiel ich ganz deutlich fühle.
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