S.P.O.N. - Der Kritiker Westen ist nur ein Wort

Ständig ist vom "Westen" die Rede - dabei ist dieser selbstverständlich gebrauchte Begriff problematisch: Was er beschreibt und bedeutet, kann je nach Interessenlage umgedeutet werden.

Eine Kolumne von


Der Westen hat ein Problem, das merkt man schon daran, dass er gerade so oft fast krampfhaft zum "Westen" gemacht wird.

Frei ist er und gut und aufseiten von Demokratie und Menschenrechten, so heißt es, wenn es gegen Putin geht oder gegen den IS - obwohl das Beispiel Syrien ja zeigt, dass das nicht stimmt.

Baschar al-Assad ist ein Feind von Demokratie und Menschenrechten - trotzdem darf er seit mehr als drei Jahren sein Volk abschlachten, ohne dass die Nato, die USA oder Deutschland etwas tun.

Und wenn es gegen den IS geht, wo nun von Waffenlieferungen bis Bodentruppen all das möglich ist, was in Syrien zur Unterstützung der Opposition gegen Assad angeblich nicht machbar war, wird er sogar wieder zum möglichen Partner.

Der "Westen" zeigt sich damit als eine Chiffre für Macht und Interessen - gerade wenn man nicht will, dass Worte wie Demokratie und Menschenrechte noch mehr beschädigt werden, sollte man darauf achten, dass man den "Westen" nicht als Kampfbegriff verwendet.

Denn da beginnt die Propaganda: dass man die Welt mit Worten baut, dass sich die Worte vor die Welt schieben, dass Sprache die Realität ersetzt.

Und was die Realität des Westens ist, das beschreibt George Packer am Beispiel Amerikas in seinem Bestseller "Die Abwicklung": ein Land, das sich in den 30 Jahren seit der Reagan-Revolution von einer Demokratie in eine Oligarchie verwandelt hat.

Was die Realität des Westens ist, das beschreibt auch Thomas Piketty in seinem Bestseller "Capital in the Twenty-First Century": ein System, das durch die innere Logik des Kapitalismus zu immer mehr Ungleichheit führt.

Was die Realität des Westens und der Welt überhaupt ist, das beschreibt Naomi Klein in ihrem bald erscheinenden Buch "This Changes Everything": ein Planet, der um sein Überleben kämpft, weil es einen Kampf gibt, so der Untertitel des Buchs, "Capitalism vs. The Climate".

All das schwingt mit, wenn man vom "Westen" spricht, all das kann man nicht ignorieren, nur weil auf einmal ein Gegner da ist, gegen den man Geschlossenheit zeigen muss.

Denn auch das ist Propaganda: Wenn aus dem "Ich" ein "Wir" wird und von "uns" und "denen" die Rede ist - das ist das gefährliche Denken hinter Samuel Huntingtons jetzt oft wiederholter These vom "Kampf der Kulturen".

Die Schwäche des Westens zeigt sich vor allem im Inneren

Der "Westen" wird damit von einem beschreibenden Begriff zu einem Akteur, der als "Wertegemeinschaft" vor allem im außenpolitischen Teil der Zeitungen und der anderen Medien vorkommt.

Geht es aber um die Wirtschaft, ist die Metaphorik eine ganz andere: Das Cover des "Economist" zeigt in dieser Woche Angela Merkel, François Hollande, Matteo Renzi und als Rettungsmann Mario Draghi in einem sinkenden Euro-Papierschiffchen.

Diese kognitive Dissonanz macht das Reden vom "Westen" gerade so problematisch - und womöglich hat das eine sogar mit dem anderen zu tun.

Denn die Krise des Westens ist real, die Schwäche des Westens zeigt sich nicht nur oder gerade in der Außenpolitik, sie zeigt sich vor allem im Inneren, in Ferguson wie in Madrid, in Lampedusa wie in Berlin, sie zeigt sich an einer oft perspektivlosen Jugend und einer überalterten Gesellschaft, sie zeigt sich weniger an der Front von Mossul und mehr in den Schulen und Krankenhäusern von Moabit und Milbertshofen.

Wenn man also beides zusammenbringt, die Außenpolitik und die Wirtschaft, dann sieht man, wie der "Westen" gerade dabei ist, seine eigenen Grundlagen zu zerstören: das kapitalistische System, das so eng, historisch wie ideologisch, mit dem Konzept der Demokratie verbunden ist.

Der Kapitalismus hat sich schon andere Wege und andere Partner gesucht, autoritäre Systeme wie in China oder in Russland oder in der Türkei oder in Singapur. Das funktioniert, für den Kapitalismus, den alten Schlawiner, ganz gut.

Die Demokratie dagegen steht nackt da. Aber von welcher Demokratie ist da überhaupt die Rede?

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insgesamt 64 Beiträge
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fred2013 29.08.2014
1. Es gab auch mal Zeiten
da haben die Bürger noch was für ihre rechte getan, haben Sie eingefordert, sind dafür auf die Strasse gegangen, haben sich solifarisch gezeigt. Heute lassen wir uns alle unsere demokratischen Rechte wegnehmen und merken es noch nicht einmal. Sic transit gloria mundi
analyse 29.08.2014
2. Da sieht man doch,zu welchen Fehlurteilen kognitive Dissonanz
führen kann:Wenn das Hauptziel Kapitalismuskritik ist,verliert man die Realität aus dem Auge!Kapitalismus ist keine Ideologie,sondern eine Wirtschaftsform! unsere Soziale Marktwirtschaft,wird ja auch dem Kapitalismus zugerechnet ! (Die DDR hat fleißig daran gearbeitet den Begriff Soziale Marktwirtschaft durch "Kapitalismus" zu ersetzen,westliche Medien waren folgsam!)Kapitalismus läßt sich eben leichter kritisieren! Tatsächlich ist es Deutschland in den letzten 60 Jahren so gut gegangen ,wie nie zuvor ! Da hilft dcen Linken dann nur Miesmacherei und die Prophetie des Untergangs! (Seit den 50er Jahren übrigens) Zur Vorbeuge:Fehlerlos ist unser System nicht,da wir alle nicht fehlerlos sind! Aber seit vielen Jahren der beste Staat unter den vergleichbaren Industrienationen zu sein ist doch eher ein Grund zur Dankbarkeit ,statt zu ständiger Kritik!
Duzend 29.08.2014
3. Demokratie? Churchill fragen!
Das beste Argument gegen Demokratie sei noch alleweil eine etwa fünfminütige Unterredung mit dem Durchschnittswahlberechtigten, habe Churchill einmal kommentiert. Worin besteht hier die kognitive Dissonanz? Etwa darin, dass dem, der sich so äussert, ganz schwummrig wird, wenn er daran denkt, welche Wahlentscheidungen der Durchschnittswähler so alles treffen würde? Das hiesse in anderen Worten: "Wisst ihr Leute, warum die Demokratie eigentlich besser abgeschafft würde? Weil ihr immer so'n Mist wählt." Also: Wäret ihr schlauer, aufgeklärter oder einsichtiger, dann könnte man es viel eher verantworten, euch Wahlfreiheit zu lassen. So besser nicht. Ein Vorwurf direkt an die Wähler und nur indirekt ans System, weil man dazu erst zugeben müsste, dass es das System ist, das Wähler davon abhält, ausreichend informiert zu sein. Aber gemeint war wahrscheinlich noch etwas ganz anderes: Nach etwa fünf Minuten Gespräch mit einem Stimm- und Wahlberechtigten wird man spätestens das erste mal unsicher, wie sehr denn dem Gegenüber überhaupt am Erhalt der Demokratie gelegen ist. Was er oder sie dafür zu opfern bereist sein könnte, dass ich auch mitbestimmen darf. Ich behaupte, dass von hundert Bürgern eines Landes, die sich irgendwie zu kurz gekommen oder unterversorgt fühlen, mehr als fünzig sofort bereit wären, Abstriche an der Demokratie hinzunehmen, wenn ihnen im Gegenzug eine bessere materielle Versorgung in Aussicht gestellt würde. Wer Demokratie abschaffen will, muss nur für ein breitgestreutes Gefühl des Notleidens und der Krise sorgen, schon rufen viele nach der starken Hand, die Abhilfe schaffen soll.
luny 29.08.2014
4. Pyrrhussieg
Zitat von fred2013da haben die Bürger noch was für ihre rechte getan, haben Sie eingefordert, sind dafür auf die Strasse gegangen, haben sich solifarisch gezeigt. Heute lassen wir uns alle unsere demokratischen Rechte wegnehmen und merken es noch nicht einmal. Sic transit gloria mundi
Hallo Fred2013, wie haben alle über den "Sieg des Kapitalismus" überden "Kommunismus" gejubelt! Anscheinend etwas voreilig, denn damit verlor derKapitalismus sein soziales Antlitz. Der Kapitalismus feiert lustige Urstände, die Reichenwerden reicher, die Armen werden ärmer. Hier in Deutschland ist von der "sozialen Marktwirt-schaft" auch nicht mehr viel übrig. Daß die Demokratie dabei auf der Strecke bleibt, istein Kollateralschaden. Der Souverän wird nur noch kurz vor Wahlen umworben, danach möge er bitteschweigen.
Hesekiel 29.08.2014
5.
"Und wenn es gegen den IS geht, wo nun von Waffenlieferungen bis Bodentruppen all das möglich ist, was in Syrien zur Unterstützung der Opposition gegen Assad angeblich nicht machbar war, wird er sogar wieder zum möglichen Partner." Fehleinschaetzung, Herr Dietz. Der IS war in Teilen einst die Opposition gegen Assad, und daran offenbart sich, dass eben nicht mehr der Feind meines Feindes mein Freund ist. Assad ist ein Despot, gleichzeitig hat die Unterstuetzung der Opposition den IS erst ermoeglicht. Diktatoren wie Assad zu entfernen oder zu schwaechen ist nicht immer der direkte Weg zu mehr Demokratie und Freiheit in deren Laendern, manchmal laesst man dabei auch Geister wie IS aus der Flasche!
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