Krisen-Talk bei Illner Opel Corsa für alle!

Bei den Banken sind sie fix, für das Volk, da tun sie nix - bei Maybrit Illners Krisenkonklave trumpften Linke-Chef Gysi und Sozialsirene Engelen-Kefer mit Demagogie alter Schule auf. In diesem skurrilen Ambiente fiel es dem Wirtschaftsminister nicht schwer, die Stimme der Vernunft zu sein.

Von Reinhard Mohr


Die Krise ist im neunten Monat, aber kein freudiges Ereignis weit und breit. Nix da.

Im Gegenteil. Es wird immer noch schlimmer. Der Alptraum geht weiter. Das suggerieren jedenfalls die Prognosen von Internationalem Währungsfonds, Wirtschaftsforschungsinstituten und all den anderen Experten, die vor einem Jahr noch keinen Schimmer hatten von dem großen Schlammassel.

Gysi und zu Guttenberg bei Maybrit Illner: Revolution nicht herbeireden
ZDF

Gysi und zu Guttenberg bei Maybrit Illner: Revolution nicht herbeireden

Für den allerneuesten Hype im kollektiven Krisenwahn sorgte DGB-Chef Michael Sommer mit seiner Warnung vor "sozialen Unruhen" wie in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts – kurz vor Hitlers "Machtergreifung". Gesine "Schnatterinchen" Schwan, die famose sozialdemokratische Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten, wollte da keinesfalls zurückstehen und datierte den sozialen Aufstand schon mal punktgenau auf Juli/August 2009: In zwei oder drei Monaten könnte die "Wut" der Leute "deutlich" angewachsen sein. Irgendwann würden die "Halteseile reißen", sagte sie der "Frankfurter Rundschau". Na wunderbar. Vielleicht können wir uns dann die blöde Bundestagswahl am 27. September ganz sparen und gleich einen revolutionären Wohlfahrtsausschuss à la Robespierre einrichten.

Und leise rattert die Guillotine am Gendarmenmarkt.

Im Ernstfall würden Frau Schwans amtliche Redenschreiber dann allerdings viel zu tun haben, um den handgreiflichen Aufruhr der Massen wieder in die Bahnen ziviler präsidentieller Vernunft zu lenken. Dazu müssten die Fernsehansprachen einer Bundespräsidentin Schwan wenigstens bis an die türkische Mittelmeerküste, nach Mallorca und Ibiza, an die Costa Blanca und die französische Atlantikküste reichen, dorthin also, wo sich die krisengeplagten und potentiell revolutionären deutschen Volksmassen im Hochsommer wieder in ihren Zelten, Wohnwagen und Ferienanlagen verbarrikadieren, um ihren althergebrachten Riten des Urlaubsglücks zu frönen.

Man hat den Eindruck, dass gerade biedere deutsche Gewerkschaftsbürokraten wie Sommer, Bsirske & Co., die bei einer wirklichen sozialen Eruption als erste ins gut verbunkerte und voll möblierte Reduit der politischen Klasse flüchten würden, neidisch nach Frankreich blicken, wo Arbeiter ihre Chefs als Geiseln nehmen, Produktionsanlagen demolieren und Betriebe besetzen.

Hierzulande sind organisierte Tarifpartnerschaft und Sozialstaat immer noch derart wirksam, dass der Gedanke an Arbeiteraufstand und Revolte, gar eine gewalttätige Revolution, noch nicht aufgekommen ist.

Muss man sie also herbeireden? Soll man schon mal Sandsäcke im Keller stapeln? Die eingerosteten Handfeuerwaffen vom letzten Krieg aus der Kiste holen? Ist das bloße Wichtigtuerei, taktisches Kalkül oder schlicht verantwortungslose Dummheit, wie Bundeswirtschaftsminister Guttenberg meint?

Wahrscheinlich alles zusammen. Bei "Maybrit Illner" im ZDF, wo am Donnerstag das TV-Dauerkonklave unter ständig wechselnden Titeln (diesmal: Viele Schulden, wenig Rettung. Verbrennt der Staat unsere Steuergelder?") weiterging, beschränkte sich die Rhetorik des sozialen Aufstands jedoch auf die Forderung nach einem dritten Konjunkturprogramm und Gregor Gysis flammenden Appell, auch den Hartz-IV-Empfängern das neue Grundrecht auf Abwrackprämie zu gewähren. Darüber, dass die aufs Arbeitslosengeld angerechnet werden soll, kommt der Fraktionschef der Linken im Bundestag offensichtlich "nu gar nich weg". Da könnte er sich glatt stundenlang empören.

Opel Corsa für alle! So viel soziale Demagogie muss sein in Wahlkampfzeiten. Noch ein paar Halbwahrheiten zu den geplanten "Bad Banks" und der Hinweis auf die staatlichen Milliardenhilfen für angeschlagene Banken, die angeblich nicht mit späteren Gewinnen verrechnet werden – das war’s dann schon.

"Soziale Gerechtigkeit ist die neue Kirche für die Ungläubigen" rief derweil der Kabarettist Mathias Richling von seinem "Satire Gipfel" im Ersten herab, und Ursula Engelen-Kefer, Vorstandsmitglied der SPD und Sozialsirene seit Jahrzehnten muss es irgendwie gehört haben. Mehrmals hielt sie eine lautstarke und kaum zu stoppende Straßenrede wie einst am Gewerkschaftsstand in der Fußgängerzone, deren Inhalt sich ganz leicht zusammenfassen lässt: Bei den Banken sind sie fix, für das Volk, da tun sie nix! Also her mit dem dritten (warum nicht gleich vierten und fünften?) Konjunkturprogramm! Was sind schon 100 oder 200 Steuermilliarden im Licht der sozial gerechten Ewigkeit?

Ihr Glaube, dass eine staatlich gestützte Binnennachfrage die riesigen Ausfälle beim Weltmarkt-Export wettmachen könnte, wirkte geradezu drollig.

Schüchterne Hinweise von Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, dass die strukturellen Nothilfen für das Bankensystem – so gigantisch sie sich ausnehmen – und die staatlichen Konjunkturhilfen für die "Realwirtschaft" zwei Paar Schuhe sind, hatten da wenig Durchschlagskraft. Auch der "Stardesigner" Luigi Colani, an der Phonstärke gemessen Frau Engelen-Kefer absolut ebenbürtig, war schwer zu bremsen in seiner Philippika gegen alles und jedes: die Banken und die Automobilindustrie, Politiker und andere Ahnungslose. Schließlich verstieg er sich auch noch zum Lob für die "gemäßigte" chinesische Diktatur. Da geht natürlich alles ruck zuck! Und die Guillotine, pardon: der Strick ist gleich mit drin im Gesamtpaket.

In diesem skurrilen Ambiente fiel es dem erst 37-jährigen Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg nicht sonderlich schwer, die Stimme der Vernunft zu sein. Bemerkenswert allerdings, wie sicher es ihm gelingt, ohne jedes Schönreden der Krise die Lage zu benennen und gleichzeitig vor immer neuen Konjunkturprogrammen samt Schulden, Hektik und "Kassandrarufen" aller Art zu warnen, die er noch einmal "dumm" und "unverantwortlich" nannte. Interessant auch, dass Guttenberg, direkt neben Gysi sitzend, den deutlich frischeren Eindruck machte, während die x-fach recycelten Sprüche des in die Jahre gekommenen Linken-Idols, von seiner Klientel immer wieder gern gehört, ihre allmähliche Abnutzung nicht verbergen konnten.

Am Ende stand die Erkenntnis: Die Revolution wird wieder einmal ausfallen, der Ausgang der Bundestagswahl aber ist völlig offen.

Das Leben ist ein langer ruhiger Fluss.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 254 Beiträge
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Seite 1
Bayerr, 24.04.2009
1. Wo bleibt die Qualitätskontrolle bei SPON ?
Mies, Herr Mohr, ganz, ganz mies !
donfuan, 24.04.2009
2. Nix
Wenn man das Kind beim Namen nennt, ist das also "Demagogie alter Schule". Nimmt den Mohr eigentlich noch irgendjemand ernst?
raidanknigge 24.04.2009
3. ...
Ernsthaft Herr Mohr?
jws, 24.04.2009
4. Seine Meinung
Meine Güte, wer ist denn dieser Reinhard Mohr ? Herr Mohr, mehr Information als eigene Meinung hätte diesem Artikel besser getan.
bongas16 24.04.2009
5. na, haben wir die sendung auch gesehen?
Zitat von sysopBei den Banken sind sie fix, für das Volk, da tun sie nix - bei Maybrit Illners Krisenkonklave trumpften Linke-Chef Gysi und Sozialsirene Engelen-Kefer mit Demagogie alter Schule auf. In diesem skurrilen Ambiente fiel es dem Wirtschaftsminister nicht schwer, die Stimme der Vernunft zu sein. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,620860,00.html
hallo ihr lieben, oskar wäre auch gut gewesen, jedoch saß gregor bei maybrit. nichtsdesto weniger, wie häufig, eine nullrunde. schade eigentlich, es gibt so viel zu tun. einen lieben gruß aus essen sendet rb.
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