S.P.O.N. - Helden der Gegenwart: Die Feindin aller Frauen

Alle wettern gegen Kristina Schröder - dabei muss man der Familienministerin dankbar sein: Sie gibt der CDU das konservative Profil, das viele Anhänger der Partei so lange vermisst haben. Und der Rest der Republik freut sich darüber, endlich wieder ein Feindbild zu haben.

Danke, Frau Ministerin Schröder!

Das hätte ich nicht für möglich gehalten - dass ich Ihnen eines Tages meinen Dank aussprechen würde, für das, was Sie für uns Frauen tun, für Ihren Einsatz, die Ziele der Frauen - nennen Sie es ruhig auch die Emanzipation - voranzubringen. Ebenso wenig hätte ich es für möglich gehalten, dass ich Sie eines Tages als meine "Heldin" bezeichnen würde, aber genau das möchte ich jetzt tun, liebe Ministerin Schröder, Heldin meiner frauenpolitischen Gegenwart!

Dabei sind Ihre Verdienste doppelbödig. Zum einen hatte ich mich schon länger um die CDU gesorgt, die so gar nicht mehr das sein wollte, was sie einmal war: ein konservativer bis reaktionärer und vor allem völlig unwählbarer Verein. Nicht nur, dass ausgerechnet die in Sachen Emanzipation desinteressierteste Partei die erste Bundeskanzlerin stellt, und mit Ursula von der Leyen eine weibliche Kampfmaschine zum Staunen ins Rennen schickt. Auf einmal ist die CDU auch für den Mindestlohn und den Atomausstieg - zumindest bis auf weiteres. Da weiß man gar nicht, wo die CDU anfängt und die Grünen aufhören, und eine wie ich kann kaum noch sagen, warum die CDU unwählbar ist. Außer wegen der Innenpolitik und aus Prinzip natürlich.

Und in diese Orientierungslosigkeit hinein stoßen Sie: Mit Ihrer eine moderne Gesellschaft verhindernden Politik der Anpassung an die Verhältnisse, mit Ihrem Prämienherd, mit der Privatisierung des Politischen bringen Sie Ihre Partei wieder zu ihren Wurzeln als Bremserin und Blockiererin. Dank Ihrer "Politik" schält sich aus dem Nebel der Harmlosigkeit das Feindbild hervor, und eine wie ich weiß wieder, warum die CDU völlig indiskutabel ist.

Einen Lorbeerkranz für Schröder!

Aber das sind nur die kleinen Blätter an dem Lorbeerkranz, den Sie sich verdient haben, die großen resultieren aus einem viel glorreicherem Verdienst. Dem nämlich, endlich wieder Schwung in uns Frauen und den Kampf um unsere Belange gebracht zu haben. Seit den Schlachten um den Abtreibungsparagrafen 218, mit dessen Neuregelung 1995 dem feministischen Widerstand die Luft des Protestes genommen wurde, hat es nicht mehr eine solche Energie unter uns Frauen gegeben, eine solche Entschlossenheit, sich zu regen.

Nach Jahren der Stille haben Sie es in kurzer Zeit geschafft, Frauen - auch medial - in den Fokus zu rücken!

Dank Ihrer Haltung und Verweigerung als Ministerin, Ihrer Konfliktscheu und Ihrem Wunsch, zu gefallen und bloß nicht anzuecken bei den väterlichen Bestimmern - ganz brave Tochter, Stichwort Flexiquote - ist es Ihnen gelungen, die lahm gewordenen deutschen Frauen wieder zu mobilisieren! Haben wir bislang nur leise vor uns hingebrodelt, haben Sie es erreicht, dass wir endlich laut werden. Vor ein paar Wochen erst haben Medien-Frauen sich formiert, um eine 30-Prozent-Quote in Führungspositionen zu fordern, schon hört man, dass andere Berufsgruppen sich anschließen wollen.

Und jetzt Ihr Buch! Ein Buch, in dem Sie eine Emanzipationswut anprangern, die seit 20 Jahren nicht mehr existent ist. Ein Buch, in dem Sie sich vor einem "Weltanschauungsfeminismus" fürchten, der Männer verteufelt, der aber mit dem Aufgehen von Alice Schwarzer als "Bild"-Maskottchen und als Ratetante im Fernsehen untergegangen ist und den außer Ihnen niemand mehr sieht.

Stattdessen sehen die Frauen eine Frauenministerin, die vor allem eines nicht ist: für Frauen. Im Gegenteil. Sie sehen eine Frauenministerin, die alles dafür tut, frauenspezifische Themen wegzudrücken, als fühle sie sich in der Pflicht, den Weg freizukehren.

Und diese Frauen, viele junge, viele Ihrer Generation, sind wütend. Und formieren sich. Zusammen mit den anderen, die die gläserne Decke nicht länger hinnehmen wollen oder die Ungerechtigkeit, für die gleiche Arbeit durchschnittlich 23 Prozent weniger Geld zu bekommen als Männer. Oder die hinnehmen müssen, dass die Entscheidung für Familie in unserem Land eine Entscheidung gegen Karriere bedeutet. Zumindest für Frauen.

Und die alle haben Sie mobilisiert! Die schließen sich jetzt zusammen, in Aufrufen und Protestnoten, in Vereinen und Initiativen. Das hat seit 15 Jahren keine geschafft. Ach was, seit 30! Was meinen Sie, was Ihre Rivalin Ursula von der Leyen, die so hart kämpft, sich in den Hintern beißt, dass dies ausgerechnet Ihnen gelingt! Und das quasi im Schlaf. Und die "Emma"-Schwarzer, die dürfte ganz schön stolz sein, dass am Ende doch noch das aus Ihnen geworden ist, was Sie erklärtermaßen niemals werden wollten: eine Kämpferin für Frauen.

Ach, Frau Ministerin Schröder, selten habe ich jemandem so sehr aus vollem Herzen gesagt: Sie sind meine Heldin!

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insgesamt 273 Beiträge
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1.
sprechweise 22.04.2012
Zitat von sysopAlle wettern gegen Kristina Schröder... Familienministerin Schröder: Die Feindin aller Frauen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,828803,00.html)
"Alle"? Wahrnehmungsstörung
2.
lalip13 22.04.2012
Seltsam, in meinem Umfeld sind Menschen beider Geschlechter recht erfreut, dass Frau Minister Schröder Grundwahrheiten mit großer Gelassenheit ausspricht, auch gegen den 'tobenden Mob' angeblich ALLER...
3.
wb99 22.04.2012
Zitat von sysopAlle wettern gegen Kristina Schröder - dabei muss man der Familienministerin dankbar sein: Sie gibt der CDU das konservative Profil, das viele Anhänger der Partei so lange vermisst haben. Und der Rest der Republik freut sich darüber, endlich wieder ein Feindbild zu haben. Familienministerin Schröder: Die Feindin aller Frauen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,828803,00.html)
Nein, nein, die Schröderin hat schon recht. Was sich da gegen sie aufpudelt, sind im Wesentlichen nur die Alt-Feministinnen, die ihre über Jahrzehnte mühsam aufgetürmten Kunstfelle davonschwimmen sehen.
4. ...
Scheidungskind 22.04.2012
Zitat von sprechweise"Alle"? Wahrnehmungsstörung
Mindestens
5.
Mach999 22.04.2012
Zitat von lalip13Seltsam, in meinem Umfeld sind Menschen beider Geschlechter recht erfreut, dass Frau Minister Schröder Grundwahrheiten mit großer Gelassenheit ausspricht, auch gegen den 'tobenden Mob' angeblich ALLER...
Das könnte auch an Ihrem Umfeld liegen. Man ist ja meistens mit Menschen zusammen, die ähnliche Ansichten haben.
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