Theaterlegende: Peymann bepöbelt Piraten als Türöffner für Nazis
Mörder, Diebe, Nazi-Türöffner - Claus Peymann wählt drastische Worte, um die Piratenpartei zu charakterisieren. Die Beschimpften reagieren mit Unverständnis. Vielleicht ein Trost für die Polit-Newcomer: Sie sind nicht die Einzigen, die der Intendant des Berliner Ensembles niedermacht.
Berlin/Hamburg - Zurzeit müssen die Piraten mächtig Schelte einstecken - wegen ihres halbherzigen Umgangs mit Rechtsextremisten, und sowieso wegen ihrer Haltung zum Urheberrecht. Nun hat auch Claus Peymann die Polit-Newcomer mehr als deutlich kritisiert. Die Partei stehe dafür, "die Kultur rauszuschmeißen und die Nazis reinzulassen", sagte der Intendant des Berliner Ensembles. "Die finden keine Gnade in meinen Augen." Piraten seien Mörder und Diebe, fügte der 74-Jährige hinzu und verwies auf die vor dem Horn von Afrika agierenden Namensvetter der Partei.
Der kulturpolitische Sprecher der Berliner Piratenfraktion, Christopher Lauer, äußerte Unverständnis an der Kritik Peymanns. Noch vor wenigen Wochen habe sich der Intendant lobend über die Initiative der 15 Piraten im Berliner Abgeordnetenhaus geäußert, keine Gratis-Theaterkarten für Politiker anzunehmen, sondern sie lieber aus eigener Tasche zu bezahlen. Von daher überrasche ihn der "Sinneswandel" Peymanns, sagte Lauer SPIEGEL ONLINE. "Anscheinend liegt es in gewissen Kreisen gerade im Trend, die Piraten mit Schmährufen zu überziehen."
Der Zorn Peymanns trifft allerdings nicht nur die Piraten - auch von den deutschen Gegenwartsdramatikern zeigte sich der Theatermann sehr enttäuscht. "Es gibt nur noch Nichtstücke", sagte er in Berlin, wo er den Spielplan des am Sonntag startenden ersten Wien-Festivals vorstellte. Es gebe viele Werke, "aber nicht eines interessiert mich", sagte Peymann. Selbst die neuen Werke der von ihm hochgeschätzten Elfriede Jelinek seien seit zehn Jahren bedeutungslos, und Botho Strauß habe leider seine Freude am Theater verloren.
"Wir sind am Ende des Kapitalismus"
Aus dieser Einschätzung zieht der Theatermann den Schluss, dass es derzeit wichtiger sei, die Werke der alten Dramatiker zu spielen. Man müsse die Werke bewahren, wie es die Museen täten. "Zurzeit sind die Bewahrer wichtiger als die Entdecker", sagte Peymann und fügte hinzu: Für einen solchen Satz hätte er sich noch vor wenigen Jahren "eine Kugel in den Kopf geschossen".
Seinen Rundumschlag gegen Piraten und moderne Dramatiker würzte Peymann mit einer gehörigen Portion Kulturpessimismus. "Die Demontage des Abendlandes" sei im vollen Gang. "Wir sind am Ende des Kapitalismus. Das Gebäude wird zusammenkrachen, dagegen war der Bums des Zweiten Weltkrieges nichts."
In der Debatte um die Israel-Kritik von Günter Grass stellte sich Peymann klar auf die Seite des Autoren. Es sei unfassbar, dass Grass von allen "totgemacht" werde. Dies sei auch ein Zeichen der Zeit, dass Kritik, die von der öffentlichen Meinung abweiche, überhaupt nicht mehr akzeptiert werde. Ende der sechziger Jahre dagegen seien gerade die kritischen Stimmen von Leuten wie Grass, Peter Handke, Botho Strauß oder ihm selbst erwünscht gewesen.
fdi/amz/dapd
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