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Kritik polnischer Intellektueller: "Die Deutschen fallen dem russischen Bären um den Hals"

Polnische Intellektuelle: Angst vor Russland Fotos
REUTERS

Putins Russland macht ihnen Angst: Polnische Intellektuelle haben in einem offenen Brief an Europa appelliert, sich Russlands Präsident Wladimir Putin stärker zu widersetzen. Ein Gespräch mit einer der Unterzeichnerinnen, der Autorin Olga Tokarczuk.

SPIEGEL ONLINE: Frau Tokarczuk, Polen ist ein Zwischenland - zwischen Milchbar und McDonald's, Westen und Osten. Das zeigt sich historisch, kulturell und geografisch, aber auch klimatisch oder kulinarisch. Wie nehmen Sie Ihre Heimat wahr?

Tokarczuk: Wir Polen sprechen davon, dass wir in der Mitte Europas sind. Die Mitte Europas, die kulturell etwas anders ist als der Westen und sicherlich anders als der Osten - den man in Polen in erster Linie mit Russland assoziiert, weniger mit Weißrussland und nur bedingt mit der Ukraine. Polen ist ein Land, das im Laufe der Geschichte verschiedene Armeen durchfahren haben, wo sich unterschiedliche Einflüsse aneinander gerieben haben. Diese Idee von der Mitte Europas rührt aber nicht nur von unserer Vergangenheit her, sondern auch davon, dass man in Polen den Osten verwestlicht und den Westen veröstlicht. Polen ist ein Land, das seine eigene Kultur hat, ein Land mit Menschen, die nach 1989 ihre Identität wirkungsvoll aufs Neue zu definieren suchten.

Zur Person
  • Martin Mai/ DER SPIEGEL
    Olga Tokarczuk, 52, ist eine der beliebtesten polnischen Schriftstellerinnen. Gerade hat sie in Polen ihr neues Buch "Ksiegi Jakubowe" veröffentlicht, ein fast tausendseitiges Werk, das zwischen den Gattungen springt und unter anderem die Geschichte des Polen Jakob Joseph Frank erzählt, eines zentralen Vertreters der messianischen Bewegung des Judentums. In Deutschland ist zuletzt ihr Krimi "Der Gesang der Fledermäuse" (Schöffling & Co.) erschienen.
SPIEGEL ONLINE: In welche Richtung entwickelt sich Polen denn gerade?

Tokarczuk: In dieser politischen Situation, in der Russland sich als ein Land zeigt, von dem erneut Gefahr ausgeht, schauen die Polen instinktiv gen Westen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind eine Unterzeichnerin des offenen Briefes "Danzig 1939, Donezk 2014", der von zwanzig polnischen Intellektuellen unterschrieben und unter anderem in der "Gazeta Wyborcza", "The Economist" und "Die Welt" publiziert wurde. Darin appellieren Sie an die Europäer, sich Putin stärker zu widersetzen. Wie sehen die Polen Putins Russland?

Tokarczuk: Ich habe darüber nachgedacht, ob in Polen nach wie vor eine Russophobie herrscht. Und ich glaube, das ist so. Es ist, als würde dieses alte Paradigma von Russland als Land des Barbarismus wiederkehren, als Land, das nicht zivilisiert ist - im Sinne von Zivilisation, die der Westen hervorgebracht hat. Die Polen denken zum Beispiel, dass es in Russland keine Demokratie gibt. Diese russische Demokratie ist nur zur Schau da, sie ist oberflächlich. Im Grunde genommen funktionieren dort ganz andere Mechanismen als in Europa: Imperialismus, Großmachtdenken, Kolonialismus. Wenn Sie heute die Polen fragen, wie sie das sehen, würde der Großteil das so beantworten.

SPIEGEL ONLINE: Wie erleben die Polen Angela Merkels Verhalten in der Ukraine-Krise?

Tokarczuk: Viele Polen sind enttäuscht von der deutschen Position. Die Erinnerung an den Hitler-Stalin-Pakt kommt zurück, die Erinnerung an die Aufteilung Polens, die daraus resultierte. Nach dem Motto: Da wird etwas über unsere Köpfe hinweg entschieden, wir werden nicht als Partner dieser zwei mächtigen Staaten gesehen. Jetzt kommt diese Erinnerung an die Situation von 1939 wieder, als die Verträge mit Engländern und Franzosen, die uns schützen sollten, überhaupt nicht gegriffen haben. Man muss sich daran erinnern, dass damals, als das Deutsche Reich Polen überfiel, die Polen auf die Hilfe ihrer Verbündeten hofften. Und die kam nicht. Dieses Trauma, alleingelassen zu werden, ganz ohne Hilfe, ist in der polnischen Mentalität als sehr schmerzvoller Verrat gespeichert. Das wirkt noch heute nach.

SPIEGEL ONLINE: Ist das ein speziell polnisches Trauma?

Tokarczuk: Die Angst, vom Ausland bzw. von Verbündeten im Stich gelassen zu werden, ist keineswegs nur eine polnische Spezialität. Sie wird ähnlich empfunden in anderen Ländern - etwa in Finnland oder in den baltischen Staaten. Die Länder in der Mitte Europas, die sich immer an der Grenze befanden. Vor Kurzem hat mir ein finnischer Journalist eine Anekdote erzählt: Während des Zweiten Weltkrieges hat sich ein deutscher General in eine russische Tänzerin verliebt. Das war in den Jahren 1939 bis 1941, als Polen von der europäischen Landkarte bereits verschwunden war, gleichzeitig aber Hitlers Deutschland und Stalins Russland sehr enge Verbündete waren und in fast jeder Hinsicht stark kooperierten. Jeden Tag flog ein Flugzeug von Berlin nach St. Petersburg, damals noch Leningrad genannt - mit Blumen für die Tänzerin. Aber die pragmatischen Deutschen sollen dann gesagt haben: "Schade, wenn das Flugzeug nur der Blumen halber fliegt." Also hat das Flugzeug auch Bomben über Polen abgeworfen. Eine schreckliche Anekdote, nicht wahr? Aber sie steht für dieses Gefühl, dass es eine Übereinkunft über unsere Köpfe hinweg geben kann.

SPIEGEL ONLINE: In dem offenen Brief heißt es: "Gestern Danzig, heute Donezk: Wir dürfen nicht zulassen, dass Europa auf viele Jahre mit einer offenen, blutenden Wunde lebt." Wo liegen die Parallelen zwischen dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges vor 75 Jahren und der Ukraine-Krise heute?

Tokarczuk: In dem offenen Brief geht es um ein Gefühl der Bedrohung. Darum, dass zu Beginn einer Bedrohung die ersten Anzeichen der Katastrophe sehr spärlich gesät sind. Viele Menschen haben in letzter Zeit diesen Eindruck, dass das, was Putin macht, mit den ersten Schritten Hitlers vor dem Zweiten Weltkrieg vergleichbar ist. Dass das so eine Strategie der kleinen Schritte ist. Wenn man solche kleinen Schritte zulässt, stellt man einen Blankoscheck für weitaus größere Schritte aus. In den letzten Wochen hat man in Polen angefangen davon zu sprechen, dass es eine stille Mobilmachung gibt. Einige Menschen sprechen davon, dass bereits Krieg herrscht. Andererseits haben wir schon so lange Frieden in Europa. Und die Generationen, die im Frieden aufgewachsen sind, kriegen das nicht in ihre Köpfe, dass es so etwas wie Krieg geben kann. Wenn wir uns Bilder aus Donezk anschauen, wo Teile meiner Familie leben, dann ist das etwas nicht Dagewesenes, dass so etwas passieren kann - weil das ein zivilisierter Teil Europas ist. Und dort herrscht jetzt Krieg: zerstörte Gebäude, tote Menschen. Es ist schwer, sich das zu vergegenwärtigen - dass das hier in Europa passiert und dass uns das auch betrifft.

SPIEGEL ONLINE: Was unterscheidet denn die Situation heute von der vor 75 Jahren?

Tokarczuk: Damals gab es nicht so eine globale Wirtschaft wie heute. Dieser aktuelle Konflikt wird ganz anders ausgetragen: ökonomisch, weniger politisch. Die Politiker sprechen wenig miteinander, dafür eher die Vorsitzenden von Unternehmen. Diese Mechanismen sind schwer zu verstehen. Es geschieht untergründig, alles wird in irgendwelchen Hinterzimmern besprochen. Heute geht es eben mehr um Gasquellen und weniger um Politik. Die heutige Politik ist eine Konsequenz der Wirtschaft.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen die Polen das deutsch-russische Verhältnis?

Tokarczuk: Für viele Polen ist die Beziehung der Deutschen zu den Russen unverständlich. Die Deutschen fallen dem russischen Bären so gern um den Hals. Ich verstehe das nicht! Für uns Polen ist es so klar, dass Russland durch das, was in den letzten Jahren passiert ist, als ein räuberisches Land dasteht. All diese "Putin-Versteher", dieses permanente Erklären von Putins Handlungen, das so nach Rechtfertigung klingt, bleibt in Polen unverstanden.

SPIEGEL ONLINE: Was zeichnet Putins Politik Ihrer Meinung nach aus?

Tokarczuk: Putins Politik ist das Austesten von Grenzen. Dieses Eindringen in die Ukraine ist auch so ein "Wie viel können wir uns eigentlich erlauben?". Das ist eine Politik, die Chaos schaffen will. Und einen Nutzen aus diesem Chaos ziehen will. Das ist die primitivste Art, Politik zu machen. Dieses Chaos endet erst, wenn wir Putin klare Grenzen setzen.

Das Interview führte Jurek Skrobala

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 62 Beiträge
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1. der selbe Fehler
Anton Waldheimer 05.12.2014
Die Polen machen den gleichen Fehler wieder, sie setzen auf Konfrontation und verlassen sich auf weit entfernte Verbündete, die ihnen im Ernstfall nicht wirksam helfen könnten. Wenn es zum Konflikt kommt ist das Baltikum längst überrollt, und nach dem Krieg besten Falls ein freigekämpftes Schlachtfeld auf dem nichts übrig geblieben sein wird.
2. Das intellktuelle Polen..
kietzkatze 05.12.2014
sollte mal lesen: http://www.zeit.de/politik/2014-12/aufruf-russland-dialog
3. Jaja
Schlaf-Schaf-Michel 05.12.2014
Könnte man viel mehr zu sagen, ich zitiere hier nur mal die letzten drei Sätze: "Das ist eine Politik, die Chaos schaffen will. Und einen Nutzen aus diesem Chaos ziehen will. Das ist die primitivste Art, Politik zu machen. Dieses Chaos endet erst, wenn wir Putin klare Grenzen setzen." Schauen Sie bitte einmal auf die andere Seite des großen Teichs und wiederholen diese Sätze, klingelt dann was? Wem bitte muss man klare Grenzen setzten?
4. Endlich mal vernünftige Leute :-)
TorstenT 05.12.2014
Vielen Dank an Frau Tokarczuk für dieses Interview.
5. Leider
quark@mailinator.com 05.12.2014
Zitat von Anton WaldheimerDie Polen machen den gleichen Fehler wieder, sie setzen auf Konfrontation und verlassen sich auf weit entfernte Verbündete, die ihnen im Ernstfall nicht wirksam helfen könnten. Wenn es zum Konflikt kommt ist das Baltikum längst überrollt, und nach dem Krieg besten Falls ein freigekämpftes Schlachtfeld auf dem nichts übrig geblieben sein wird.
Empfinde ich leider auch so. OK, die polnische Geschichte ist hart (wie die vieler anderer Völker), aber wir kommen alle mit dem ewigen Streit nicht weiter. Und diese totale Unversönlichkeit Polens gegen Deutschland und Rußland stört mich massiv. Ich war als Kind oft in Polen und Land und Leuten gegenüber positiv eingestellt, aber seit Polen Schutz in EU und NATO gefunden hat, sorgt es mehr für Konflikte als für Frieden, wenn ich nur an die Brüder Kaczynski denken, oder wie Polen und Spanien damals mit den USA diese Invasion mitmachen mußten und so eine einheitliche Position der EU verhinderten ...
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