Künstler lässt auf Ratte schießen "Ich muss Grenzen überschreiten"

Der Künstler Florian Mehnert gibt eine Ratte im Namen der Kunst zum Abschuss frei. Mitmachen kann jeder, der einen Computer oder ein Smartphone besitzt. Ein aufrüttelnder Kommentar zur Ego-Shooter-Kultur? Oder reine Tierquälerei?

Florain Mehnert

Am digitalen Abzug sitzt der rechte Zeigefinger ja gern mal locker. Der virtuelle Feuerstoß tötet Gegner in Serie - man ist daran gewöhnt. Auch Drohnen funktionieren per Fernsteuerung und liquidieren Menschen in den entferntesten Weltgegenden. Diese Tötungen prangert der Künstler Florian Mehnert nun in seinem jüngsten Werk an. In dem Kunstprojekt "11 days" können Zuschauer mit ihren Endgeräten wirklich metzeln. Das Opfer ist eine Ratte.

Das kleine Tier hat der Künstler in eine weiße Box mit Stroh gesetzt. Auf sie ist eine Pistole gerichtet. Als User sieht man nur den Lauf und die Mündung - ganz so, als befände man sich in der virtuellen Welt eines Egoshooters. Aus dieser Perspektive kann man die Ratte von kommendem Samstag an beobachten, dann wird ein Livestream aus der Box freigeschaltet. Elf Tage lang wird die Ratte vor den Augen der Welt hoppeln und quieken, dann schlägt ihr die letzte Stunde: Am 24. März, Punkt 19 Uhr, können alle Zuschauer per Klick einen Schuss der real existierenden Waffe auslösen. Die Signale aus dem Netz werden über USB-Kabel an kleine Motoren weitergegeben, die die Waffe bewegen und den Abzug betätigen. So erklärt es der Künstler. Florian Mehnert erwartet am 24. März nach eigenen Angaben ein "Massaker".

Mehnert ist 34 Jahre alt und hat in seinen Kunstwerken immer wieder das Verhältnis des Menschen zur Technik analysiert. Zu seiner Rattenexekution erklärt er: "Eine Ratte stirbt für die Kunst. Mir wäre es auch lieber, wenn das nicht nötig wäre. Aber die Menschen sind abgestumpft. Ich muss geradezu Grenzen überschreiten." Mehnert will zeigen, dass Menschen mithilfe des Internets töten können, will auf die Gefahr von ferngesteuerten Drohnen hinweisen. Die Ratte wird in seinem Experiment dadurch, was sie immer schon war: ein Versuchstier.

Wird die Ratte wirklich sterben?

Die Hoffnung, dass sich die Zuschauer des Livestreams in elf Tagen friedlich verhalten und die Ratte am Leben lassen, hegt der Künstler indes nicht. Bei einer Umfrage auf seiner Website hätten sich bereits rund 1000 User gemeldet, die die Ratte tot sehen wollen. Zurzeit ist der Auftritt nicht zu erreichen - die Server sind unter der Last des großen Ansturms zusammengebrochen.

Vor zwei Jahren hatte Florian Mehnert wegen eines Kunstwerks Ärger mit der Staatsanwaltschaft bekommen: Er hatte einige Stellen im Wald verwanzt und die aufgenommenen Dialoge der Passanten anschließend veröffentlicht. Die Empörung wundert ihn heute noch.

Und dies Mal? Dem kleinen Tier wird, so darf man vermuten, in elf Tagen niemand zu Hilfe eilen. Mehnert beteuert, dass er die Waffe, die auf den Bildern aus der Box zu sehen ist, besitzen und benutzen darf. Auch eine Fernsteuerung der Pistole ist seiner Einschätzung nach erlaubt.

Viele Monate hat der Künstler sein Projekt geplant, in den vergangenen Stunden haben ihn deshalb schon Morddrohungen erreicht. "Wegen des Drohnenkrieges oder der Totalüberwachung im Internet regen sich die Menschen nicht auf. Wenn eine einzige Ratte getötet werden könnte, explodiert die Empörung", sagt er. Immerhin: Die Ratte müsse ja nicht zwangsläufig sterben. Die User werden entscheiden.

cri

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