Foto-Maler Robin Eley: "Vergötterung des Müll-Materials"

Er malt Menschen, die in Plastik oder Folien gehüllt sind, seine sehr realistischen Gemälde wirken wie Fotos. Will Robin Eley uns als Betrachter täuschen und austricksen? Nein, sagt der Australier - und erklärt im Interview, was seine plastic paintings mit Religion und Isolation zu tun haben.

Robin Eley: Falsche Fotos Fotos
Robin Eley

SPIEGEL ONLINE: Herr Eley, Sie malen Bilder, von denen man denkt, es seien Fotos. Wollen Sie den Betrachter bewusst täuschen?

Eley: Nicht im Ansatz. Ich versuche, den Blick des Betrachters zu fesseln, er soll auf dem Gemalten verweilen.

SPIEGEL ONLINE: Warum fotografieren Sie nicht einfach?

Eley: Weil der beschriebene Effekt bei einem Foto viel geringer wäre als bei einem Gemälde. Vielleicht sogar so gering, dass nichts mehr davon übrig bliebe.

SPIEGEL ONLINE: Sie malen Menschen, die mal in buntes Plastik, mal in transparente Folie gehüllt sind. Was für eine Art von Kunst soll das sein?

Eley: Ich finde es schwer, Kunst in Raster zu pressen, sie auf Epochen oder Stile zu begrenzen. Aber ich kann verstehen, dass Menschen Dinge eindeutig zuordnen wollen. Bei mir wäre es wohl Hyperrealismus oder Fotorealismus, vielleicht auch zeitgenössischer Realismus. Aber wer weiß? Vielleicht bin ich unterm Strich auch einfach nur ein Künstler, der gerne malt.

SPIEGEL ONLINE: Und wozu sollen das Plastik und die Folie gut sein?

Eley: Die Figuren in transparentem Material darzustellen - sei es Plastik oder Folie - ist enorm wichtig. Das Material schützt die Figur vor dem Betrachter und trennt gleichzeitig den Betrachter von der Figur, beeinträchtigt aber kaum die Sicht.

SPIEGEL ONLINE: Sie errichten eine Barriere zwischen Betrachter und Betrachtetem. Sollte es nicht darum gehen, den Zugang zu einem Kunstwerk so einfach wie möglich zu gestalten?

Eley: Eben nicht. Dieses ganze synthetische Material ist vergänglich, es ist falsch, im Grunde ist das alles Müll - am Ende werfen wir es weg. Wir Menschen investieren so viel Zeit in Dinge, die unnötig sind. Das Plastik in meinen Bildern soll diesen Gedanken aufgreifen und karikieren.

SPIEGEL ONLINE: Manche Werke heißen "Verehrung" oder "Anbetung", auf einem Bild steht ein Mann mit nacktem Oberkörper in Folie, die wie Wasser aussieht - das Motiv erinnert an eine Taufszene. Ihre plastic paintings wirken fast wie Kirchenkunst.

Eley: Ja - und nein. Die Bilder sind nicht grundlos religiös angehaucht, aber es geht um eine neue, andere Form der Religiosität - um die quasi-spirituelle Vergötterung dieses Müll-Materials. Und um Isolation: Ich beobachte nicht nur, dass andere Menschen einsam sind, sondern fühle mich selbst häufig so und versuche mit meiner Kunst, dieses Gefühl zu ergründen. Nur eben nicht als Betrachter oder Beobachter, sondern als jemand, der diese Isolation selbst erlebt.

SPIEGEL ONLINE: Auf YouTube kann man Ihnen zusehen, wie Sie in Zeitraffer malen. Wie lange brauchen Sie eigentlich für ein Gemälde?

Eley: Sehr lange. An einem habe ich sieben Wochen gearbeitet, 70 bis 80 Stunden pro Woche. Meine Familie und meine Freunde haben Verständnis dafür, dass ich mich an einem Bild festbeiße. Aber natürlich wäre es ihnen lieber, wenn ich mehr Zeit mit ihnen verbrächte.

SPIEGEL ONLINE: Und warum soll die Welt Ihnen bei Ihrer Arbeit zusehen?

Eley: Das hat einen einfachen Grund: Ich hoffe, dass die Leute mich und meine Kunst besser verstehen, wenn sie sehen, wie ein Bild wächst. Ich habe deshalb nie ein Geheimnis aus meinem Tun gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Die Menschen auf Ihren Bildern wirken oft still, regungslos, zeigen kaum eine Rührung. Aber diese Ruhe erscheint instabil und ist beunruhigend, weil die Farben dunkel sind und die Szenen unharmonisch. Fürchten Sie sich vor zu viel Stille?

Eley: Nein, sie bestimmt einen großen Teil meines Lebens. Ich mag weder Menschenmengen noch laute Geräusche, ich arbeite vollkommen abgeschottet. Doch die Welt, die ich zeichne, ist falsch. Das Licht ist künstlich, das Material synthetisch. Wohl deshalb wirken meine Bilder beunruhigend.

SPIEGEL ONLINE: Man kann sie offenbar leicht missverstehen.

Eley: Ich arbeite für mich selbst, nicht für andere. Ich wünsche mir allerdings, dass die Menschen meiner Kunst Zeit schenken - das ist die größte Herausforderung, denen sich ein Künstler heutzutage stellen muss. Die Leute verweilen nicht mehr vor einzelnen Bildern. Wieso sollten sie auch, wenn man mit einem Mausklick zum nächsten wechseln kann?

Das Interview führte Gianna Niewel

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema Zeitgenössische Kunst
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Zur Person
Robin Eley, 1978 in London geboren, gilt als Vertreter des sogenannten Hyperrealismus - eine Kunstrichtung, die sich, ähnlich wie die Pop Art, aus dem Realismus entwickelt hat. Für seine Arbeit wurde dem in Australien lebenden Künstler kürzlich der Doug Moran National Portrait Prize verliehen - ein eher kleiner, aber mit 150.000 australischen Dollar hochdotierter Preis (rund 100.000 Euro).