Künstlerduo McDermott und McGough Dandys in der Zeitmaschine

Zukunft? Nein, danke. David McDermott und Peter McGough tragen Zylinder und Gehrock und wohnen in einer Villa, die eingerichtet ist wie vor hundert Jahren. Das Künstlerduo pfeift auf die Jagd nach dem ständig Neuen und glaubt: Früher war zwar nicht alles besser - aber alles sah besser aus.

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Von außen sieht es fast normal aus. Etwas verwunschen vielleicht, geheimnisvoller als die anderen Häuser in diesem bürgerlichen Vorort von Dublin. Hinten im Garten wuchert Brombeer- und Stachelbeergestrüpp, Hühner picken, Hunde streifen herum. Vorne wild wachsende Blumen und ein Grabstein.

Tritt man aber über die Schwelle, ist man mit einem Satz in das Jahr 1908 zurückversetzt: keine Zentralheizung, keine sichtbare Elektrik. Und kein Möbelstück, in dessen Politur sich nicht bereits ein ganzes Jahrhundert gespiegelt hätte. In den Schubladen alte Kleidung, gestärkte Hemden und abnehmbare Kragen. Und überall ausgestopfte Tiere.

Die Bewohner dieses Hauses sind David McDermott und Peter McGough. Seit den achtziger Jahren treten sie als Künstlerpaar auf. Sie leben im Geist vergangener Jahrhunderte und vermitteln die Aura ihres anachronistischen Daseins mit altmodisch wirkenden Fotos, Gemälden, Filmen und Installationen.

Seit sie sich Anfang der achtziger Jahre in einem Vaudeville-Lokal in Manhattans das erste Mal begegneten, kreieren sie Vergangenheit - oder, wie sie sagen: "künstlerische Experimente mit Zeit". Denn, so Peter McGough: "Zeit gibt es nicht einfach so. Sie wird gemacht."

Im New York der Achtziger, als das East Village noch eine gefährliche No-Go-Gegend war, trugen sie Gehrock und Zylinder und verwandelten ein heruntergekommenes Gebäude an der Avenue C in ein Townhouse im Stil der 1850er Jahre. Und draußen auf dem Land lebten sie auf einer Farm mit Pferd und Wagen ganz im Stil des 18. Jahrhunderts. 1993 aber begannen sie ihren Hausstand nach Irland zu verschiffen und verwandelten bald darauf das Haus an der Dubliner Sandymount Avenue in eine Art Zeitkapsel.

Für ihr eigentümliches Tun spricht eine ganze Menge: der Mut, den Spleen zu pflegen, als anachronistische Spinner verlacht zu werden. Und was als nostalgische Obsession daherkommt, ist auch ein Einspruch gegen den Konsum des immer neueren Neuen und gegen die fortlaufende Zerstörung dessen, was ist: "Die Welt ändert sich", sagt McGough, "und was war, wird zu Trümmerhaufen zusammengeschoben, und das Neue tritt an seine Stelle, nur um von Allerneuesten an Lifestyle und Design verdrängt zu werden. Alles schwindet dahin."

Retrogarde statt Avantgarde

Aber unterschlägt ihr Umhegen des Gestrigen, das sie nostalgisch mit Goldrand präsentieren, nicht die damaligen politischen und sozialen Konflikte? "Wir behaupten ja nicht, dass diese Zeiten besser waren", so McGough. "Ich bin durchaus froh, später geboren zu sein, in einer wesentlich liberaleren Zeit. Aber frühere Zeiten sahen besser aus: Ein Stück Meißner Porzellan ist einfach schöner als ein Plastikteller. Wir verherrlichen nicht die Vergangenheit, sondern nur ihren Look."

McGough lebt heute wieder die meiste Zeit in Manhattan: in einem Hochhaus aus den dreißiger Jahren, das Apartment eingerichtet im Art-Déco-Stil. Auch seine Kleidung entstammt dieser Zeit. Ob er nicht auch mal versucht sei, den ganzen alten Plunder zu lassen und einen Anzug von Comme des Garçons zu tragen? "Nein," sagt er, "es gibt einfach genug Leute, die so etwas mögen." Immerhin aber hat er sich eine moderne Küche zugestanden. Ein Vorhang kaschiert sie dezent.

McDermott dagegen lebt die Vergangenheit wesentlich strenger. Er hat die letzten fünfzehn Jahre vor allem im Dubliner Haus verbracht. Er hat keinen Computer. Sein Telefon ist aus den Zwanzigern. Er fliegt nie. Wenn er nach New York fährt, nimmt er die "Queen Elizabeth". Und wenn demnächst in der Kunsthalle Wien die neueste McDermott-&-McGough-Schau eröffnet, reist er mit der Bahn an.

Neben einer Reihe von Kurzfilmen, die etwa das Model Agyness Deyn in einem Dreißiger-Jahre-Melodram zeigen, wird dort der Zyklus "N°26 Sandymount Avenue" präsentiert: blaustichige Aufnahmen des Dubliner Hauses, erzeugt durch das altmodische Blaudruck-Verfahren. Die Foto-Inszenierungen gleichen melancholischen Traumbildern. Hier und dort steht schemenhaft einer der Bewohner im Raum.

Diese Bilder sind eine Art Nachruf. Das Dubliner Haus war gemietet. Die beiden wollten es kaufen. Doch in diesem Jahr haben die Besitzer Eigenbedarf angemeldet. So vergeht jetzt mit dem Auszug der Künstler das Jahr 1908 zum zweiten Mal. Vertrieben aus einer ihrer Wahlepochen, suchen sie jetzt nach einem neuen zeitlichen Exil. Einem irischen Gutshaus aus dem 18. Jahrhundert vielleicht.

McDermott und McGough rebellieren gegen den Zwang, heutig sein zu müssen. An die Stelle von Avantgarde setzen sie eine Art Retrogarde. Dabei ist ihr bewusst nicht-innovatives Schaffen durch seine Einbettung in die Absurdität ihres Lebens eben gerade nicht so von gestern, wie es etwa die Malerei des Papst-Benedikt-Porträtisten Michael Triegel (demnächst gezeigt im Museum der Bildenden Künste Leipzig) ist, die ohne Kontext vergangene Stile reproduziert.

Ihre Reservate des Gestrigen sind melancholische Abschiedsfiguren in einer Welt, die sich Wachstum und Fortschritt verschrieben hat und ihr Leben ist eine im Gewand moralisch gleichgültigen Dandytums auftretende, ethisch begründete Geste. Oder um es mit den Worten McDermotts zu sagen: "I've seen the future, and I'm not going."


Ausstellung: "McDermott & McGough. 26 Sandymount Avenue", Kunsthalle Wien, Project Space Karlsplatz. 20. Oktober bis zum 5. Dezember 2010.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
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worldwatch, 19.10.2010
1. Ganz vorzueglich
"Das Künstlerduo pfeift auf die Jagd nach dem ständig Neuen und glaubt: Früher war zwar nicht alles besser - aber alles sah besser aus. ..." Ein wunderbarer Spleen. Ich wuenschte, dass daraus eine Bewegung wird.
Newspeak, 19.10.2010
2. ...
Auch heute verbergen sich hinter der immergleichen Anpassung soziale Fragen. Wer außer einem etablierten Künstler kann es sich wirklich leisten, in einer vergangenen Epoche zu leben? Alles, was man dazu braucht, gibt es wohl noch irgendwo, aber eben nicht um die Ecke und eben nicht zu Billigpreisen. Es ist eben dann doch Dandytum sich die billig aussehenden teuren alten Stücke im Original zu leisten bzw. neu anfertigen zu lassen und auf alt zu trimmen. Im Grunde lebt die ganze Idee ja auch vom Kontrast. Angenommen so viele Leute fänden diese Kunst so toll, daß sie selbst so leben wollten, dann würde ja gerade das Außergewöhnliche schwinden und die Uniformität in dieser Richtung zunehmen, bis es ein revolutionärer Akt wäre, in einer Blue-Jeans und T-Shirt rumzulaufen. Einerseits ist es ja wirklich schade, daß sehr viel Stil verlorengegangen ist, aber es ist eben auch pragmatischer, so zu leben, wie die meisten Menschen dies heute tun, und der damalige Stil lebte eben auch von Standesdenken und dem Einfluß der Peer-Group bis in die kleinsten Details der individuellen Lebensgestaltung. Das fremdbestimmte Lebensgefühl dieser Epoche will man als Künstler mit Sicherheit nicht konservieren, also bleibt am Ende doch nur der schöne Schein...die Fassade. Es bleibt jedem freigestellt, dies für sich so zu leben, aber so tief ist die dahinterstehende künstlerische Botschaft dann auch nicht. Ein bißchen wie Disneyland, mit etwas weniger Kitsch und etwas mehr Historie.
Karl_Lauer 19.10.2010
3.
Lieber SPON, es gibt doch sonst immer zu jedem Artikel Bilder. Warum nicht zu diesem, wo es absolut wünschenswert wäre auch etwas zu sehen? :-) Mal sehen was Google sagt.
specchio, 19.10.2010
4. Einmachglas
Sehr interessant. Wahrscheinlich verherrlichen auch diese Leute, aber wenigstens nicht pauschal, sondern dezidiert. Erinnert mich ein bisschen an die Freaks, die man auf Mittelalter-Jahrmärkten antrifft. Nur ist das, was die Künstler machen, distinguierter und unbedingt ästhetisch. In den neuen Welten ändern sich die Äußerlichkeiten innerhalb eines Menschenlebens, das aber nur in einem vorderen Abschnitt dazu angelegt ist, die Welt zu erlernen. Deswegen werden wir fast alle altmodisch und konservativ, was "falsch" ist. Schöner Gedanke, sich also gleich für eine ganz andere Epoche zu entscheiden, ganz nach Geschmack und Lebenslust. Aber Vorsicht hierzulange heutzutage: man könnte für einen Integrationsverweigerer gehalten werden.
shechinah 19.10.2010
5. Tolle Wurst
"McGough lebt heute wieder die meiste Zeit in Manhattan: in einem Hochhaus aus den dreißiger Jahren, das Apartment eingerichtet im Art-Déco-Stil. Auch seine Kleidung entstammt dieser Zeit. " Ich lebe so seit ich 16 bin (als seit fast 30 Jahren) und die meisten unserer Freunde auch. In ganz Europa dürfte es mehr als 200 Leute geben die das sehr konsequent durchziehen und weit über 1000 die nicht ganz so konsequent sind. Gordon Ayres aus London ist seit Jahrzehnten quasi der "Hoffotograph" dieser Szene - falls es jemanden interresiert: http://www.gordonayresphotographer.com/
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