Künstlerin Cindy Sherman "Schon als Kind wollte ich hässlich aussehen"

Monströse Verkleidung, Schminkspiele, schaurige Selbst-Inszenierung: Damit wurde Cindy Sherman weltberühmt. Ex-Kulturstaatsministerin Christina Weiss traf die Künstlerin für "Monopol" in New York - und erfuhr, warum ihr grausame Clowns lieber sind als schöne Bilder.


Frage: In Berlin blickt man auf Ihr Werk zurück. Auf 30 Jahre! Woran arbeiten Sie eigentlich jetzt?

Sherman: Es handelt sich nicht direkt um ein Kunstprojekt, sondern um eine kommerzielle Sache für die französische Vogue – Modefotografie. Ich brauchte etwas, das mich wieder in Richtung Arbeit schubsen würde, mich zur Konzentration zwingt. Oft haben mir die Modeprojekte und andere Auftragsarbeiten in der Vergangenheit irgendwann zur nächsten Fotoserie verholfen.

Frage: Was hat Sie zur Serie "That’s Me" aus der Kindheit geschubst? Begann damit alles?

Sherman: Ich war die jüngste von fünf Geschwistern. Mein Problem war, dass ich mich von der übrigen Familie abgekoppelt empfand. Zwischen mir und dem ältesten Geschwister lagen 19 Jahre. Meine Familie entstand also lange Zeit, bevor ich da war. Ich versuchte, einen Weg zu finden dazuzugehören. Das Buch "That’s Me" ist aus dieser Suche entstanden. Da war ich vielleicht zehn oder acht. Ich habe es natürlich nicht als Kunst begriffen, sondern nur versucht herauszubekommen, wer ich in meiner kleinen Welt war.

Frage: Wann wussten Sie, dass Sie Künstlerin werden wollten?

Sherman: Das war auf der Highschool, als ich mir Gedanken machen musste über Berufswege. Ich wollte mich mit Kunst beschäftigen, aber ich wusste nicht wirklich, was es heißt, eine Künstlerin zu sein. Ich kannte keine Künstler. In einer alten Ausgabe des Life-Magazins hatte ich einen Artikel über Linda Benglis gesehen, der mich beeindruckte. In meinem Kopf ist hängengeblieben, dass Frauen Künstlerinnen sein können – und zwar höchst experimentierfreudige. Ich hatte keine Kunsterziehung, meine Familie ging nicht ins Museum. Ich wusste nicht, was zeitgenössische Kunst war. Vielleicht besaß ich eine vage Vorstellung von Pop-Art. Und es existierte das Gefühl, Kunst studieren zu wollen, weil es mir gut gelang, Bilder zu kopieren. Ich konnte auch Selbstporträts mit Spiegel malen.

Frage: Woher kommt die Lust am Verkleiden?

Sherman: Ich besaß als Kind einen Koffer voller alter Klamotten, die ich mir im Trödelladen besorgte. Ich habe also getan, was viele Kinder tun, aber nicht so wie viele andere kleine Mädchen, die sich verkleiden, um hübscher auszusehen. Ich habe mich verkleidet, um hässlich und alt und wie ein Monster auszusehen. Als Kind habe ich bloß gespielt. Später auf dem College habe ich das Gleiche mit Make-up gemacht. In den Siebzigern war Make-up tabu. Alles hatte natürlich zu sein. Ich weiß nicht, ob ich Make-up vermisste oder ob ich einfach mein Gesicht als Leinwand benutzen wollte. Ich zog mich oft zurück, weil ich mich niedergeschlagen oder einsam fühlte, und verwandelte mich in andere Gestalten. Und wischte dann alles wieder ab – bis eine Freundin mich auf die Idee brachte, das alles zu fotografieren.

Frage: Darauf folgte "Film Stills", Ihre erste Fotoserie.

Sherman: Ja, ich war auf der Suche nach mehrdeutigen Szenen und Charakteren. Mir ging es vor allem um Mehrdeutigkeit. Ich wollte etwas Mysteriöses schaffen und viele offene Fragen stellen, so dass die Menschen beim Anblick der Bilder an viele verschiedene Geschichten denken konnten.

Frage: Fühlten Sie sich als Regisseurin?

Sherman: Ja, aber ich verfasste Szenen, keine Sequenzen.

Frage: Hätten Sie gerne Kino gemacht?

Sherman: In gewisser Weise hat der Film auf mich einen größeren Einfluss ausgeübt als die Kunst. Ich glaube, dass der Film stärker wirkt. Jedenfalls ist er weniger elitär als die Kunst, er ist universeller, jeder kann Gefallen an ihm finden, und jeder fühlt sich wie ein Experte. Ähnlich wie bei Schnappschüssen. Keiner glaubt, sich vorher mit Kunsttheorien befassen zu müssen.

Frage: Ist die Spannung zwischen Künstlichkeit und Wirklichkeit für Sie ein Thema?

Sherman: Mir gefällt es, wenn die Menschen erkennen können, was an meiner Arbeit künstlich ist, indem sie wissen, dass da eine falsche Nase ist oder eine Perücke oder eine Körperteilattrappe. Für meine Arbeit ist es wichtig, dass ich keine Sachen machen will, die auf eine derart wahrhaftige Weise realistisch sind, dass sie richtig schrecklich wirken. Davon gibt es bereits genug in den Nachrichten.

Frage: Geht es Ihnen um die Bloßstellung der Schönheit als gemachter Schönheit?

Sherman: Ja. Weil das ein Teil der Frage nach der Wirklichkeit ist. Was ist Schönheit? In gewisser Weise ist sie genauso künstlich wie alles andere, so dass man alles Hässliche in Frage stellen muss, alles, was ebenso schön sein könnte wie das, was jemand anderes für schön hält. Ja, alles ist ein Konstrukt. Aber ich analysiere meine Arbeit nicht, während ich arbeite. Ich denke nicht daran, dass ich dieses oder jenes sagen will. Es bereitet mir einfach Freude. Ich denke nicht wirklich darüber nach.

Frage: Was reizt Sie an historischen Gemälden? Worin lag der Kick, diese Werke für die Serie der "History Portraits" in Ihre Fotografien zu holen?

Sherman: Am meisten Spaß hat es gemacht, die Bilder in Kunstbänden anzuschauen, darüber nachzudenken, wie die Person in Wirklichkeit ausgesehen haben muss. Denn auch wenn ein Bild extrem realistisch wirkt, muss man sich trotzdem fragen, was davon real und was im Sinne der Person, die Modell gesessen hat und für das Porträt auch wohl zahlte, künstlich ist. Ich habe diese Bilder als eine ebensolche künstliche Konstruktion aufgefasst wie all das, was man heute in Modezeitschriften findet.

Frage: Lügen Fotos ebenso wie Bilder?

Sherman: Ja, in gewisser Weise noch mehr, weil die Leute nicht erwarten, dass sie lügen. Die Menschen gehen davon aus, dass ein Foto die Wahrheit einfängt.

Frage: In diesem Sinne hat der Computer die Rolle der Fotografie verändert. Benutzen Sie einen Computer?

Sherman: Ich setze den Computer nicht ein, um ein Gesicht zu verändern, das habe ich nie gemacht. Aber bei den "Clowns" habe ich künstliche Hintergründe mit dem Computer geschaffen oder mal die Farbe von Blumen verändert. Aber hinsichtlich der Veränderung der Charaktere selbst oder der Haut oder der Augen will ich nicht von einem Computer abhängig sein. Ich finde, das ist Mogelei. Ich möchte genau die Begrenzungen, die ich mir selbst durch das Make-up und die Perücken gegeben habe.

Frage: Wer Ihre Arbeiten sieht, vermutet eine tiefe Analyse des Menschenbildes. Geht es Ihnen darum?

Sherman: Wenn ich auf meine Arbeit zurückblicke, stelle ich fest, dass es genau das ist, was ich getan habe, weil mich die Gesellschaft um mich herum inspiriert, indem ich Männer und Frauen betrachte. Ich beobachte, was sie tun, wie sie sich kleiden, welchen Umgang sie pflegen. Das zeigt sich auf jeden Fall in meiner Arbeit.

Frage: Wäre das auch ohne Fotografie denkbar gewesen?

Sherman: Meine Vorbilder waren keine Fotografinnen, sondern eher Performance-Künstler wie Hannah Wilke, aber auch Chris Burden. Body-Art hat mich interessiert. Die Künstler setzten sich selbst in ihrem Werk ein. Bereits zu meinen College-Zeiten kreierten Leute wie Linda Benglis oder Robert Morris und andere Anzeigen, in denen sie selbst auftraten. Es gibt da eine berühmte Anzeige mit Linda Benglis, auf der sie nackt ist – wunderbarer Körper, Sonnenbrille –, und sie hält einen Dildo in der Hand. Es war eine Anzeige für ihre Show in der Zeitschrift Artforum. Für die damalige Zeit war dieses Bild extrem anstößig. Das waren meine Vorbilder.



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