Künstlerin Moki Bilder, die Musik machen

Hamburg, Miami, Hongkong: Die zurückgezogen lebende Künstlerin Moki verzaubert mit ihren Bildern eine internationale Fangemeinde und passt dabei in keine Genre-Schublade. Ob Acrylgemälde, Comic oder Performance - in Mokis Welt sind die bekannten Grenzen aufgelöst.


Eine hügelige Landschaft in schwarzweiß. Die einzigen Pflanzen, die aus dem kargen Boden ragen, sehen aus wie Seeanemonen in der Meeresströmung. Der Himmel ist voller dunkler Wolken. Der Regen fällt in Fäden, erreicht aber nie den Grund. An manchen Stellen bricht ein wenig Licht sich seinen Weg. Unten rechts läuft eine riesige Katze. Auf ihr liegt entspannt eine junge Frau, das Gesicht umrahmt von einer Kapuze.

Das Bild ist ein Selbstporträt der Künstlerin Moki, das aus einer anderen Welt zu stammen scheint. Es wirkt wie die Erinnerung an einen Traum. Vielleicht sogar an einen Alptraum. "Ich habe aber keine Träume gemalt", verteidigt sich Moki, die ihren richtigen Namen nicht verraten will. "Es ist sehr interessant, dass viele Menschen diese Assoziationen mit meinen Bildern entwickeln. Aber wenn ich Alpträume habe, dann handeln sie immer davon, dass ich ganz weit weg bin und nicht mehr nach Hause finde."

Vielleicht ist das auch der Grund, warum sie nicht zu ihrer ersten Ausstellung nach Miami geflogen ist. Moki sitzt lieber auf einem der großen Sessel in ihrer WG-Küche im Hamburger Karolinenviertel und spielt mit ihrem Teebeutel. "Ich reise wirklich nicht gerne. Dabei bewundere ich immer die Menschen, die es fort treibt. Mich macht das eher nervös." Sie spricht langsam und bedacht, dabei malt sie viele kleine Figuren auf einen Zettel. "Außerdem bleibe ich gerne im Verborgenen."

Sich zu verstecken könnte in Zukunft immer schwieriger werden, denn Moki ist dabei, mit ihrer traumwandlerischen Kunst groß rauszukommen. Alleine im Dezember hatte sie drei Ausstellungen, eine davon auf dem Hamburger Comic-Festival - mit Signierstunde. Für ihren Comic "Borderland" wurde sie mit dem Preis "Bestes Artwork" des ICOM (Interessenverband Comic e.V.) ausgezeichnet. Und das, obwohl die Jury sich anfangs nicht ganz sicher war, ob "Borderland" nach den üblichen Kriterien wirklich ein Comic ist. Weitere Ausstellungen sollen Anfang des nächsten Jahres folgen, neben deutschen Städten ist auch das große Ziel Hongkong in Planung.

In ihrer ersten Monographie "asleep in a foreign place" präsentiert die 24-jährige Kunststudentin außerdem Gemälde der letzten zwei Jahre. Die fotorealistischen Bilder verstören und verzaubern zugleich. Asiatisch anmutende Landschaften, aus denen schwarze Schattenwesen in den Himmel ragen, Menschen mit Tierköpfen und schwarzweiße Eiswelten, in denen fabelhafte Tiere leben - all das wirkt fremd und doch vertraut.

In ihren Bilder bricht Moki Sehgewohnheiten und löst Comic-Konventionen auf: Ihre Geschichten haben keinen Text und sind voller Querverweise, Geheimnisse und Rätsel. "Eigentlich ist es egal, ob die Geschichte nun ein echter Comic ist oder nicht", sagt sie. "Viele der typischen Elemente sind vorhanden, auf andere habe ich bewusst verzichtet. Mir gefällt es, wenn man die Dinge nicht gleich einordnen kann."

Der Blickwinkel ist entscheidend

Geboren wurde Moki in dem Dorf Brilon in Nordrhein-Westfalen. Umgeben von Hügeln und Wäldern, hat sie schon als Kind mit dem Malen und Zeichnen begonnen. "Ich male seit damals gerne Landschaften, weil die Natur für mich ein Gefühl vermittelt, das die Stadt überhaupt nicht ausdrücken kann", sagt Moki. "Die Natur ist die größte Kunst. Das klingt zwar kitschig, aber so empfinde ich es wirklich."

Seit fünf Jahren lebt und arbeitet Moki in Hamburg. Ihr Studium der freien Kunst an der Hochschule für Bildende Künste finanziert sie über ein Stipendium. Nächstes Jahr will Moki ihr Diplom machen, dafür arbeitet sie jetzt an neuen Bildern.

Als inspirierend empfindet sie Dinge, die sie auf der Straße findet, manchmal sind es Fotos aus alten Zeitschriften. Auch die japanischen Anime-Filme von Hayo Miyazaki begeistern sie. "Ich finde es vor allem faszinierend, dass die Charaktere in diesen Filmen nicht in gut und böse aufgeteilt werden, es kommt immer auf den Blickwinkel an."

Die Faszination für Mehrdeutigkeit und Grenzverschiebungen spiegelt sich in Mokis Werken wider. Neben Acrylgemälden und Comics entwirft sie auch Kostüme. "Scully" heißt ein gruseliger, schwarzer Anzug mit einem großen Knochengesicht. "In dem Kostüm will ich mich auch einfach mal in der Dunkelheit irgendwo hinsetzen und abwarten was passiert. Die Reaktionen der Passanten einfangen, wenn sie erkennen, dass da was Komisches sitzt. Masken sind toll zum Verstecken", sagt Moki.

Durstige Riesen am Gebirgsfluss

Ihre Bilder will Moki nicht konstruieren. "Ich bin genauso ein Rezipient meiner Sachen wie der Betrachter, der sie noch nie gesehen hat. Oft entdeckt jemand etwas in einem Bild, was mir selber noch nie aufgefallen ist", sagt sie. Auf dem runden Holztisch liegt Mokis Buch. Das Cover zeigt einen schwarzen Riesen, der an einem Gebirgsfluss sitzt, in den er seine Hände hält. "Der Riese hier trinkt zum Beispiel durch die Fingerspitzen! Das habe ich aber erst vor kurzem festgestellt. Der ist durstig, dachte ich."

Es gibt noch etwas, das auf Mokis Bilder Einfluss nimmt. "Ich bin Synästhetin", erklärt sie. "Wenn ich zum Beispiel Musik höre, dann sehe ich dazu automatisch Farben oder Formen. Wenn ich an eine bestimmte Zahl denke, dann hat sie auch eine spezielle Farbe." Damit ist sie in berühmter Gesellschaft. Auch für den Maler Wassily Kandinsky waren Farben akustische Reize, er ordnete ihnen geometrische Formen zu. Seine Bilder empfand er als musikalische Kompositionen.

"Über dein Buch bin ich auf einer überdröhnten Ausstellung in Berlin gestolpert. Durch die Bilder blättern war wie Kopfhörer aufsetzen mit der richtigen Musik", schreibt ein Besucher auf Mokis Website. Dieses Kompliment erklärt Mokis Bilder vielleicht besser als jeder Kunstkatalog.



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