Künstlerin Wiebke Siem Eine Wurst zum Fliegen

Die Arbeiten der Künstlerin Wiebke Siem sind drastisch und komisch, ironisch und feministisch. Viele scheinen inspiriert von Kindheitserinnerungen. Oder vom Schrecken der frühen Jahre. Achtung: Gespenster im Schrank!


"Der Traum vom Fliegen" von Wiebke Siem im Neuen Museum in Nürnberg sieht so aus: Auf einem alten Kufen-Holzschlitten mit Zugband liegt eine weiche, wollene Rakete, die ein bisschen an eine dicke, phallische Wurst erinnert. Komische Vorstellung vom Fliegen, denkt man, nicht wegen der Beschreibung "Schaumstoff, Mantelstoff, alter Schlitten, 76 x 230 x 53 cm", sondern weil die Rakete behäbig aussieht, altmodisch wie ein Zeppelin-Luftschiff.

Den Gedanken, dass diese Flugwurst sicher gemütlich zum Sitzen wäre, sollte man sofort verdrängen, hier handelt es sich einwandfrei um eine Skulptur, von der es sogar noch eine Verwandte in der Ausstellung gibt. Noch größer und dicker ist sie und stützt sich mit vier dünnen Beinchen rechts und links von ihrem Schlitten auf dem Boden ab. Bei so viel Bodenhaftung denkt keiner mehr ans Fliegen, offensichtlich auch nicht die Künstlerin, denn ihre zweite Skulptur heißt einfach "Ohne Titel".

Und schon hat man das Gefühl, dass Wiebke Siem sich lustig macht - vielleicht über ihren Kollegen Joseph Beuys, der Schlitten mit Fett und Filzrollen bepackte. Oder über unsere phantasielose Vorstellung vom Fliegen und der Schwerelosigkeit.

Wo sind wir denn eigentlich, wenn wir heutzutage fliegen? Festgeschnallt und mit beiden Beinen auf einem Boden natürlich. Nicht aber im Traum, in der Phantasie, in der wir sogar auf einer wollenen Rakete der Erdenschwere entfliehen könnten, in der uns körperlos alles Unmögliche möglich würde und wir unglaubliche Abenteuer erleben könnten.

Wiebke Siem, 55, in Kiel geborene Künstlerin, die jetzt in Berlin lebt, scheint das zu kennen. Zumindest hat man das Gefühl, wenn man durch ihre Nürnberger Einzelausstellung mit Skulpturen und drei Rauminstallationen geht.

"Sonntag" zum Beispiel heißt einer ihrer gebauten, offenen Räume. Darin stehen ein Doppelbett mit aufgeschlagener, steif gebügelter weißer Bettwäsche, ein umgefallener Stuhl, ein Spiegel und ein Schrank mit offenen Türen, in dem ein unheimliches Objekt steckt: ein Gespenst aus traubenartigen dunklen Stoffkugeln mit dünnen Armen und einer langen Nase, ein komischer und zugleich bedrohlicher Spuk.

Auf ihre Kindheit gehen ihre jetzigen Arbeiten zurück, sagt Siem, "autobiografisch sind sie, allerdings überzeichnet und psychologisch zugespitzt". Ein Gespenst im Schrank habe wohl jedes Kind schon im Mantel oder den Anzügen gesehen, und die braunen, altmodischen Möbel aus ihrer Installation beschreiben das kleinbürgerliche Milieu einer ganzen Generation.

Sie selber kennt solche Einrichtungen. Als "düster und anachronistisch" empfindet sie die Möbel, die natürlich auch an die Nazi-Zeit erinnern, in der die Moderne vertrieben worden war. "Design, das gab es in den USA, in Deutschland saß man Anfang der fünfziger Jahre im braunen, antimodernen Möbel-Muff."

Damals, das war noch die Zeit des Kalten Krieges, in der Siems Vater ungern hörte, wenn seine Frau in ihrer Muttersprache Polnisch mit den Kindern sprach. "Niema tego zlego coby na dobre nie wyslo" war zum Beispiel ihr Kommentar bei Familienzänkereien, was übersetzt "es gibt nichts Schlechtes, was sich nicht zum Guten kehren kann" heißt. Genauso, in polnisch, bezeichnet Siem eine andere Rauminstallation, in der über einem weißen Küchentisch ein riesiges Lampenobjekt hängt, das Arme und Beine hat, und laut Siem "an eine von der Decke baumelnde Frau erinnert".

Die Installation ist drastisch und komisch, skurril und bitterböse, ironisch und feministisch. Genau wie die "Weibliche Skulptur" aus mit Samt überzogenem Schaumstoff, die auf ihrer alten Singer-Nähmaschine zusammengebrochen ist und sofort von der Nadel durchstochen und festgenäht wurde.

"Ich bin eine Frau, meine Sicht auf die Welt ist die einer Frau", sagt Siem.

Für eine weitere Installation hat sie einen ganzen Raum in eine Art Völkerkundemuseum verwandelt, in dem Haushaltsgegenstände wie Nudelhölzer, Wäscheklammern, Schneidebretter, Besen und Wischmobs wie ethnologische Ausstellungsstücke aussehen. Das weckt Assoziationen an die Kunstgeschichte, an Kollegen wie Günther Uecker oder Pablo Picasso.

Bleibt zu wünschen, dass die wunderbare Ausstellung noch in andere Museen oder Kunstvereine wandert.


Ausstellung Wiebke Siem: Die Fälscherin. Nürnberg. Neues Museum - Staatliches Museum für Kunst und Design. Bis 13.09.2009. Tel. 0911/24 02 00.



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Thorbjoern, 11.08.2009
1. Aw:
Gut, dass die Autorin das Buzzword "phallisch" noch unterbringen konnte. Da macht der Artikel gleich viel mehr her. Wenn es sich hier auch eher um die Form einer Gewürzgurke handelt- die Autorin muss komische Phalli kennen.
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