Künstlerkollektiv Studio Braun Gassenhauer mit Schopenhauer

Die Performance-Künstler von Studio Braun können sich vor Erfolg nicht retten. Ihre Bücher sind Bestseller, ihre CDs Verkaufsschlager. Jetzt hat ihr Stück "Dorfpunks" im Hamburger Schauspielhaus Premiere. Verkraften sie den Mainstream-Ruhm?

Von Matthias Matussek


Wie kommt man vom Szene-Rand unbeschadet ins Zentrum? Von der Avantgarde in den Mainstream? An diesem Morgen im Hamburger Schauspielhaus sieht das so aus: Grünbemooste Pappefelsen, hoher Tann und dunkle Schlucht, dazu Fabeltiere, Sphärenmusik, das wäre Shakespeares "Sommernachtstraum" in einer verstaubten Inszenierung.

Blödel-Performer "Studio Braun": Vom Szene-Rand ins Zentrum
Kerstin Schomburg

Blödel-Performer "Studio Braun": Vom Szene-Rand ins Zentrum

Allerdings, dieser Typ da am Hochstand passt nicht. Mit einem Mofa-Schloss angekettet, in Unterhose, von einem Mädchen in Schwarz mit LSD gefüttert. "Hey Maria, ist dein Vater Architekt?", kichert der Junge dem Mädchen hinterher. "Du bist so gut gebaut!"

Das eine wäre die Bühnenkunst, das andere die schräge Comedy. Zusammen ergibt es das, was die drei Männer, die da am Regiepult zusammenstehen, als "psychedelisches Volkstheater" bezeichnen. "Geil", sagt Rocko Schamoni, der Mann in Schwarz. Heinz Strunk nickt. Jacques Palminger zieht sich einen Taucheranzug zurecht.

Die drei sind derzeit die heißesten Grenzgänger, die die Blödel-Szene hergibt. Bekannt wurden sie unter dem Kollektiv-Namen "Studio Braun". Zwei von ihnen haben sensationelle Solokarrieren gestartet. Sie schlagen Kunstkapital aus einer kaputten Jugend.

Das hier ist die von Rocko Schamoni. "Dorfpunks" heißt sein Stück. Es erzählt von ratlosen Teenagerjahren auf dem Land in den Achtzigern, zwischen Langeweile und Punk, Suff und erster Liebe. Die Waldszene, die an diesem Morgen geprobt wird, ist, wie bei Shakespeare, die Gegenwelt, ist der Durchbruch zur Freiheit.

Verwende deine Jugend

"Dorfpunks" war ein Buchbestseller. Dann eine Lesetournee mit über hundert Stationen. Und jetzt: das große Theater. Mit jedem Transport hat sie sich verändert, die Geschichte, abgeschliffen, mythologisiert, und ist schließlich hinein in diese artifizielle Welt gewuchert, die aus Kunst-Zitaten und Punk-Lärm und Fundus-Blödelei gemischt ist.

Rocko Schamoni wiederholt dabei, was Gruppenkollege Heinz Strunk bereits vorgeturnt hat. Er hat seine eigene Provinzgeschichte, "Fleisch ist mein Gemüse", mittlerweile über 300.000 Mal verkauft. Eine Jugend mit Akne und depressiver Mutter und Tingelband durch Schützenfeste, so böse wie komisch. Vorletzte Woche ist der Film dazu in den Kinos gestartet, Strunk saß dafür bei Stefan Raab.

Was macht man, wenn der Erfolg eine kritische Größe erreicht hat? Depressiv bleiben! "Mehr geht nicht", sagt Schamoni in der Kantine, bei Hühnersuppe und Kaffee. Und: "Das ist der Untergang". Die beiden anderen nicken seinen Zweifeln zu. Jacques Palminger sagt: "Jeden Morgen das Gefühl: Gleich ist es vorbei." "Wir pressen den letzten Tropfen aus unserm Jugendelend", sagt Rocko. "Aber das Elend hält an."

Aus dem Jugendelend war Kunstkapital zu schlagen, aber wie geht man mit dem Erfolg um? Von Schamonis letzten Album stammt die Zeile: "Leben heißt sterben lernen. Leben heißt sich entfernen. Leben heißt aufzugeben, das Leben." So klingt Pop, wenn er Schopenhauer gelesen hat. Pessimismus als Produktivkraft.

Unerhört kreativ

Vor rund zehn Jahren hatten die drei mit "Studio Braun" einen neuen Ton in die Humor- und Konzertszene gebracht, mit kreativen Guerillaaktionen und Telefonperformances, in denen sie sich ein Fass Bier ins Kinderzimmer bestellten oder Kleinanzeigenkunden mit ausgefallenen Kartenwünschen verwirrten oder einfach in Nonsensgespräche zogen. Interaktionstheater.

Heute, sagt Strunk, ist die Telefonmasche ausgereizt, plattgemacht durch die Nachahmer im Frühstücksradio. Da hilft nur: scharfer Richtungswechsel, also ab ins Theater. Blödelei auf Hochkulturniveau, Übersetzungen ins Surreale, denn die Historisierung der eigenen Geschichte hat Fallen, die umgangen werden müssen, sonst wird irgendwann Mario Barth daraus, mit einem Repertoire an 31 Witzen.

Die komplizierte Pointe von "Dorfpunks" ist vielleicht die, dass die "No Future"-Generation der achtziger Jahre die letzte mit Hoffnung war. Immerhin ein Silberstreif am Horizont in Lütjenburg, Schamonis Geburtskaff: Hamburg, die große Stadt. Heute sieht die Lage düsterer aus. Längst sind die drei in der Stadt. Sie müssen nicht neu entdeckt werden, sie entdecken sich gerade selber neu: als erfolgreiche Mittvierziger, und die Welt, wie sie sie sehen, ist immer noch ohne Hoffnung.

Arriviert? Angeschmiert?

Sie haben die Ränder abgeräumt. Erst waren da die "Spex"-Feten und Fabrik-Gigs, dann kamen die seriösen Überinterpreten der Feuilletons, die den Durchlauferhitzer spielten und den für schick befundenen Szene-Trash in die Aufmerksamkeit der betuchteren Angekommenen weiterreichen.

Jetzt sind sie eigentlich reif für die Primetime, fürs TV-Abendprogramm, doch es ist einfach "entsetzlich, was da für Schwachmaten herumhängen". Sagt Jacques Palminger, der verbindlichste von den Dreien, der mit seinem Schwiegermuttermördercharme jede Talkshow alleine schmeißen könnte.

Auf der Bühne ist er der Verführer. "Suchst du im Rausch die Grenzüberschreitung, so ist Moral die falsche Begleitung." Das ist das Prinzip Studio Braun: Es klingt wie Heinz Erhardt nach dem dritten Korn, doch Palminger spricht das so ernst und düster, als sei er unterwegs zum nächsten Selbstmordversuch.

Das ist die Lage: Rocko Schamoni hat eine elfjährige Tochter und eine Katze und ein Loft. Heinz Strunk hat mehr Erfolg, als er sich je vorstellen konnte. Also: Wie kommt man vom Rand in die Mitte, ohne die Schärfe einzubüßen?

Nimm's leicht

Das ist kein rein taktisches Problem, da geht es um lebensphilosophische Überlegungen und künstlerische Integrität, und da ist laienhafte Leichtigkeit durchaus eine Option. Das ist beiläufig und gleichzeitig roh, wie im frühen Vaudeville, Gelächter am Vorabend der Apokalypse. "Höchstens 150 Jahre noch", sagt Rocko Schamoni, "dann gibt's uns Menschen nicht mehr".

Bis dahin allerdings ist noch ein bisschen Zeit. Das Kunststück für die Gruppe wäre, ihre Shakespeare-Verballhornungen und Surrealistenwitze mehrheitsfähig zu machen und neben Hape Kerkeling zu positionieren. Das Traumziel, sagt Palminger, wäre eine Art Botho Strauß für die neue Generation zu sein; Komödien, die die Katastrophe nicht hinter sich, sondern vor sich haben.

Den Pappfelsen hinauf kriecht eine Riesenschnecke, und hoch oben fliegt das Achtziger-Jahre-Gespenst Mathias Rust in seiner Cessna, doch die Hochhaustürme, die da sichtbar sind, haben durchaus Ähnlichkeit mit den Twin Towers. Das wäre das Ziel: die beklemmenden Blödeleien über eine Achtziger-Jahre-Provinzjugend und die Millenniumsendzeit zusammenzubringen.

Wenn überhaupt eine Botschaft gibt an diesem Probenvormittag, dann ist es doch die: Jede Jugendrebellion hat mit den gleichen Finsterlingen zu tun und jede Erwachsenen-Generation mit der gleichen Leere, die sich nur eine Zeitlang mit Erfolgen sedieren lässt.

"Wir sind zum Untergang verurteilt", sagt Rocko.

Aber vorher noch einmal: mehr von allem. Ein Premierenerfolg käme da ganz gelegen.


"Dorfpunks - Die Blüten der Gewalt", Premiere im Schauspielhaus Hamburg am 30. April 2008, 20 Uhr



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