Künstlerprotest in Peking: Am Ende kamen die Schläger

Von Andreas Lorenz, Peking

Maler und Bildhauer haben im Herzen von Peking protestiert, unter ihnen der international bekannte Künstler Ai Weiwei. Anlass war der Angriff von rund 100 maskierten Schlägern auf eine Künstlerkolonie. Die Opfer beklagen mafiöse Strukturen zwischen Funktionären und Immobilienhaien.

Künstler Ai Weiwei (2009 bei einer Demonstration): Zug zum Tiananmen-Platz Zur Großansicht
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Künstler Ai Weiwei (2009 bei einer Demonstration): Zug zum Tiananmen-Platz

Sie kamen nachts, gegen halb eins, und schlugen mit Eisenstangen zu. Maler Liu Yi, 46, trägt seither einen Kopfverband unter einer wollenen Pudelmütze, er hinkt, seine Hände zittern.

Wenn die Bauherren und Immobilienhaie in China Platz für ihre Projekte brauchen und die Anwohner nicht rechtzeitig ihre Wohnungen und Häuser räumen, dann heuern sie nicht selten Schläger an, um vollendete Tatsachen zu schaffen.

So erging es am Anfang der Woche Liu Yi und anderen Pekinger Künstlern, die sich vor wenigen Jahren im Osten der Stadt ansiedelten. In der "Creative Art Zone" Zhengyang lebten und arbeiteten etwa 50 Familien - bis rund 100 maskierte Männer in Tarnuniformen Studios und Ateliers zerschlugen und jene verprügelten, die sich ihnen entgegenstellten.

Die örtliche Regierung will die Siedlung durch neue Wohnviertel ersetzen, benachbarte Straßenzüge sind in den letzten Wochen dem Erdboden gleichgemacht worden. Übrig geblieben sind weite Schuttflächen. "Städtische Land-Integration" lautet der offizielle Euphemismus.

Die zweistöckigen Ziegelhäuser des Künstlerdorfes Zhengyang sind schlicht wie Kasernengebäude. Noch stehen sie, aber die Scheiben sind zerschlagen, die Türen verschwunden, die Ateliers ausgeräumt. An die Wände pinselten die Bewohner Protestsprüche.

Auf einem Vorplatz haben einige eine kleine Bettenburg errichtet, in der Mitte glimmt ein Lagerfeuer. Hier wollen sie nun ausharren, bis wann, wird nicht so recht klar. "Wir gehen hier erst weg, wenn wir unsere Würde zurückerhalten haben", sagt der Maler Zhang Jun.

Zhang und seine Kollegen fühlen sich von Behörden und Vermietern ausmanövriert. Als sie vor zwei Jahren einzogen, schlossen sie langfristige Verträge ab mit Laufzeiten bis zu 30 Jahren, berichten sie. Wenn die Studios abgerissen werden, erhalten nur die Vermieter Entschädigung, die Künstler trotz ihrer Investitionen nichts.

Nicht behüten, sondern ausspähen

Als sie sich im Dezember weigerten auszuziehen, wurden trotz eisiger Temperaturen Heizung und Wasser abgedreht. Am Ende kamen die Schläger. Auch der japanische Bildhauer Iwama Satoshi wurde ihr Opfer. Mit fünf Stichen mussten Ärzte eine Wunde am Hinterkopf nähen.

Am Montag Nachmittag entschlossen sich rund 20 Künstler, unter ihnen auch der in Deutschland bekannte Ai Weiwei, zu einem spektakulären Protest. Mit Transparenten ("Bürgerrechte") zogen sie auf der Straße des Ewigen Friedens Richtung Tiananmen-Platz. Hier hatten zuletzt im Frühjahr 1989 Studenten demonstriert.

Die verblüfften Ordnungskräfte ließen sie zunächst passieren, erst in Höhe des staatlichen Frauenverbandes, rund zwei Kilometer vom Tiananmen-Platz entfernt, wurde der kleine Trupp von Polizisten, Soldaten und Geheimdienstlern gestoppt. Im Rollstuhl war auch Liu Yi dabei. "Wir konnten unbehelligt wieder gehen", berichtet er. "Es ist bislang nichts passiert."

Die englischsprachige Ausgabe der KP-Zeitung "Global Times" und die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua berichteten sogar über den Protest. Womöglich kommt sie einigen Funktionären in der Zentralregierung sogar gelegen: Peking hat jüngst ein Gesetz entworfen, das die Rechte von Räumungsopfern gegen die mächtigen Immobilienkonglomerate stärkt.

Die Künstler vermuten dennoch eine unheilige Allianz zwischen Lokalregierung und den Baufirmen mit ihren Schlägern, so wie sie bislang immer wieder in China geschmiedet wird. Täglich demonstrieren irgendwo im Land Bürger gegen die mafiösen Strukturen. Im Künstlerdorf Zhengyang brauchte die Polizei auffällig lange, bis sie die Schläger stoppte, berichten die Opfer.

"Wir hatten mit dem Zwischenfall nichts zu tun", beteuerte der örtliche Vize-Parteichef Li Jiemin. Er will den Überfall untersuchen lassen. Angeblich zum Schutz der Künstler sind drei Polizeiwagen in der Steinwüste aufgefahren. Ein ziviler grüner Peking-Jeep mit einer Kamera auf dem Dach rollt an der kleinen Gruppe der Künstler vorbei, und man wird den Eindruck nicht los, dass er sie nicht behüten, sondern ausspähen soll.

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1. Ai Weiwei
postlib 24.02.2010
Zitat von sysopMaler und Bildhauer haben im Herzen von Peking protestiert, unter ihnen der international bekannte Künstler Ai Weiwei. Anlass war der Angriff von rund 100 maskierten Schlägern auf eine Künstlerkolonie. Die Opfer beklagen mafiöse Strukturen zwischen Funktionären und Immobilienhaien. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,679869,00.html
Es ist ungemein wichtig, dass gerade Leute wie Ai Weiwei international noch mehr Unterstützung erhalten. Menschen wie er können dort tatsächlich etwas bewegen. Gerade Ai Weiwei geniesst dort nach 'oben' ein Ansehen, das ihn, zwar nicht sakrosankt, aber doch letztlich einflussreich genug macht, Veränderungen zu erreichen, die diplomatisch von Aussen ungleich schwerer zu erreichen wären.
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