Kult-Comic "La Linea" Der linientreue Querulant

Sie ist nur ein Strich in der Landschaft und doch eine der plastischsten Figuren der animierten Welt: "La Linea", das wütende TV-Comic-Männchen von Osvaldo Cavandoli, begeistert seit den siebziger Jahren ein internationales Publikum. Ein kleines Porträt des großen Nörglers inklusive bewegender Momente zum Selberschauen.

Von Daniel Haas


Comic-Figur "La Linea": Ein Händchen für Kunst und Kommerz
Cavandoli/Quipos s.r.l./Wagner-Hallig-Film

Comic-Figur "La Linea": Ein Händchen für Kunst und Kommerz

Der kleine, auf Linie gebrachte Querulant gehört heute in den Kanon der Popkultur, die Werbespots, die das Strichmännchen nutzten, sind Legion - für Gaszylinder, Baumärkte und Hämorrhoiden hat "La Linea" schon gezetert. Er ist ein Multitalent, mit dem man informieren, provozieren und vor allem amüsieren kann.

Jetzt sind die Abenteuer des großnasigen Grummlers auf drei DVDs erhältlich. Insgesamt 63 Episoden inklusive der bis jetzt nicht zugänglichen ersten Strips der Serie versammelt die schöne Edition, mit der die über Jahrzehnte verstreut gesendeten Einzelfolgen zum Werk gerinnen. Denn das sind die "La Linea"-Folgen: eine menschliche Komödie mit einem wunderbar miesepetrigen Jedermann als Helden.

Sein Schöpfer, der heute 84-jährige Cartoonist Osvaldo Cavandoli, begann als Industriedesigner und heuerte in den vierziger Jahren als Animationszeichner an. In den Studios von Trickfilm-Pionier Nino Pagot lernte der junge Künstler, wie man Puppen und Zeichnungen Beine macht. 1950 wagte Cavandoli mit "La Linea" den Sprung vom Studiozeichner zum unabhängigen Regisseur und Produzenten. Geburtshelfer für den Linienmann war der Werbeetat des italienischen Küchengeräteherstellers Lagostina - "La Linea" war also von Anfang Söldner im Dienst der Werbung.

Der Linienmann verdient Kröten - und kämpft mit solchen (Szene aus einem frühen Spot)
Cavandoli/Quipos s.r.l./Wagner-Hallig-Film

Der Linienmann verdient Kröten - und kämpft mit solchen (Szene aus einem frühen Spot)

Die Spannung zwischen Kommerz und Kunst hat der Figur jedoch nie geschadet - im Gegenteil. Mit Werbung konnte "La Linea" anständig Geld einspielen; mit den 100 verschiedenen Folgen, die ab 1972 im Unterhaltungsprogramm von rund 40 Ländern liefen, renommierte Preise bei Comicfestivals einheimsen. Cavandoli, ein kultivierter älterer Herr von Umberto-Eco-haftem Äußeren, verleiht mittlerweile die Preise selbst - er ist Ehrenbürger von Mailand und in Italien eine lebende Künstlerlegende.

Legende hin oder her - "La Linea" selbst interessiert der Starruhm seines Schöpfers wenig. Zwar gibt's zu Beginn der Spots einen herzigen Willkommensgruß des Männchens an seinen Zeichner, dem man sich unsichtbar am rechten Bildrand denken muss. Doch dann wird gemeckert und kommandiert, dass sich die Linien biegen. Mit der Stimme von Synchronsprecher Carlo Bonomi, der die Figur von Anfang an mit ihrem überdrehten Phantasie-Idiom versah, macht sich der Grantler auf den Weg in seine diversen Abenteuer.

Stets wiederkehrendes Dilemma für den Kleinen: der Abbruch der Linie, das Innehalten vor der gähnenden Leere des nicht gefüllten Raums. Dann wird genervt der Zeichner ranzitiert, die Welt wieder in Ordnung zu bringen. Der baut natürlich die nächste Finte ein und dreht die Linie zu einem Wasserhahn zusammen, der geöffnet das ganze Szenario zum Verschwinden bringt.

Oder er formt eine Delle in den Strich, die sich als Schildkröte entpuppt. Für La Linea, der immer auch schadenfroh, gemein und überheblich ist, ein idealer, weil scheinbar wehrloser Spielkamerad. Dass die Kröte buchstäblich Biss hat, damit war für den Muffler allerdings nicht zu rechnen - und schon geht das Gezeter wieder los.

"La Linea"-Szene: Geschichten mit philosophischem Biss
Cavandoli/Quipos s.r.l./Wagner-Hallig-Film

"La Linea"-Szene: Geschichten mit philosophischem Biss

Vor allem das selbstreflexive Spiel mit der eigenen Form garantiert, dass der italienische Erfolgscomic nie langweilig wird. Immer wieder taucht die rettende Zeichnerhand auf, um das Geschehen in Gang zu halten und die Konfusion von realer und fiktionaler Welt voranzutreiben - ein Stilprinzip von philosophischem Format.

Denn - so könnte man fragen - ist der Stift, der mal helfend, mal störend eingreift, nicht vielleicht auch eine Metapher für höhere Mächte, die wir gerne manipulieren möchten? Oder ist die Linie etwa jene Lebensspur, von der wir nie herunterkommen und an der entlang sich unsere kleinen und großen Schicksalsdramen entfalten?

"La Linea", der liebenswerte Fiesling, würde über derlei Spekulationen vermutlich nur lachen - und unserem Tiefsinn zeternd einen Strich durch die Rechnung machen.


La Linea 1, 2 und 3 (3 DVDs) sind bei monitorpop entertainment erschienen.





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