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Kulturdebatte: Dialog? Nein, danke!

Von Henryk M. Broder

Karikaturenstreit, Terrorattentate, Fatwa: Angesichts der Konflikte mit der islamischen Welt empfehlen Wohlmeinende nach wie vor den "Dialog der Kulturen". Doch das Konzept ist desaströs: Es verschleiert Ohnmacht und Feigheit.

Gibt man bei Google den Suchbegriff "Dialog der Kulturen" ein, bekommt man 779.000 Einträge und eine solide Vorstellung von der Allmacht einer Phrase. In der Auseinandersetzung um die dänischen Mohammed-Karikaturen plädiert Bundeskanzlerin Angela Merkel dafür, verstärkt "den Dialog der Kulturen zu fördern". Ähnlich äußerte sich auch der Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier. Der Streit um die Karikaturen dürfe nicht "zu einem Kampf der Kulturen" werden. Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung, der ein recht unauffälliges Regiment führt, erklärte, in den muslimischen Ländern seien "unsere Soldaten Teil des Dialogs der Kulturen". Vor jedem Einsatz würden "den Soldaten die Werte anderer Religionen und Kulturen vermittelt, die sie dann zu achten und zu respektieren haben".



Auch der Bundestag sprach sich "für einen Dialog der Kulturen" aus. Der Fraktionschef der Grünen, Fritz Kuhn, warf dänischen Zeitungen "einen Missbrauch ihrer Verantwortung" vor, gleichzeitig gab er ein Bekenntnis zur Meinungsfreiheit ab. Bundespräsident Horst Köhler mahnte bei einem Treffen mit sechs europäischen Präsidenten "einen Dialog der Kulturen und Religionen" an. Schon vor Jahren hatte die Stadt Bonn den "Dialog der Kulturen" als ein "wichtiges kulturelles Standbein des internationalen Bonn" bezeichnet. Und in Bern, der Hauptstadt der Schweiz, entsteht ein "Haus der Religionen und Kulturen, in dem alle großen Religionen unter einem Dach vereint sind"; damit soll "der zerstörerischen Wirkung des Gegeneinander" die "Kraft des Dialogs" entgegengesetzt werden.

Kampf und Spiegelgefecht

Ein Dialog also, wohin man schaut. Jeder redet mit jedem, als wäre die Ringparabel von G.E. Lessing Wirklichkeit geworden, mit Nathan, Saladin und dem Tempelherren als Moderatoren des großen interkulturellen Palavers. Wer heute nicht für einen "Dialog der Kulturen" eintritt, der ist ein Reaktionär, der die Zeichen der Zeit nicht erkennen will. Und wer sich am "Dialog der Kulturen" beteiligt, der steht automatisch auf der richtigen Seite der Geschichte, und wenn er nur regelmäßig zu seinem "Türken" geht, um dort einen Döner zu bestellen.

Der "Dialog der Kulturen", wie er heute praktiziert wird, steht in einer langen Reihe von politischen Absichtserklärungen, deren einziges Ziel es ist, virtuelle Debatten zu erzeugen, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben, dafür aber politisches und kulturelles Engagement simulieren. Da war, in der Frühzeit der Bundesrepublik, die "formierte Gesellschaft", sie wurde von der "freiheitlich-demokratischen Grundordnung (FDGO)" abgelöst, auf deren Boden jeder Briefträger stehen musste, wenn er verbeamtet werden wollte.

Dann kam eine Weile nix, weil in der Bundesrepublik die "Spaßgesellschaft" ausgebrochen war, die sogar die politische Klasse erfasst hatte, während die maßgeblichen Intellektuellen die Feuilletons mit Beiträgen über den subversiven Wert von "Big Brother" füllten. Weil aber keine Party ewig dauert, setzte eine Diskussion über die "Leitkultur" ein, die von dem Gejammer über die "Mauer in Köpfen" und von dem Verlangen nach der "inneren Einheit" abgelöst wurde.

Es waren immer die usual suspects, die sich an solchen Debatten beteiligten, die immer mit demselben Seufzer endeten: Es müsse noch viel getan werden, bis alle Ungerechtigkeit und Ungleichheit beseitigt ist, bis niemand mehr in der Dritten Welt hungern muss und jedes Arbeiterkind in Thüringen das Abitur machen kann. Dabei war der "Dialog der Kulturen" eher ein Vehikel der guten Laune als ein Ziel an sich. In Berlin gibt es jedes Jahr den "Karneval der Kulturen", ein großes, buntes Straßenfest mit Teilnehmern aus allen Migranten-Milieus, viel Musik und der Möglichkeit, alle Hemmungen fallen zu lassen.

Alles verstehen, nichts begreifen

Der Zeitpunkt, an dem aus dem fröhlichen Treiben blutiger Ernst wurde, lässt sich auf die Stunde genau festlegen. Es war der 11. September 2001. Kaum waren die Türme des WTC eingestürzt, setzte eine Diskussion über die Frage ein, was die Terroristen zu ihren Taten angetrieben hatte.

Noch am Abend des 11. September gab es im damaligen SFB ein "Nachtgespräch" mit Eugen Drewermann, dem Moraltheologen und katholischen Querdenker aus Paderborn. Er erinnerte seine Zuhörer "an Hiroshima, als man mit einer einzigen Bombe über 100.000 Menschen getötet hat", beklagte die "Embargo-Politik gegen den Irak", die eine Million Menschen das Leben gekostet habe, und kam dann auf die Ereignisse vom selben Tag in New York zu sprechen, die vor dem Hintergrund von Hiroshima und Irak-Embargo natürlich zu Petitessen verblassten. "Terror ist die Ersatzsprache der Gewalt, weil berechtigte Anliegen nicht gehört wurden, es ist die Sprache der Ohnmächtigen, der Selbstmörder..."

Warum die ohnmächtigen Selbstmörder freilich 3000 Menschen in den Tod mitnehmen mussten, statt friedlich am Strand von Abu Dhabi Selbstmord zu begehen, ließ Drewermann unerwähnt. Und so wie er den Terror als "Ersatzsprache der Gewalt" definierte, wo es sich doch eher um eine primäre Form der Artikulation und keinen "Ersatz" für irgendwas handelte, so setzte schlagartig der Ruf nach Maßnahmen ein, um die Menschen, die ihr Leben einer Sache zuliebe opfern, besser verstehen zu können.

Sensibilität der Ohnmächtigen

Dabei ging es vor allem um zwei Fragen, die von existenzieller Bedeutung waren: Was haben wir den Tätern angetan, dass sie so gemein werden mussten? Und: Was müssen wir jetzt tun, damit wir verschont bleiben? Die Antwort auf die erste Frage war schnell gefunden: Wir haben sie gedemütigt. Zuerst als Kolonialmächte, dann durch die schamlose Zurschaustellung unserer Überlegenheit als liberale Demokratien. Die Antwort auf die zweite Frage war ebenso logisch: Wir müssen einen Dialog der Kulturen etablieren, auf gleicher Augenhöhe und ohne Vorbedingungen, um das gegenseitige Kennenlernen zu befördern.

Würde jemand vorschlagen, Kannibalen und Vegetarier, Brandstifter und Feuerwehrleute, Drogendealer und Junkies sollten in einen Dialog miteinander eintreten, würde man ihm zur Ernüchterung kalte Fußbäder verordnen. Aber in einer Situation, da die eine Seite "ohnmächtig" agierte und die andere vor Angst ohnmächtig wurde, war jeder Vorschlag, der die "Eskalation der Gewalt" dämpfen sollte, willkommen. Nur: Was taugt ein "Dialog", der als eine Art von Notbremse dienen soll, nachdem die eine Seite erkannt hat, dass sie von der anderen an die Wand gedrückt wird?

Es gab in den zwanziger und dreißiger Jahren in Deutschland einen "deutsch-jüdischen" Dialog, der im Wesentlichen darin bestand, daß die Juden untereinander diskutierten, ob und wie weit sie sich an die deutsche "Leitkultur" anpassen sollten, während die deutsche Seite den innerjüdischen Dialog verständnislos bis amüsiert verfolgte. Der Philosoph Gershom Sholem nannte den Vorgang später ein "jüdisches Selbstgespräch", das auf die Einstellung der Deutschen zu den Juden völlig wirkungslos blieb.

Therapie des Aufschubs

Etwas Ähnliches findet heute statt: Es sind vor allem die vielen "Migrationsforscher" und "Integrationsbeauftragten", die über den "Dialog der Kulturen" miteinander reden, während die Objekte ihrer Umtriebigkeit sich der Teilnahme enthalten: die einen, weil sie längst integriert sind und sich nicht manipulieren lassen wollen, die anderen, weil sie es vorziehen, in ihren Enklaven zu bleiben, was man ihnen weder verbieten noch verübeln kann. Denn auch die Deutschen, die auf Mallorca leben, bilden eine "Parallelgesellschaft" und halten Distanz zu den Einheimischen.

Der "Dialog der Kulturen" ist eine therapeutische Maßnahme, die auf Verzögerung, auf Zeitgewinn spielt, hervorgegangen aus einer Gesellschaft, die fest davon überzeugt, daß man jeden Konflikt gesprächsweise lösen oder wenigstens entschärfen kann. Und so wie jeder zweite Therapeutenwitz mit der Pointe "Gut, dass wir darüber gesprochen haben!" endet, hört jede Debatte über den "Dialog der Kulturen" mit der Erkenntnis auf, daß man den Dialog fortsetzen müsse. Es ist wie eine Reise zum Horizont: Man kann sicher sein, daß man nie ankommen wird, aber unterwegs gibt es viel zu erleben.

Und es ist kein Zufall, dass der "Dialog der Kulturen" gerade von jenen als Therapie zur Lösung von globalen Konflikten empfohlen wird, die sich sonst mit Konflikten innerhalb von Familien und Kleingruppen beschäftigen. Der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter empfahl in einem Gespräch mit SPIEGEL ONLINE als Mittel der Deeskalation: "Der Westen sollte alle Provokationen unterlassen, die Gefühle von Erniedrigung und Demütigung hervorrufen. Wir sollten die kulturelle Identität der islamischen Länder mehr achten." "
Hand ab, alle Achtung

Leider hat H.E. Richter, der wesentlich zur Therapeutisierung des öffentlichen Lebens in Deutschland beigetragen hat, nicht gesagt, wie man seinen Vorschlag praktisch umsetzen sollte: Wie sollen "wir" die kulturelle Identität der islamischen Länder mehr achten? Indem wir das schöne Ritual des freitagnachmittäglichen Handabhackens auch bei uns einführen? Indem wir unsere Frauen zuerst genital verstümmeln und dann unter Burkas und Tschadors verstecken? Indem wir Homosexuelle öffentlich hängen und Ehebrecherinnen steinigen?

Und auf welche Provokationen sollten wir verzichten, um keine Gefühle von Erniedrigung und Demütigung hervorzurufen? Sollen wir eine Liste der Themen aufstellen, die unsere Karikaturisten nicht behandeln dürfen? Sollen wir den Christopher Street Day abschaffen und auf den Genuß von Eisbein verzichten? Soll Sasha Waltz ihre Tänzer nicht mehr nackt auftreten lassen? Sollen wir uns jeden Hinweis darauf verkneifen, wie wenige Bücher in Saudi-Arabien verlegt und übersetzt werden? Sollen wir auch bei uns die Fatwa einführen und sie gegen Gotteslästerer anwenden? Sollen wir die Werke von Voltaire, Freud und Rushdie verbieten? Wie soll die "Partnerschaft auf gleicher Augenhöhe", die H.E. Richter fordert, im Alltag funktionieren? Indem wir in die Knie gehen? Sogar die Super-Nanny von RTL weiß, dass man störrischen Kindern Grenzen setzen muss und ihnen nicht nachgeben darf, wenn man sie nicht vollends korrumpieren will.

Natürlich gibt es auch Situationen, wo ein "Dialog der Kulturen" einen Sinn ergibt. Die Firma Hansgrohe AG, die Armaturen für Badezimmer herstellt, sponsert internationale Workshops über "die "Beziehung Wasser-Raum-Mensch". Der letzte Workshop unter dem Motto: "Das Bad im Dialog der Kulturen" fand 2004 in Beirut statt. Die Künstlerin Jeannette Rossi ("Fit durch Bauchtanz") aus 77654 Offenburg in Baden-Württemberg will mit ihrer Arbeit dazu beitragen, "Brücken zu schlagen" und "Dialoge zwischen den Bürgern beider großer Religionen über das Medium Orientalischer Bauchtanz anzustoßen und zu fördern". Da können Eugen Drewermann, Horst Eberhard Richter und Gotthold Ephraim Lessing einfach nicht mehr mitbieten.

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