Kulturkampf bei Christiansen Koran gegen Kehrwoche

Das bestimmende Thema dieser Tage ließ sich auch die ARD-Talkerin Sabine Christiansen nicht entgehen. Im Streit um Mohammed-Karikaturen, Irans Atommacht und den drohenden Kampf der Kulturen offenbarten sich gestern Abend zwischen den westlichen Gästen tiefe ideologische Gräben.

Von Reinhard Mohr


Wenn es nicht gleich wieder eine Fatwa setzen würde, könnte man als waschechter Zyniker sagen: Kampf der Kulturen? Na klar! Im Nahen Osten randaliert der islamistische Mob, brennt Botschaften nieder, zertrampelt europäische Flaggen und ruft "Tod allen Ungläubigen!". In Baden-Württemberg dagegen begann heute Morgen mit der Frühschicht ein disziplinierter und völlig friedlicher Streik im Öffentlichen Dienst - gegen 18 Minuten unbezahlte Mehrarbeit pro Tag. Motto im Friedenskampf: "Nieder mit der 40-Stunden-Woche!".

Dort wütende Mullahs, hier ungeleerte Mülltonnen. Koran gegen Kehrwoche. Ein echter Clash of Civilizations.

ARD-Talkerin Christiansen: Die Uhr tickt
ARD/Jim Rakete

ARD-Talkerin Christiansen: Die Uhr tickt

So einfach konnte man es sich freilich gestern Abend in der ARD bei "Sabine Christiansen" nicht machen. Wie üblich wurden gleich drei internationale Großbaustellen - "Karikaturenstreit", Irans Atomprogramm und der Nahost-Konflikt - schön dramatisch und kompakt zusammengefasst: "Droht jetzt ein neuer Glaubenskrieg?". Schon der einführende Film machte klar: Es sieht ganz danach aus. Die Uhr tickt. "Ist es vielleicht schon fünf nach zwölf?", fragte eine betörende Frauenstimme aus dem Off.

Obwohl in den vergangenen Tagen schon fast alles zum Thema "Verletzung religiöser Gefühle versus Presse- und Meinungsfreiheit" gesagt worden ist (allerdings nicht von allen), wurden im Laufe der Sendung bestimmte Grundmuster erkennbar, die repräsentativ zu sein scheinen.

Im Zweifel ist der Westen Schuld

Die Ablehnung der Gewalttaten, die am Wochenende die Nachrichten dominierten, einte selbstverständlich alle Gesprächsteilnehmer. Doch schon bei der berühmt-berüchtigten Ursachenforschung tat sich ein Zwiespalt auf: Hier die ewig unverdrossenen Altlinken Hans-Christian Ströbele und Bahman Nirumand, dort der jüdische Schriftsteller Ralph Giordano und Richard Perle, konservativer US-Politiker und Intellektueller.

Der grüne Pazifist Ströbele, der schon 1991 Israel eine politische Mitschuld daran gegeben hatte, dass Saddam Husseins Raketen Tel Aviv trafen, hielt sich nicht lange mit dem Glaubenskampf um die Meinungsfreiheit auf, sondern steuerte gleich auf den nächsten Krieg zu, ganz so, als wolle er ihn persönlich herbeireden, um als Erster vor ihm warnen zu können: Wer sonst als die Amerikaner könnten ihn wollen? Iran, so Ströbele, drohten sie gar mit einem atomaren Erstschlag. Das müsse natürlich um jeden Preis verhindert werden. Am besten dadurch, dass man Iran garantiere, so etwas nie zu tun. Eine "Sicherheitsgarantie" für die Mullahs. Der Rest finde sich dann schon im Dialog.

Die Botschaft war klar: Im Zweifel ist der aggressive Westen schuld an der Eskalation.

Bahman Nirumand, Ex-Genosse von Rudi Dutschke und seit Jahrzehnten im deutschen Exil lebender Iraner, vertiefte dieses altehrwürdige antiimperialistische Ressentiment noch. Keine Frage, "ohne Amerika wäre die Welt friedlicher". Iran dagegen dürfe man auf keinen Fall "isolieren", schon gar nicht durch "Druck von außen". Gott bewahre.

Typisch deutsch, aber nicht unsympathisch

Dass die Führung des Landes sich selbst isoliert, dass Iran der weltweit größte Förderer des islamistischen Terrors ist, wen interessiert das schon? Dass dort Minderjährige auf offener Straße zu Tode gesteinigt oder aufgehängt werden - um derartige Details geht es nicht im ideologischen Diskurs der professionellen Islam-Versteher.

Lieber sprach Nirumand von den Ohnmachtsgefühlen der islamisch-arabischen Welt, der Arroganz des Westens, der Unfähigkeit des Amerika-hörigen Europas, vom "nationalen Recht" Irans auf Urananreicherung und, last but not least, von der Schuld Israels. Das winzige Land, so groß wie Hessen, sei der "Schlüssel zum Frieden", das Haupthindernis einer durch und durch friedlichen Welt, der giftige Pfahl im Fleische.

Ralph Giordano ("Die Bertinis") sprach schließlich aus, was alle wissen und jeder versteht, der noch bei Trost ist: "Israel, der Staat der Juden, wird die Bombe in den Händen der Mullahs nicht hinnehmen." An dieser Wahrheit ändert auch Richard Perle nichts, einer der vehementesten Befürworter jenes Irak-Kriegs, dessen offizielle Begründung auf Lügen fußte. Tapfer behauptete er, Amerika erwäge keine nuklearen Schläge gegen den Iran.

Es blieb Friedbert Pflüger, Merkel-Vertrauter, Staatssekretär im Verteidigungsministerium und CDU-Aspirant auf den Posten des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, vorbehalten, auf womöglich typisch deutsche, aber nicht unsympathische Weise Klarheit und Konsens zu verbinden.

Er verteidigte die Meinungsfreiheit und fragte dennoch nach ihren Grenzen, die es ja auch im Rechtsstaat gibt. Wie Richard Perle wandte er sich dagegen, politischer Intoleranz und religiösem Fanatismus in irgendeiner Form nachzugeben. Andererseits gehe es immer auch darum, sich verständlich zu machen und andere zu verstehen, zum Beispiel nicht alle anderen in einen Topf mit dem Deckel "Islam" zu werfen.

Spielerisches gegen Absolutes

Mochte hier schon ein wenig der Wahlkämpfer gesprochen haben, der in Kreuzberg, Wedding und Neukölln auch vor vielen muslimischen Berlinern Reden halten wird, so wurde doch deutlich, dass gerade die Unmissverständlichkeit der eigenen Haltung eine wirkliche Kommunikation, den ominösen Dialog der Kulturen, überhaupt erst möglich macht. Schon die neuesten Bilder in den nachfolgenden "Tagesthemen" illustrierten noch einmal, worum es geht:

Während in Europa darüber diskutiert wird, was der Westen vielleicht falsch gemacht hat (Waren die dänischen Karikaturen geschmacklos, schlecht oder plump provokativ? Muss man nicht doch mehr Rücksicht auf religiöse Empfindungen nehmen? Ist uns säkularisierten Zynikern einfach nichts mehr heilig?), werfen aufgehetzte islamische Fanatiker schon Steine auf christliche Kirchen im Libanon und bedrohen Andersgläubige, die für sie einfach nur "Ungläubige" sind.

Eine symptomatische Ungleichzeitigkeit zur selben Zeit. Wo es für uns im Westen, ob bei schlechten Karikaturen, mittelmäßigem Kabarett und zuweilen an den Nerven zerrenden TV-Talkshows, stets um Gefühle und Gedanken, Meinungen und Argumente, also um prinzipiell spielerische Optionen des Lebens geht, dreht sich in der islamisch-arabischen Welt immer mehr nur noch um das unverrückbar eine, das Absolute: die Unantastbarkeit des Glaubens. Jede Kritik und Selbstkritik kann da nur als Gotteslästerung, als tödliche Beleidigung wahrgenommen werden.

Dann lieber noch 1000 weitere Talkshows mit Sabine Christiansen und 100 Wochen Streik im Öffentlichen Dienst - verteilt auf zehn Jahre, versteht sich. Die Freiheit hat ihren Preis.



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