Kulturobjekt T-Shirt Facebook zum Anziehen

Es ist das Kleidungsstück des 20. Jahrhunderts, vereint Uniformität und Individualität: Das T-Shirt. Jetzt beleuchtet eine große Ausstellung in Bielefeld die Kulturgeschichte des Kult-Stoffs. Sie zeigt: Mit dem T-Teil tragen Menschen auf der Brust, was ihnen nicht ins Gesicht geschrieben steht.


Jacob Dahlgren hat eine Obsession. Er steht auf T-Shirts. Genauer: auf gestreifte T-Shirts. Mehr als tausend Stück hat er schon. Und er trägt nichts anderes mehr.

Nein, Dahlgren ist nicht bekloppt. Er ist Künstler. Und seine Fixierung auf Streifenshirts ist nur eine Form seiner künstlerischen Neubewertung von Alltagsgegenständen. Früher hat er mal eine Ausstellungswand mit 900 schwarzweißen Dartscheiben behängt: Op Art als Ready Made, raunten da die Insider. In diesem Jahr baut Dahlgren jetzt seine Shirt-Manie aus. Da er sich in Ringelhemden wie ein abstraktes Kunstwerk fühlt, lässt er sich jetzt kuratieren: Von ihm ernannte Ausstellungsmacher bestimmen, welche Shirts Dahlgren wann und wie lange trägt.

Mit seiner Gedankenverbindung von Kunst und Hemd steht Dahlgren nicht allein. Gut hundert in die Kunst abgewanderte Shirts von etwa 25 Künstlern präsentiert derzeit die Schau "Mehr als ein T-Shirt" im Bielefelder Kunstverein. Staunend kann man sehen, welche Vielzahl von Andockstellen das schlichte Baumwoll-Leibchen für zeitgenössische Künstler bereithält.

Denn schließlich ist das T-Teil mehr als ein Kleidungsstück. Für Thomas Thiel, den 32 Jahre alten Leiter des Kunstvereins, ist es eine "Ikone der Jetztzeit". Der Kunsthistoriker und Medientheoretiker Beat Wyss hat es als "Leitmotiv der Popkleidung" bezeichnet und der Journalist Ulf Poschardt als "universelles Display". Vermutlich könnte man in ihm auch eine Art Facebook des realen Auftritts sehen. Denn egal, ob vom Grabbeltisch und aus Sweatshop-Produktion für 3,95 Euro oder aus Fair-Trade-Quelle und selbstbemalt: Wer ein bedrucktes Shirt trägt, will entziffert werden, will signalisieren, wes Geistes Kind er ist, will sichtbar machen, was ihm eben nicht ins Gesicht geschrieben steht.

Hauch von Männerschweiß

Solche Bedeutung war dem T-Shirt nicht in die Wiege gelegt. Es begann seine Karriere in Gestalt der Unterhemden, die Marinesoldaten gegen Ende des 19. Jahrhunderts trugen. Offen tragbar wurde es in den Fünfzigern, als Stars wie Marlon Brando ("Endstation Sehnsucht") und James Dean ("…denn sie wissen nicht, was sie tun") seine schnöde Stofflichkeit mit rebellischem und erotischem Flair anreicherten. Damals noch trübte nur ein Hauch von Männerschweiß das reine Weiß, wenig später führte Jean Seberg in Godards "Außer Atem" mit einem "Herald Tribune"-Werbeemblem die Marketingversion in die Filmgeschichte ein.

Mit bedruckten T-Shirts positionierte man sich dann spätestens in den Siebzigern politisch, Langhaarige trugen das Peace-Zeichen auf der Brust. Doch schon wenig später hieß es dann zur Abgrenzung von Hippies und ihren soften Klangkulissen: "I hate Pink Floyd" - so stand es auf einem Shirt des Sex-Pistols-Sängers Johnny Rotten.

Ausschnitte aus der kulturgeschichtlichen Vorgeschichte des Kunst-Shirts liefert in der Ausstellung eine kleine Diashow. Dann aber steht der Besucher gleich vor einer Mauer mit massivem Hemdenbefall. Der britische Künstler Ross Sinclair hat ab 1993 mit Acrylfarbe gängige Sprüche auf kunterbunte Shirts gemalt. Dicht gehängt wie eine Plakatwand, formieren sie das Porträt - oder genauer: das Brustbild - einer Generation und ihrer Bekenntnisse: "Loser" heißt es da, aber auch "Careerism"; an "Kurt Cobain 1967-1994" wird gedacht, aber auch ganz trocken ein "Wet T-Shirt" heraufbeschworen.

Die Brust freilegen

Für seine Performance "Shirtologie" hat Jèrôme Bel etliche Hemden übereinander an- und nacheinander ausgezogen. Und tut dabei, was die Aufschriften verlangen: Ist eine Partitur aufgedruckt, singt er. Sagt das nächste Shirt "Dance or die", tanzt er. Erscheint der Labelaufdruck "Replay" wiederholt er Singsang und Tanz, bis die Zeile "Shut up and dance" ihn nur noch stumm herumzappeln lässt.

Das ist lustig, aber umständlich. Künstlerinnen scheinen da praktischer orientiert. Von ihnen gibt es tragbare Tops in hoher Stückzahl zu erschwinglichen Preisen. Vivienne Westwood hat der Punk-Bewegung nicht nur ein legendäres zerschnittenes, zerrissenes und mit Sicherheitsnadeln gespicktes Hemd auf den Leib geschneidert, sondern auch ein "Tits"-T-Shirt entworfen, das eine ansehnliche weibliche Brust zeigt und so freilegt, was in ihm stecken könnte.

Jenny Holzer schätzt das Shirt als Erweiterung des öffentlichen Raums, in dem sie ihre "Truisms" genannten Denksprüche gerne präsentiert. Ihr Shirt mit der Formel "Protect me from what I want" etwa könnte, getragen bei einer Shoppingtour, arge Fehlkäufe verhindern. Glücklich dagegen, wer sich 1993 im Kunstprojekt-Laden von Tracey Emin und Sarah Lucas nicht zurückhielt. Die beiden versahen lockere Tops mit losen Sprüchen wie "Fucking Useless" und "She's Kebab" und verkauften sie für wenige Pfund. Heute sind die Shirts teure Ikonen der Brit Art.

Was aber treibt so viele Künstler zum Hemd, fragt man sich am Ende der Schau. "Das T-Shirt ist ein Medium, das die Kunst mit seinem Träger eng verbindet", vermutet Ausstellungsmacher Thiel. Vielleicht kann das Faszinosum T-Shirt auch so beschreiben: In ihm steckt zwar nicht immer ein kluger Kopf, aber womöglich ja einer, der für seine Botschaft einsteht.


"Mehr als ein T-Shirt", Kunstverein Bielefeld, 14. November bis 24. Januar 2010



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MarkusF 14.11.2009
1. Geistiger Diebstahl
Jenny Holzer schätzt außer dem "Shirt als Erweiterung des öffentlichen Raums, in dem sie ihre "Truisms" genannten Denksprüche gerne präsentiert" wohl auch geistigen Diebstahl der Zeile aus dem Song "Protect Me From What I Want" der britischen Band Placebo (Erscheinungsdatum: 2006). Das dann noch als ihren Denkspruch auszugeben, hmmm...
lhqweginger 14.11.2009
2. Ursache und Wirkung...
Ich würde mal behaupten, dass Jenny Holzers "Protect me from what I want" deutlich älter ist als der aufgeführte Song der Band Placebo. Zumindest deutet eine einfache google-Recherche darauf hin: http://www.nytimes.com/2002/09/06/arts/art-in-review-jenny-holzer-protect-me-from-what-i-want.html Hier mal auf das Datum des Artikels achten. Zudem scheint mir der Spruch aber auch nicht so abstrakt, als dass ihn sich nicht auch zwei Köpfe unabhängig voneinander ausgedacht haben könnten. Vielleicht ist das große Wort vom "geistigen Diebstahl" also ein bisschen hoch gegriffen.
lo_specchio 14.11.2009
3. Da kennt jemand Jenny Holzer nicht
Zitat von MarkusFJenny Holzer schätzt außer dem "Shirt als Erweiterung des öffentlichen Raums, in dem sie ihre "Truisms" genannten Denksprüche gerne präsentiert" wohl auch geistigen Diebstahl der Zeile aus dem Song "Protect Me From What I Want" der britischen Band Placebo (Erscheinungsdatum: 2006). Das dann noch als ihren Denkspruch auszugeben, hmmm...
Na da ist Jenny Holzers Version aber mal mindestens 10 Jährchen älter. Das ist im Übrigen einer Ihrer Standardsprüche, sie hat Hunderte davon. Die hat sie auch ja nicht nur auf T-Shirts, sondern auf Plakatwände, Formel-1-Wagen, überall hin geschrieben.
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