Kulturstaatsminister Neumann "Wir müssen die Akzeptanz unserer Werte einfordern"

Der Staatsminister für Kultur, Bernd Neumann, CDU, spricht im Interview mit SPIEGEL ONLINE über die Debatte um den türkischen Film "Tal der Wölfe", die gewünschte Rolle der Akademie der Künste im Kampf der Kulturen und seine Pläne zur Stärkung des deutschen Films.


SPIEGEL ONLINE:

 Nach der Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Zeitung reißt die Welle der Gewalt in einigen muslimischen Ländern nicht ab. Was kann die Kultur dagegen setzen?

Neumann: In Zeiten der zunehmenden Orientierungslosigkeit kommt der Kultur bei der Rückbesinnung auf eigene Werte und Traditionen eine eminent wichtige Rolle zu. Wir haben keine andere Chance, als in diesen Zeiten den Dialog zu führen. Dazu sind wir aber erst fähig, wenn wir die eigenen Stärken und Schwächen unserer Kultur kennen.

Kulturstaatsminister Neumann: "Ich halte nichts von Verboten"
DDP

Kulturstaatsminister Neumann: "Ich halte nichts von Verboten"

SPIEGEL ONLINE: In deutschen Kinos läuft mit "Tal der Wölfe" gerade ein unter Migranten sehr erfolgreicher türkischer Actionfilm, der antiamerikanische und antisemitische Ressentiments bedient. Macht Ihnen das Sorgen?

Neumann: Natürlich, weil ein Kampf der Kulturen das Schlimmste wäre, wenn er Wirklichkeit würde. Denn Kampf bedeutet am Ende auch immer, dass es Sieger und Verlierer gibt. Wir, die wir im kulturellen Bereich tätig sind, müssen hier vermitteln und aufklären.

SPIEGEL ONLINE: Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber verlangte sogar die Absetzung des Films. Ist das die richtige Maßnahme?

Neumann: Ich habe den Film bislang nicht gesehen. Was ich aber darüber gelesen habe, bereitet mir schon Sorge. Wenn ich lese, dass der Film mit großem Beifall bedacht wird, stellt das Fragen an die Verankerung unseres Wertesystem in der Gesellschaft, aber auch an die Vermittlung unserer Werte weltweit.

SPIEGEL ONLINE: Müsste der Verleiher des Films nicht den Streifen von sich aus vom Markt nehmen?

Neumann: Natürlich würden Verleiher und Kinobetreiber die notwendige Verantwortung zeigen, wenn sie einen derartig politisch wie gesellschaftlich problematischen Film von vornherein ablehnten. Verbieten kann man ihn nicht. Verbote lösen kein Problem. Offensichtlich drückt der Film die Empfindungen eines Teils der türkischstämmigen Bevölkerung in Deutschland aus. Die Akzeptanz des Films wirft aber auch ein Schlaglicht auf die Herausforderungen, vor denen unsere Integrationspolitik noch steht. Wir müssen verstärkt den Dialog suchen, verstärkt in Schulen und darüber hinaus über unsere kulturellen Werte aufklären, über die Bedeutung von Demokratie, Freiheit und Toleranz, über die Ablehnung von Hass und Ressentiments gegenüber Andersdenkenden und Andersgläubigen. Wir müssen aber auch von allen, die in unserer Gesellschaft leben, die Akzeptanz dieser Werte einfordern.

SPIEGEL ONLINE: Entzündet hat sich die neuerliche Debatte über den Kampf der Kulturen an den Mohammed-Karikaturen der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten". Hätten sie nicht veröffentlicht werden dürfen?

Neumann: Ich hätte sie nicht veröffentlicht, aber jetzt mit Zensurforderungen zu kommen, ist völlig verfehlt. Die Pressefreiheit ist aus gutem Grund Teil unseres Grundgesetzes. Zur Pressefreiheit gehört aber immer auch der verantwortliche Umgang mit Freiheit.

SPIEGEL ONLINE: Was können Sie denn konkret für den Dialog der Kulturen tun?

Neumann: Als Kulturstaatsminister fördere ich ihn durch Institutionen und Projekte, wie die der Bundeskulturstiftung mit ihren interkulturellen Projekten, das Haus der Kulturen der Welt oder der Berlinale mit dem "World Cinema Fund". Auch die Akademie der Künste in Berlin, die der Bund übernommen hat und mit 18 Millionen Euro im Jahr fördert, sollte uns dabei unterstützen.

SPIEGEL ONLINE: Die sich nach dem Rücktritt ihres Präsidenten allerdings weitestgehend mit sich selbst beschäftigt.

Neumann: Ich sehe in der Tat dringenden Handlungsbedarf, damit die Akademie der Künste die im Akademie-Gesetz verankerten Aufgaben in vollem Umfang wahrnehmen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie in die Interna der derzeit desolat aufgestellten Akademie eingreifen?

Neumann: Der Bund hat ja nur die Rechtsaufsicht, das ist auch gut so. Trotzdem habe ich die Verantwortlichen der Akademie eingeladen, um einen Dialog über Reformen und Ziele zu führen.

SPIEGEL ONLINE:  Die Rolle der Akademie der Künste, die als nationale Institution nicht wirklich in Erscheinung tritt, wirft auch ein Schlaglicht auf die Hauptstadt-Förderung. Übernimmt der Bund weitere Institutionen?

Neumann: Zunächst einmal muss Berlin als Bundesland seine Aufgaben erledigen. Fakt ist aber auch, dass sich in der Hauptstadt die Kulturnation Deutschland in besonderer Weise repräsentiert, wofür der Bund auch erhebliche Mittel bereitstellt.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert mit der Deutschen Staatsoper, deren Sanierungskosten auf 120 Millionen Euro geschätzt werden? 

Neumann: Wir alle stehen in der Verantwortung diesen historischen Bau mit seiner Oper zu erhalten. Zudem hat die Staatsoper durch Daniel  Barenboim Weltruf.

SPIEGEL ONLINE: Also gibt es keine Übernahme der Oper durch den Bund, sondern eine Beteiligung an den Sanierungskosten wie einst beim Olympiastadion?

Neumann: Darüber muss geredet werden.

SPIEGEL ONLINE: Unterdessen schreitet der Abriss des Palastes der Republik voran. Wird sich der Bund am Wiederaufbau des Stadtschlosses beteiligen?

Neumann: Ich halte es für richtig, dass der Palast endlich abgerissen wird, er war ja nur noch eine unansehnliche Ruine. Die federführende Verantwortung zum Schlossaufbau liegt beim Bundesbauminister. Natürlich ist es unser Ziel, dass das neue Gebäude mit dem Humboldtforum Wirklichkeit wird. Wann, kann im Augenblick realistischerweise niemand sagen.

SPIEGEL ONLINE: Mit der Berlinale rückte Berlin in den vergangenen Tagen einmal mehr in den Blickpunkt der internationalen Öffentlichkeit. Sie haben schon immer ein großes Interesse für die Filmwirtschaft gehabt. Der deutsche Film hat gut abgeschnitten. Wird sich das auch an der Kinokasse widerspiegeln?

Neumann: Das wird man sehen. Aber die Aufmerksamkeit, die die Berlinale erzeugt, hat den Filmen in den Kinos immer geholfen. Wir hatten 2004 ein Rekordjahr mit fast 24 Prozent Marktanteil für den deutschen Film, 2005 allerdings nur 17 Prozent. Ich bin sicher, dass der Anteil deutscher Filme in diesem Jahr wieder steigen wird - die Berlinale hat dieses befördert.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie da nicht sehr optimistisch? Die Zahl der Kinobesucher geht doch kontinuierlich zurück.

Neumann: Der Grund für die Einbrüche im Jahr 2005 liegt aber nicht an deutschen Produktionen, sondern erklärt sich im wesentlichen am unattraktiveren Angebot amerikanischer Filme.

SPIEGEL ONLINE: Bei aller Freude über die Silbernen Bären für deutsche Schauspieler, hat der deutsche Film nicht doch eher eine Nischenfunktion?

Neumann: Das heißt ja nicht, dass man den Anteil nicht erhöhen kann. Die Franzosen haben einen Anteil von 38 Prozent. Auch in Deutschland kann man durch verbesserte Rahmenbedingungen zu Steigerungen kommen.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren kürzlich in Frankreich. Was kann man lernen? Etwa die Einführung der Quote?

Neumann: In Deutschland gibt es wenig Akzeptanz für schematische Quoten - weder im Kino noch im Fernsehen. Aber Frankreich hat ein attraktives Mosaik von Förderungsmechanismen, die zu Investitionen in französische Produktionen führen. Wir haben gute deutsche Filme. Was verbesserungsbedürftig ist, sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

SPIEGEL ONLINE: Wie genau stellen Sie sich diese Verbesserung vor?

Neumann: Es muss gelingen, in Deutschland Rahmenbedingungen wie in anderen EU-Ländern zu schaffen, die dazu führen, dass privates Kapital für Produktionen in Deutschland investiert wird: Eine Arbeitsgruppe unter meiner Leitung wird bis zum 1. Juli ein entsprechendes Konzept vorlegen, mit dem die Bundesregierung den Zielen des Koalitionsvertrages dann Rechnung tragen kann.

SPIEGEL ONLINE: Die Tagung der CSU-Filmkommission hat einen nationalen Filmfonds vorgeschlagen, auch deutsche Produzenten wie Regina Ziegler haben auf der Berlinale dafür plädiert.

Neumann mit Brasiliens Kulturminister Gilberto Gil: "Dialog der Kulturen befördern"
REUTERS

Neumann mit Brasiliens Kulturminister Gilberto Gil: "Dialog der Kulturen befördern"

Neumann: Das ist ein Vorschlag, der in der Arbeitsgruppe mit beraten wird. Es gibt sehr verschiedene Interessen, die großen Produzenten benötigen nicht unbedingt dieselben Maßnahmen wie die kleinen. Deshalb ist das französische Modell mit seinem breit gefächerten Angebot so interessant.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich denn eher den kleinen Produzenten verpflichtet?

Neumann: Wir brauchen beide - die Global player, die größere Produktionen machen können, und die kleinen Produktionsfirmen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sitzen hier im achten Stock des Kanzleramtes, ein Stockwerk unter Ihnen residiert die Kanzlerin. Hat Sie ein offenes Ohr für Ihre Vorschläge?

Neumann: Ja. Sie ist auch an der wirtschaftlichen Stärkung des deutschen Films sehr interessiert. Deshalb hat sie mit Dieter Kosslick und mir einen Besuch auf dem European Film Market der Berlinale gemacht. Dieser Bereich ist enorm gewachsen, der boomt jetzt und ist einer der größten Filmmärkte der Welt. Mit dem Besuch hat die Bundeskanzlerin ein Signal gesetzt und deutlich gemacht, dass die Regierung die Wettbewerbsfähigkeit der Filmwirtschaft stärken will.

SPIEGEL ONLINE: Frau Merkel wird ja allgemein nachgesagt, keinen großen Bezug zur Kulturbranche zu haben.

Neumann: Im Gegenteil. Erst dieser Tage hat sie in einem Gespräch mit mir ihr besonderes Interesse am Kulturbereich zum Ausdruck gebracht und mir ihre Unterstützung zugesagt. Der große Vorteil meines Amtes liegt ja darin, dass es direkt im Kanzleramt angesiedelt ist. 

SPIEGEL ONLINE: Also ein nachträglicher Dank an Gerhard Schröder, der das Amt erst schuf, für das Sie erfolglos unter Helmut Kohl gekämpft haben? 

Neumann: Alles fließt. Ich habe bereits 1998 keinen Hehl daraus gemacht, dass die Einrichtung dieses Amtes sinnvoll ist. Damals gab es aus manchen Ländern noch Kritik. Heute erhalte ich häufig Anrufe aus denselben Ländern, ob der Bund nicht hier oder dort unterstützend tätig sein könnte. Das bestätigt die Akzeptanz dieses Amtes.

Das Interview führten Andreas Borcholte und Severin Weiland



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