Kunst-Aktion von Tobias Rehberger: Der Mond über Münster

Von Ingeborg Wiensowski

Kunst-Aktion von Tobias Rehberger: Emotionale Schaltkästen Fotos
Roman Mensing/ artdoc.de

Selbst im malerischen Münster ist das Bahnhofsviertel trist. Der Künstler Tobias Rehberger will das ändern, indem er graue Stromkästen in bunte Objekte verwandelt - und das Quartier so schöner, liebens- und lebenswerter macht.

Wer in Münster mit dem Zug ankommt und durch das Bahnhofsviertel geht, wird sich wundern: da wachsen bunte, geringelte oder gepunktete Rohre aus dem Boden und umranken die hässlichen grauen Schaltkästen an den Straßen. Über jedem Stromkasten leuchtet ein künstliches weißes Mondlicht. Die seltsamen Gebilde soll man sich nicht nur ansehen - sie laden Passanten zum Sitzenbleiben ein, Kinder zum Klettern, Jogger zum Stretchen und Teenager zum Knutschen.

Kunstkenner werden die grau-bunten Dinger rund um das Münsteraner Bahnhofsviertel schnell als "Kunst im öffentlichen Raum" erkennen und sie als Objekte des international bekannten Künstlers Tobias Rehberger identifizieren. Er operiert gern an der Schnittstelle von Form und Funktion, Oberfläche und Gebrauch. In den vergangenen Jahren haben vor allem seine experimentellen Gestaltungen von Bars für Schlagzeilen gesorgt. Rehberger, Professor an der Frankfurter Städelschule, exportierte etwa jüngst seine Lieblingsbar in Sachsenhausen, die Oppenheimer-Bar, in ein New Yorker Hotel. 2009 wurde er auf der 53. Venedig-Biennale für seine Caffetteria in den Giardini mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

Dass ihn besonders Orte sozialer Zusammenkünfte in seiner Arbeit interessieren, hat er bereits 1997 in Münster bewiesen: Seine Freiluft-Bar "Günters' (wiederbeleuchtet)" war ein Highlight der alle zehn Jahre stattfindenden Schau "Skulptur Projekte Münster". Schon damals habe es ihn gereizt, "Unorte, die man ansonsten wie blinde Flecke gerne in seiner Wahrnehmung der städtischen Umgebung ausblendet, in Orte zu verwandeln, die sogar eine gewisse Qualität besitzen", sagte Rehberger in einem Gespräch mit der Kuratorin seiner jetzigen Schaltkasten-Aktion.

Kunst-Zonen zum Händchenhalten

Auch jetzt will Rehberger mit seinem Projekt Orte sozialer und interaktiver Zusammenkünfte schaffen. Und das selbst dann, wenn er die vorgeschlagene Idee, etwas mit Stromkästen zu machen, im ersten Moment "etwas seltsam" fand. Im zweiten Moment dachte er, dass es "etwas haben könnte, an so einem 'romantischen' Ort an der Hauptstraße zu sitzen, sich zu verabreden, Zeit zu verbringen, Händchen zu halten". Und er habe versucht, das "emotionale Potential" von Schaltkästen zu entdecken und herauszustellen. Auf keinen Fall habe er diese neuen "pseudo-romantischen Orte" und ihre Objekte einfach nur "dekorieren oder gar verhübschen" wollen.

Nun stehen seine bunten Schaltstationen dezentraler Telekommunikation direkt am Straßenrand: in versteckten Grünflächen und in unansehnlichen Häusernischen. Sie sollen das Münsteraner Bahnhofsviertel mit der Kompetenz der Kunst schöner, liebens- und lebenswerter machen. Eine schwierige Aufgabe.

Denn wie in vielen Städten ist das Bahnhofsviertel in Münster keine Vorzeigegegend. Angeschlagene Bausubstanz, billige Boutiquen und wenig kaufkräftige Dauerflaneure prägen diese Quartiere deutschlandweit. Besonders Rotlicht- und Rauschmittel-Freunde werden von ihnen angezogen. Und so ist es kein Wunder, wenn von Frankfurt über Köln bis Berlin gerade über Lösungen für eine Aufwertung dieser Stadtquartiere nachgedacht wird - meist mit Hilfe großer Masterpläne.

Das Innenleben nach außen gekehrt

Darauf kann die Stadt Münster verzichten. Hier geht man mit künstlerischer Kreativität ans Werk. Allerdings ist Münsters Bahnhofsviertel auch kein allzu großer Problemfall - es fällt nur gegenüber der malerischen Innenstadt ab, für die Münster erst vor einigen Jahren international zur lebenswertesten Stadt erkoren wurde. Gern hält man nun an diesem Image fest und feilt daran. Auch mit den Mitteln der Kunst. Denn die Stadt hat mit ihren Skulpturprojekten das Thema Kunst im öffentlichen Raum sozusagen erfunden.

So kam es, dass der Interessensverband der Geschäftsleute im Bahnhofsviertel den Künstler Rehberger einlud, sich die hässlichen, allseits bekannten grauen Schaltschränke genauer anzusehen. Hinter ihrer Oberfläche regeln sie das Miteinander von Kommunikation und Datenverkehr und sind sonst nur bei illegalen Plakatklebern und nächtlichen Graffiti-Sprühern beliebt.

Ihr Innenleben hat Rehberger nun nach außen gekehrt und das Prinzip der Vernetzung und Verkabelung als Stilelement sichtbar gemacht.


Einweihung der ersten fertigen Objekte am 13.9., mit zweitägigem Symposium zur Frage, ob Kunst zu einer besseren Stadtplanung beitragen kann.

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insgesamt 5 Beiträge
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1. Naja
niph 10.09.2013
ganz nett anzuschauen, aber zum einen sehen einige Entwürfe so aus als ob die Türen dann gar nicht mehr aufgehen (?) und abgesehen davon bevorzuge ich Graffiti oder Poster.
2.
z_beeblebrox 10.09.2013
Zitat von niphganz nett anzuschauen, aber zum einen sehen einige Entwürfe so aus als ob die Türen dann gar nicht mehr aufgehen...
Einige? Bei allen! Gut, man kann die Sachen auch leicht demontierbar gestalten. Dann freuen sich die Schaltschranktechniker, falls die nochmals ranmüssen, erst einmal nen halben Tag zur De- und dann wieder Montage zu investieren ;) Egal, mir gefallen die Sachen. Die Bar im Zebrastreifendesign ist allerdings potthässlich und vieeel zu unruhig (für nen SiFi-Film ganz o.k.). Dann schon eher die Giger-Bar in der Schweiz. Die Eisdiele (Caffetteria in den Giardini) ist m.E. jetzt auch nicht der ganz große Brüller. Gibt sehr viel besseres. Es gibt wirklich gute Graffitis. Meist ist es jedoch nur schnelle Schmiererei.
3. Na klar schnelle Schmiererei
niph 10.09.2013
Weil sich die Bahn/Telekom/wer-auch-immer seltenst dazu durchringen können die Schaltkästen zum Bemalen freizugeben. Aber immer wenn solche Flächen freigegeben werden entstehen irgendwann echte Kunstwerke die auch keiner übermalt, soviel Respekt gibts in der Graffitiszene dann meist doch noch.
4. Über jedem Stromkasten leuchtet ein künstliches weißes Mondlicht
orthos 10.09.2013
Über jedem Stromkasten leuchtet ein künstliches weißes Mondlicht. Wir haben ja noch nciht genug Lichtverschmutzung... Abgesehen davon, was haben (bunte) Rohre mit Elektroinstallationen zu tun?!
5. Super Aktion
HuHa 10.09.2013
Zitat von sysopSelbst im malerischen Münster ist das Bahnhofsviertel trist. Der Künstler Tobias Rehberger will das ändern, indem er graue Stromkästen in bunte Objekte verwandelt - und das Quartier so schöner, liebens- und lebenswerter macht. Kunst-Aktion von Tobias Rehberger in Münster - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/kunst-aktion-von-tobias-rehberger-in-muenster-a-921249.html)
Wow, Klasse! Bitte unbedingt auch nach Nürnberg kommen - hier gibt es mehr als genug solch häßlicher grauer Kästen, die nach Verschönerung geradezu schreien!
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