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Kunst am Polit-Bau: Macht mal Licht, ist so düster hier

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Wenn Architekten versagen, müssen halt manchmal Künstler ran: In zwei Wettbewerben wurden Ideen für ein ziemlich langweiliges - und teilweise ziemlich dunkles - Glasfassadengebäude des Bundes gesucht.

Mitten in Berlin, an der Dorotheen- und der Wilhelmstraße, baut die Bundesregierung ein Dienstgebäude für den Deutschen Bundestag mit 210 Büroräumen. Lieb + Lieb heißt das Architekturbüro aus Freudenstadt, das den Wettbewerb mit einem dieser gesichtslosen Glasfassaden-Verwaltungsgebäude gewonnen hat. Bauherr ist das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Und das hatte Anfang des Jahres für das neue Haus zwei Wettbewerbe für die gesetzlich vorgeschriebene "Kunst am Bau" ausgeschrieben.

Jetzt sind die Ergebnisse zur Gestaltung des Foyers, des Innenhofs und eines Verbindungstunnels im "Kunst-Raum im Deutschen Bundestag" ausgestellt, den jeder bei freiem Eintritt, aber mit strenger Sicherheitskontrolle, besuchen kann. Die soll den Parlamentariern in ihrem neuen Haus erspart werden, wenn sie die Kollegen in den nahe liegenden Bürohäusern besuchen. Auch deshalb ist der Neubau durch einen unterirdischen Tunnel mit dem Jakob-Kaiser-Haus verbunden, von wo aus man in den Reichstag kommt.

Kunst als Reparaturmaßnahme

Schön ist so ein langer, einmal geknickter Tunnel ohne Tageslicht natürlich nicht, aber ein typischer Fall für die gesetzlich vorgeschriebene "Kunst am Bau". In der Ausschreibung wurde ein künstlerisches Konzept verlangt, "welches das fehlende Tageslicht thematisiert" und "den fehlenden optischen Außenraumbezug in enger Verbindung mit der vorhandenen Architektur künstlerisch kompensiert".

Man könnte es auch so formulieren: Die Architekten haben versagt, und nun sollen die Künstler aus einem düsteren Tunnel ein strahlendes Kunstwerk machen. Nach welchen Auswahlkriterien die acht Künstler zu diesem Tunnel-Verschönerungs-Wettbewerb eingeladen wurden, bleibt im Dunklen. Wie, fragt man sich, kommt die politisch arbeitende US-Künstlerin Martha Rosler auf die Liste der Eingeladenen? Oder der Maler Franz Ackermann? Beide gaben übrigens keinen Entwurf ab.

Fünf Beiträge gingen ein, und die sind mit Zeichnungen, Modellen, Erklärungen und einigen Kunstwerken der Teilnehmer ausgestellt.

Den ersten Preis, und damit die einstimmige Empfehlung des Preisgerichts zur Ausführung, hat die Berlinerin Gunda Förster gewonnen. Mit vertikalen und horizontalen gelb-orange farbenen LED-Lichtlinien an den Seiten und an der Decke hat sie den langen Gang wie einen Torbogen ausgekleidet. Zum Knick des langen Schlauches hin verdichtet Förster die Lichtlinien zu einer perspektivischen Konzentration. Die Stromversorgung, schlägt Förster vor, könne durch Sonnenenergie erfolgen, so würde nicht nur scheinbar, sondern "ganz real" Sonnenlicht in den Tunnel geleitet werden.

Auch Bernhard Kahrmann (2. Platz) bringt Licht in den Tunnel, er installiert seine dimmbare Lichtwand auf den unverputzten Beton. Christina Kubisch schlägt eine Klanginstallation vor, ihr Kollege Ulrich Görlich konfrontiert die Passanten lieber mit Fotos von 110 Wahlberechtigen und farbigen Wahlergebnisblöcken. Ob der Entwurf von Benjamin Bergmann ironisch gemeint ist, bleibt unklar: Sein mit den Farben Schwarz, Rot und Gold bemalter Fußboden sei eine "Referenz auf das Hoheitszeichen der Bundesrepublik Deutschland...".

Lackierte Bücher-Bilder für das Foyer

Der zweite Wettbewerb bestand aus zwei Aufgaben: Für den Eingangsbereich des Hauses war ein künstlerisches Konzept gefragt, das "zur Identifikation der Mitarbeiter mit dem Gebäude" beiträgt, und der 3000 Quadratmeter große umbaute Innenhof sollte von Landschaftsarchitekten und Künstlern gemeinsam gestaltet werden.

Das Foyer gewann der Künstler Peter Wüthrich aus Bern mit zwei Wandinstallationen aus jeweils 300 geschlossenen, deutschsprachigen, antiquarischen Büchern. Die hängen lackiert als Quadrat an der Wand und sollen so "eine Symbiose von Form, Farbe und Inhalt" ergeben. Das Buch als "Medium" transportiere und speichere "geistigen Inhalt" und - man höre und staune - es "zieht die Verbindung zum Parlamentarier, der sich durch und in den Büchern symbolisch widerspiegelt und sich somit in dieser Metapher selbst begegnet". Die Jury hat das als "poetische Qualität" verstanden und empfiehlt die Ausführung. Schade, denn es gab schönere Vorschläge, wie den des Dänen Tue Greenfort, der eine Sumpflandschaft mit Abdrücken von Bärentatzen vorschlägt, womit auf den Ursprung und das Wahrzeichen Berlins verwiesen wird.

Den größten der drei Wettbewerbe, die Gestaltung des Innenhofes, gewann die Hager Landschaftsarchitektur AG aus Zürich zusammen mit dem Künstler Beat Zoderer. Ihr kreisrundes Dach auf bunten Stützen über der "hainartigen Bepflanzung" verstehen die Entwerfer als offenen Pavillon "wie die Agora in der Polis", als einen "Ort der Kontemplation und des Diskurses".

Ob sich so ein Diskurs im Entwurf von "Vogt Landschaftsarchitekten" mit Karin Sander wohl anders entwickeln würde? Dort tanzt ein einziger Baum in einem angepflanzten Hainbuchenhain buchstäblich aus der Reihe. Angetrieben von einer eingebauten Mechanik dreht er sich unablässig um sich selbst.


Ausstellung der Kunst-am-Bau-Wettbewerbsarbeiten. Berlin. Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, Schiffbauerdamm, Eingang unten am Wasser. Bis 12.9.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
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1. deutsches Denken...
agb_akzeptiert 17.08.2010
Man merkt an solchen Dingen wieder einmal wie gering das Ansehen eines Künstlers in Deutschland ist (1. Frage: kann man den damit Geld verdienen?). Das Nachdekorieren von Architektur ist das höchste aller Güte. Die "gefällige Qualität" der beschriebenen Entwürfe ist irgendwo auch nur eine Reaktion auf dumme Jurierungen, die nicht über ihren Tellerrand schauen können. Hauptsachen man macht etwas einfach zu konsumierendes, damit man wenigstens dabei ist. Erbärmlich.
2. Dunkelglas
Jakob Knoblauch 17.08.2010
Ein Glasfassadengebäude "ziemlich dunkel" werden zu lassen ist allein ja schon eine reife Leistung.
3. Onlinejournalismus
zulu.56 17.08.2010
mal abgesehen vom Inhalt des Artikels ein Wort zur Form: Ich finde es besorgniserregend, wie auch beim SPON langsam aber stetig die Qualitaet der veroeffentlichten Artikel sinkt. Die doppelte Erwaehnung der "gesetzllich vorgeschriebenen Kunst am Bau" ist eine vermeidbare Nachlaessigkeit. Und was bitte ist "eine Sumpflandschaft mit Abdrücken von Bärenlandschaften"? Wird hier eigentlich noch redigiert?
4. In einem Glaskäfig ist man immer bestraft
fucus-wakame 17.08.2010
Ich habe leider das Vergnügen, in einem Glaskäfig arbeiten zu müssen. Also: von Außen sieht das Gebäude richtig schick aus. Doch innendrinnen ist es unangenehm. Bei Sonne viel zu hell. Kräftige Blendwirkung auf die Bildschirmarbeitsplätze. Im Sommer wird es extrem warm. Im Winter kühlt es sofort aus. Was viel schlimmer ist: Glas reflektiert auch den Schall sehr laut. In diesen Räumen ist es einfach nur laut. Auch die Luft ist schlecht. Im Winter extrem trocken, wir haben teilweise nur 8% relative Luftfeuchte. Da trocknen Schleimhäute sofort aus. By the way: Nein, da hilft kein Kunstkonzept, obwohl wir jeden Monat dafür viel Geld ausgeben.
5. Einsatz in vier Wänden
Olaf 17.08.2010
Zitat von sysopWenn Architekten versagen, müssen halt manchmal Künstler ran: In zwei Wettbewerben wurden Ideen für ein ziemlich langweiliges - und teilweise ziemlich dunkles - Glasfassadengebäude des Bundes gesucht. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,712124,00.html
Das geht doch auch billiger. Einfach RTL anrufen - die schicken Tine Wittler und nach einem Einsatz in vier Wänden wird alles gut. http://rtl-now.rtl.de/einsatz-in-4-waenden.php
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