Kunst aus ungelesenen Büchern Die spinnen, die Dichter

Bei Exzentrikers zu Hause: Auf einem Landsitz in Mecklenburg-Vorpommern feiern versponnene Literaturbegeisterte ein Buch des Dichters Joseph von Westphalen, das praktisch null Leser fand und jetzt nochmal nachgedruckt wurde - als Kunstwerk der Nichtbeachtung.


Die meisten Schriftsteller finden, dass die meisten Schriftsteller einen an der Waffel haben. Bertolt Brecht zum Beispiel schrieb über eine bestimmte Sorte seiner Kollegen: "Onanieren passiert. Mit Parisern vögeln passiert. Aber diese Leute onanieren mit Parisern!"

Auf sehr viel glücklichere Weise, aber nicht weniger verdreht, landete jetzt der Schriftsteller Joseph von Westphalen einen schönen Coup. Er hat in einem idyllischen Landgut hoch droben in Mecklenburg-Vorpommern einen reichen Mann gefunden, der ein lustiges Spektakel veranstaltete und sogar ein ganz ordentliches Dichter-Stipendium gestiftet hat zu Ehren des schlimmsten Ladenhüters, den der sonst durchaus erfolgreiche Autor Westphalen ("Der Liebessalat") je produziert hat.

Das Buch heißt "Sinecure" (zu deutsch "Ohne Sorge"), erschien 1988 und verkaufte sich praktisch überhaupt nicht. Deshalb gammelte ein großer Teil der damals gedruckten Bücher (über 1200 Stück) fast zwei Jahrzehnte lang in einem Lager. Trotzdem wurde das Buch jetzt in einer 1000er Auflage sogar neu gedruckt! Wie das?

Erklär' ich euch alles, wenn ihr nach Landsdorf ans Ende der Welt, irgendwo zwischen Rostock und Greifswald, kommt, sagte der stets äußerst gewinnend auftretende Schriftsteller Westphalen (Wohnort München), wird ein nettes Fest mit netten Leuten, "natürlich buchstäblich eine abwegige Sache", aber vermutlich tausendmal spaßiger "als die üblichen Buch- und Autoren-Erfolgsgeschichten".

"Champagner trinken aus den Hirnschalen verstorbener Autoren"

Man gurkt also von Hamburg aus mehr als zweihundert Kilometer über Autobahn und Landstraßen durch die frühlingsgrüne, nur spärlich besiedelte Mecklenburg-Vorpommersche Acker- und Wiesenlandschaft und steht plötzlich vor einem silberglänzenden Metalltor, welches ein schlossähnliches Haus sichert. Das Haus steht weiß und sonnenbeschienen und ziemlich frisch renoviert inmitten eines Parks, über dem Milane (ziemlich seltene Raubvögel) kreisen.

Seit 1860 steht dieses Gutshaus Landsdorf unweit der Kleinstadt Tribsees. Es gehört seit Jahren einem aus Düsseldorf zugezogenen, offensichtlich ziemlich wohlhabenden Anwalt namens Gerd Schäfer. Der Mann hat einen mächtigen kahlen Schädel, gewitzte, stechend blaue Augen, ist 69 Jahre alt und betätigt sich gemeinsam mit seiner Frau Angela als Kunstsammler. Bilder des Fotokünstlers Andreas Gursky, eine Installation von Mario Merz und anderes Prachtvolle verzieren die Wände seines Landguts.

Schäfer begrüßt im Speisesaal des Hauses kurz Fotografen und allerlei Presseleute, dann redet der bleiche, schmale und sehr kluge Rostocker Literaturprofessor Lutz Hagestedt amüsant über die finanzielle Bedürftigkeit der meisten Schriftsteller und den Reichtum der meisten Verleger. Der habe damit zu tun, dass Verleger "Champagner trinken aus den Hirnschalen verstorbener Autoren", zitiert Hagestedt einen berühmten Toten. Das ist ulkig, weil Joseph von Westphalen gleich darauf erklärt, dass der Hausherr Schäfer ja etwas Besseres sei als ein Verleger, nämlich ein Mann "der mäzenatischen Tat". Später werden wir erfahren, das Schäfer auch lieber Bier mit lebenden Autoren trinkt als Schaumwein aus irgendwelchen Totenschädeln.

Im billigen "Entsorgungsdruck"

Was also ist die Leistung des kunstbegeisterten Anwalts Schäfer für die Literatur? Im vergangenen Frühjahr lernte er "Graf Westphalen" kennen, den er beharrlich bei seinem korrekten Adelstitel nennt - und erfuhr, dass der Dichter seit bald zwei Jahrzehnten stumm nage am Misserfolg seines "schönsten und schrägsten" (Graf Westphalen) Buchs und sogar noch die Lagerkosten bleche für die liegengebliebene Ware. Die 1200 Lager-Exemplare wolle er kaufen und nach und nach den vielen Gästen seines Domizils auf den Heimweg mitgeben, als Kunstaktion und Erinnerungsgabe, verkündete Schäfer.

Dann aber passierte das Ungeheuerliche: Ein paar Tage vor der vereinbarten Abholung der "Sinecure"-Bücher vernichtete ein Lagerarbeiter der Druckerei die ziemlich teuer gestalteten Bände. Nach einigem Hin und Her und viel Zerknirschung bei den Druckerei-Chefs beschlossen Schäfer und Westphalen, dass sie "Sinecure" in einer billigen Taschenbuchversion neu drucken lassen würden: als "Entsorgungsdruck", wie sie das nun nennen.

Aus diesen neu gedruckten Büchern hat Schäfer nun ein Denkmal des ungelesenen Buchs errichten lassen. Es besteht aus zwei Sperrholzregalen, in die Westphalens Bände fein säuberlich horizontal (sozusagen bäuchlings) geschichtet sind; ganz allmählich sollen die Regale sich leeren, wenn die Landsdorf-Besucher ihre Gedenkfibel in die Hand gedrückt bekommen. Wie originell! Wie verdreht und wunderlich!

Wallfahrt der Literaturbegeisterten

Immerhin gibt’s eine handfeste Zugabe, die sich der Literaturprofessor Hagestedt und der Geldgeber Schäfer anlässlich der Denkmalserrichtung ausgedacht haben: ein jährlich neu zu vergebendes Stipendium, das ebenfalls "Sinecure" heißt und einem auserwählten Dichter begrenztes Wohnrecht in Landsdorf und ein Taschengeld verspricht. Es gibt auch schon einen Ohnesorg-Stipendiaten Nummer eins, den Kölner Lyriker und Jugendbuchautor Ralf Thenior, einen stillen, eindrucksvoll zerfurchten Menschen, der an diesem Tag in Mecklenburg-Vorpommern sehr grüblerisch guckt.

Der sonnige Joseph von Westphalen aber spricht, während sich die gebildete Literaturwallfahrtsgesellschaft mit Bismarckheringen und Bier stärkt, ganz viel und begeistert von seinem Buch "Sinecure". Es besteht im Wesentlichen aus einem englischsprachigen Langgedicht eines von Westphalen komplett erfundenen englischen Dichters, aus vielen Fußnoten und teils echten, teils erfundenen Storys zu diesem Gedicht. Ist also tatsächlich sehr gaga. Und, seien wir ehrlich, leider auch heute noch kein Brüller fürs große Lesepublikum.

Aber wie sagt Westphalen von den Gefühlen, die ihn mit seinem Buch verbinden: "Es ist idiotisch! Hoffnungslos sentimental! Herrlich!" Wie das ganze Literaturwesen halt überhaupt.

Und draußen überm Park kreisen die Milane.



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