Kunst-Biennale 2009 Sammlerleiche im Pool

Viele Ideen, wenig Visionen: Bei der 53. Kunst-Biennale von Venedig tun sich fast alle schwer: Westeuropäer und Amerikaner langweilen mit Konventionellem, die Deutschen plagen sich mit ihrem historisch belasteten Pavillon. Allein die Skandinavier bestechen durch Witz und Ironie.

Aus Venedig berichten Nicole Büsing und Heiko Klaas


Der deutsche Pavillon, so hatte es der Kurator Nicolaus Schafhausen angekündigt, werde ein "Reflektionsraum dafür, wie Deutschland sich denken ließe". Dass Liam Gillick, 44, der Künstler, der Deutschland in Veneding auf der 53. Biennale für zeitgenössische Kunst repräsentiert, ein Brite ist, hat bereits vorab viele verärgert.

Doch darin liegt nicht das Problem. Die Kunstwelt hat sich schließlich in den vergangenen Jahrzehnten stark internationalisiert; das alte Modell vom künstlerischen Wettstreit der Nationen in den Giardini der Biennale darf mit Recht in Frage gestellt werden. Ein Brite - warum eigentlich nicht?

Küchenschränke, viele Küchenschränke

Was Gillick, für elegant-minimalistische Raumstrukturen aus bunten Plexiglas- und Aluminiumpaneelen bekannt, in Venedig abgeliefert hat, ist allerdings derart spröde, dass man sich fragt, ob dem Künstler erst in letzter Minute eine Lösung für die schwierige Aufgabe eingefallen ist. Die bestand darin, dem für seine faschistische Architektur berüchtigten Pavillonungetüm mit Kunst im humanen Maßstab die bösen Geister auszutreiben. Doch was ist zu sehen?

Wenn man den schweren Fliegenvorhang aus bunten Plastikstreifen, mit dem Gillick den Eingang markiert hat, durchschreitet, sieht man eine endlos anmutende Struktur von aneinander gestellten Küchenschränken.

Gillick hat in der Geschichte der deutschen Moderne nachgeforscht und Margarete Schütte-Lihotzkys berühmte "Frankfurter Küche", einen aus den zwanziger Jahren stammenden Prototyp demokratischen Designs, aus billigem Tannenholz nachbauen zu lassen. Dass auf einem der vor Astlöchern nur so strotzenden Module noch eine ausgestopfte, grau getigerte Katze sitzt und ziemlich unverständliches Zeug vor sich hinbrabbelt, macht die Sache nicht unbedingt raffinierter.

Man muss auch fragen, wann sich die deutsche Kulturpolitik, fast 60 Jahre nach Kriegsende, endlich dazu durchringt, die umstrittene Repräsentanz in Venedig durch einen zeitgemäßen Neubau zu ersetzen. So eine Entscheidung käme einem Befreiungsschlag gleich. Künstler und Kuratoren müssten dann nicht mehr gegen die drückende Last der gebauten Nazi-Ideologie anarbeiten.

Visionen aus dem Norden

Andere Länder haben es da wesentlich leichter. Die Skandinavier zum Beispiel. Das in Berlin lebende dänisch-norwegische Künstlerduo Michael Elmgreen und Ingar Dragset bespielt sowohl den gemeinsamen Pavillon der nordischen Länder als auch den dänischen.

Der nordische Pavillon, ein lichtdurchflutetes modernes Gebäude, wurde zum Loft eines schwulen Kunstsammlers und gescheiterten Schriftstellers umfunktioniert. Distinguierte Möbelklassiker von Verner Panton und Arne Jacobsen strahlen den diskreten Charme der Bourgeoisie aus. Attraktive männliche Models in Bluejeans und weißen T-Shirts lümmeln sich lasziv auf den Sitzmöbeln.

Und auch die Kunst ist vom Feinsten: Wolfgang Tillmans, Terence Koh, Henrik Olesen oder Jonathan Monk gehören derzeit zu den angesagten Must-Haves der internationalen Sammlerklientel, die sich ab Dienstag wieder auf der Art Basel um die besten Stücke schlagen wird.

"The Collectors" nennt sich denn auch diese stimmige Kunstsammler-Persiflage voller Witz und Ironie. Einziger Schönheitsfehler: Der Hausherr, ein in die Jahre gekommener Beau, treibt als Wasserleiche im Swimmingpool des Anwesens. Alle Indizien deuten auf Selbstmord. Prada-Schuhe und Yves-Saint-Laurent-Söckchen hat er sorgsam am Beckenrand abgelegt.

Klappernde Lamellen

Die Besichtigung des dänischen Pavillons gleich nebenan liefert ein weiteres Highlight. Vor dem Gebäude steht ein riesiges Maklerschild: "For Sale". Roger und Denise Foxwood, ein schmierig wirkendes Makler-Ehepaar, führt kleine Gruppen durch das zum Verkauf stehende Eigenheim einer zerbrochenen Familie mit exquisiter Kunstsammlung und einigen Geschmacksverirrungen.

Ein weiterer Höhepunkt: der koreanische Pavillon. Die in Berlin lebende Künstlerin Haegue Yang entführt in eine Welt sinnlicher Erlebnisse. Aus handelsüblichen Leichtmetalljalousien (englisch: Venetian Blinds) in bewusst kitschigen Farbkombinationen hat sie eine luftige Rauminstallation geschaffen.

Ventilatoren lassen die Lamellen klappern, der vermeintliche Sichtschutz entpuppt sich als wenig zuverlässig. Privates wird bei Yang öffentlich. Aus Geruchsmaschinen strömen künstliche Aromen: Vom Apfelkuchen bis hin zu unappetitlichen Verdauungsprodukten ist alles vertreten.

Claude Lévêque hat den französischen Pavillon in eine obskure Mischung aus Raubtierkäfig und Totenschiff verwandelt. Betritt man den heruntergekühlten Raum, dann wird man von Schiffsdieselgeruch umhüllt. Außerhalb der kreuzförmigen Käfigarchitektur wehen schwarze Fahnen. Schiffsgeräusche lassen den ganzen Bau vibrieren. Der Titel "Le grand soir" spielt auf den Vorabend der französischen Revolution an. Utopie oder Untergang? Wohin die geheimnisvolle Reise geht, bleibt unklar.

Die Briten zeigen mit Steve McQueen einen Wanderer zwischen Kino und bildender Kunst. Für seinen ersten Kinofilm "Hunger" erhielt der Brite 2008 in Cannes die "Caméra d'Or". In Venedig führt er in elegischen Bildern vor, wie sich das Biennale-Gelände im Winter präsentiert. Das halbstündige Filmepos zeigt streunende Hunde im Nebel, Müllberge von der letzten Ausstellung und immer wieder Kleintiere wie Käfer oder Schnecken, die offenbar gänzlich unberührt von der Magie des Ortes ihrem Tagwerk nachgehen. Eleganter hätte man den Mythos Biennale-Gelände kaum entzaubern können.

Kreativität und Konventionalität

Ansonsten präsentieren viele Länderpavillons auf dem Giardini-Gelände gängige Museumskunst. Wenige Experimente, Business as usual. Der amerikanische Pavillon wartet mit Altmeister Bruce Nauman auf, die Schweiz mit den sehr zurückhaltenden abstrakten Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Silvia Bächli.

Bei den Österreichern darf sich, kuratiert von Valie Export, einer Pionierin feministischer Kunst, neben anderen auch das exhibitionistische enfant terrible Elke Krystufek mit gemalten Porträts junger nackter Männer austoben. Den Schriftzug "Austria" draußen am Pavillon hat sie durch das Wort "Tabu"

Ein intellektuell herausforderndes Gesamtgefüge aus Fotos und filmischen Arbeiten zeigt Fiona Tan im niederländischen Pavillon. Tan, die chinesisch-indonesischer Herkunft ist, begibt sich in ihrem Projekt "Disorient" auf Spurensuche in Asien und verwebt ihre Familiengeschichte mit der Geschichte des Kolonialismus und den Tagebüchern der venezianischen Seefahrerlegende Marco Polo.

Auf dem weitläufigen Arsenale und im ehemaligen italienischen Pavillon, über dem jetzt ganz programmatisch der neue Schriftzug "La Biennale" prangt, hat Biennale-Leiter Daniel Birnbaum seine kuratorischen Duftmarken gesetzt. Der 45-jährige Schwede versammelt unter dem dehnbaren Titel "Fare Mondi/Weltenmachen" internationale Künstler verschiedener Generationen. Geschickt verwebt er pointierte Arbeiten älterer oder früh verstorbener Künstler wie André Cadere, Öyvind Fahlström, Gordon Matta-Clark oder Lygia Pape mit den Arbeiten der jüngeren Generation.

Ein vollständiger Rundgang durch die wichtigsten Ausstellungsorte der auch in diesem Jahr ausufernden Biennale ist an einem Tag kaum zu schaffen. Zu groß das Angebot, zu langwierig die Sichtung all der Film- und Videoarbeiten. Die Giardini- und Arsenale-Gelände sind längst zu klein geworden. Viele der insgesamt 77 teilnehmenden Nationen haben sich, verteilt über die ganze Stadt, eigene Ausstellungsorte angemietet. Nicht weniger als 44 Ausstellungen finden im Umfeld der Biennale statt.

Wo sich die wirklichen Geheimtipps und Entdeckungen befinden, das wird sich wie immer erst nach und nach herumsprechen.


Biennale die Venezia: 7.6. bis 22.11.2009. Giardini und Arsenale. Täglich 10-18 Uhr

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