Biennale in Venedig Irre, dieser Palast

Massimiliano Gioni ist jung und leitet ein Museum in New York - und in diesem Jahr auch die Biennale in Venedig. Mit Avantgardisten und Exzentrikern feiert der italienische Kurator eine Renaissance verstorbener und zeitgenössischer Außenseiter. Höhepunkt der Schau: der "Enzyklopädische Palast".

Aus Venedig berichtet

F Galli

Massimiliano Gioni, der Leiter der 55. Biennale in Venedig, hat einiges auf dem Kerbholz. Eine Zeit lang trat der Italiener als Double für den öffentlichkeitsscheuen Schelmenkünstler Maurizio Cattelan auf. Dabei, so gestand er kürzlich dem Kunstmagazin "Art", trieb er es einmal definitiv zu weit. Als er sich für ein TV-Interview als Cattelan ausgab, behauptete er auch gleich noch, ein Kunstwerk, um das es im Interview ging, stamme von ihm. Die doppelte Lüge kam nicht so gut an: Denn tatsächlich war das Werk vom Minimalisten-Altmeister Richard Serra - und der bog gerade um die Ecke und stellte Gioni zur Rede.

Jetzt aber hat er nicht mehr nur einen Schulbubenstreich zu verantworten, sondern gleich die zentrale Schau der Biennale, das wichtiges Kunstereignis Europas. Deshalb tritt Gioni inzwischen wesentlich braver an. Da darf der stellvertretende Leiter des New Yorker New Museum mit nur 39 Jahren als bisher jüngster Biennale-Impressario eine der bedeutendsten Gegenwartskunstausstellung gestalten.

Bis zum 24. November können Kunstinteressierte die von Gioni erarbeitete Hauptschau "Il Palazzo Enciclopedico" und die nationalen Präsentationen sehen. An den Projekten auf dem Ausstellungsgelände beteiligen sich 88 Länder, zehn davon sind zum ersten Mal dabei. Die Künstler stellen am traditionellen Ort in den Giardini aus, im Arsenale und in Werkhallen und Palazzi in Venedig selbst.

Im deutschen Pavillion, der in diesem Jahr mit dem französischen getauscht hat, um 50 Jahre Freundschaftsvertrag zu feiern, präsentieren der Filmemacher Romuald Karmakar, der chinesische Regimekritiker Ai Weiwei sowie die Fotografen Santu Mofokent und Dayanita Singh ihre Werke. Die Künstler haben keinen deutschen Pass, sind dem Land aber eng verbunden und beschäftigen sich mit Themen wie Umweltzerstörung, Menschenrechte, Extremismus und die Bewältigung der Vergangenheit. Erwartet werden auf dem Ausstellungsgelände, in den Giardini und im Arsenale, etwa eine halbe Million Besucher.

Sammelwerk aller Entdeckungen unserer Zeit

Und was macht Gioni? Er realisiert eine Schau, die man glatt rückwärtsgewandt nennen könnte. Er komponiert eine Ausstellung mit Werken von 158 Künstlern. Von ihnen leben rund 40 schon nicht mehr: Die surrealistiche Malerin Dorothea Tanning ist dabei oder der Goldmystiker James Lee Byars. Von den Lebenden sind etliche schon weit vor 1930 geboren: Maria Lassnig etwa.

Der norditalienische Kurator und Kunstkritiker Gioni hat für die Hauptausstellung auf dem Giardini-Gelände und im Arsenale das Motto vom enzyklopädischen Haus gewählt. Es ist der Versuch, die Bilder und Darstellungen unserer Zeit zu sammeln und zu kartografieren. Gioni bietet statt zahlloser Möchtegern-Stars von morgen einen Trupp sogenannter Outsider-Künstler: Hilma af Klint (1862-1944) etwa, die theosophisch Avantgardistin der Abstraktion. Oder den exzentrischen Maler und Zeichner Friedrich Schröder-Sonnenstern (1892-1982).

Gioni hat für die Hauptausstellung auf dem Giardini-Gelände und im Arsenale, einem ehemaligen Werftgebäude, das Motto vom enzyklopädischen Haus gewählt. Es ist der Versuch, die Bilder und Darstellungen unserer Zeit zu sammeln und zu kartografieren.

Eine Geschichte der Haarpracht

Der "enzyklopädische Palast" des Italoamerikaners Marino Auriti, der im Arsenale zu sehen ist, gibt Gionis Schau den Titel und das Thema. Jahrelang hatte Autodidakt Auriti in einer Garage in Pennsylvania an einem Architekturentwurf gearbeitet, der ein wenig aussah wie ein Verschnitt des Petersdoms. Auriti erträumte sich den Bau als Schatzkammer für das Wissens der Menschheit und wollte die 700 Meter hohen 136 Etagen in Washington errichten.

Das fünf Meter hohe Modell dieser nie realisierten Vision rahmt Gioni mit Arbeiten von J.D. Okhai 'Ojeikere. Der Nigerianer hat vierzig Jahre lang die kunstvoll geflochtenen und aufgesteckten Frisur-Architekturen der Frauen seines Landes fotografiert und erzählt so eine Art Geschichte der Haarpracht.

In den Giardinis geht es lebendiger zu. Im Zentralen Pavillon sitzen Menschen auf dem Boden, singen und bewegen sich in Zeitlupe. Künstler Tino Sehgal will mit seiner Installation wohl zeigen, wie rätselhaft wohl das menschliche Verhalten sein kann.

Gionis "Palast"-Schau erinnert an den Schweizer Kunsthistoriker und Ausstellungsmacher Harald Szeemann. Vor 40 Jahren fasste der Kurator sein persönliches Ausstellungskonzept unter dem Titel "Museum der Obsessionen" zusammen, um Grenzen zu überwinden und kreative Energien zu visualisieren. Diese Aufgabe übernimmt nun eben der "Enzyklopädische Palast".


55. Biennale von Venedig: "Der enzyklopädische Palast", 88 Nationenpavillons und zahllose Kollateralevents. 1.6. bis 24.11., www.labiennale.org

"When Attitudes Becoe Form", Fondazione Prada. 1.6. bis 3.11., www.fondazioneprada.org

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
cutterlysator 31.05.2013
1. Was ist das denn bitte?
War die Autorin übermüdet? Hatte sie in zu viele Parties besucht und vergessen, weshalb sie nach Venedig gefahren ist? Dieser "Bericht" ist inhaltlich, sprachlich wie formell auf ganz schwachem Niveau! Auf dieser Biennale gibt es viel zu sehen. Gutes wie weniger gutes, aber 1x im Laufschritt durch die Hauptausstellung zu rennen und dann so etwas zu schreiben, da hätte sie es wohl besser ganz sein gelassen, oder sich zumindest etwas mehr Zeit gegeben.
clubzwei 01.06.2013
2. Jeder tauscht mit jedem?
Und in den jeweiligen Pavillons sind wiederum Künstler zugange die aus nochmals anderen Ländern stammen? Ja geht's noch? Und an solchen Verdrehungen zieht man sich auch noch hoch? Warum bleiben die Deutschen nicht im deutschen Pavillon und setzen sich aus deutschen Künstlern zusammen? Warum bleiben die Franzosen nicht im französischen Pavillon und setzen sich aus französischen Künstlern zusammen? Warum muss hier ganz offensichtlich und provokant eine besondere Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich deklariert werden? Die auf zweitem gibt keine ist, da die dort wirkenden Künstler wiederum aus ganz anderen Staaten kommen!? Ist das nun eine Leistungsschau der Künstler der jeweiligen Länder, oder nicht?
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