Kunst des Mittleren Ostens Können Archive die Seele bewahren?

Der libanesische Künstler Akram Zaatari stellt in seiner Hamburger Galerie Fotos und Videos aus, die sich mit der Bedeutung von Fotografie und ihrer Archivierung beschäftigen - so lässt er die unterschiedlichen Medien in einen Dialog treten über Wandel und Vergänglichkeit der Kunst.


Bei der 12. Kunstbiennale in Istanbul, die gerade zu Ende gegangen ist, zeigte sich: Das Interesse an Kunst aus dem Mittleren Osten wächst. Dies war deutlich daran abzulesen, dass so viele Künstler aus arabischen Ländern eingeladen worden waren. Unter ihnen war auch der 1966 geborene Libanese Akram Zaatari, der bereits zu den internationalen Stars der Kunstszene zählt.

Nicht nur in Istanbul ist arabische Kunst gefragt, Zaatari zum Beispiel nahm allein im vergangenen Jahr an Ausstellungen in der Kunsthalle Wien, dem MUSAC Leon, der Tate Modern in London, den KunstWerken Berlin und dem New Yorker MoMA teil, und sein Film "Tomorrow Everything Will Be Alright" lief im Kurzfilm-Wettbewerb des Berliner Filmfestivals. Jetzt tritt er kürzer, denn er ist zur Documenta 13 in Kassel eingeladen und konzentriert sich auf seine Arbeit für die Weltkunstausstellung in diesem Sommer.

Um so besser, dass man seit ein paar Tagen zwei Film- und mehrere Fotoarbeiten des Beiruters in Hamburg in der Galerie Sfeir-Semler sehen kann. Zaatari ist Filmemacher, Video- und Fotokünstler, und zusammen mit Walid Raad hat er 1997 die "Fondation Arabe pour l'image" gegründet, ein Fotoarchiv in Beirut, in dem die Künstler Tausende von Porträts, Passbildern, Schnappschüssen, Gruppen- und Straßenfotos von arabischen Fotografen gesammelt haben. Einige der Aufnahmen kommen aus Privatbesitz, viele aus aufgelösten Archiven professioneller Fotostudios. Nicht nur sichten, sammeln und analysieren wollten die Gründer die visuelle Kultur ihrer Heimatregion, sondern das Material wird auch Künstlern für eigene Projekte zur Verfügung gestellt.

Die muskelbepackten Figuren auf den Bildern sehen unscharf, verletzlich und endlich aus

Auch Zaatari greift für seine Arbeit auf Archiv-Bilder zurück. In der Galerie Sfeir-Semler hängen zum Beispiel fünf Schwarzweiß-Abzüge aus seiner Serie "Bodybuilders. Printed from a damaged negativ from 1948, 2011", die der Fotograf Hashem el Madani in der südlibanesischen Hafenstadt Sidon aufgenommen hat. Auf 220 x 145 cm hat er die ehemals kleinformatigen Bilder der posierenden jungen Männer hochgezogen, so dass auf den sowieso schon schlecht erhaltenen Vorlagen jeder Kratzer und jede Verletzung des Negativs zu sehen ist. Zusammen mit der grobkörnigen Oberfläche lässt das die muskelbepackten Figuren auf den Bildern unscharf, verletzlich und endlich aussehen, als seien sie Metaphern für Vergänglichkeit und Vergeblichkeit jeder noch so kraftvollen Körperlichkeit.

Im zwei weiteren Ausstellungsräumen zeigt Zaatari zwei Videoinstallationen. "Her + Him Van Leo" ist ein Film, den er 2001 fertiggestellt hat und der die Geschichte des gesellschaftlichen Wandels in Ägypten am Beispiel des Fotografen Van Leo und der Aktfotografie erzählt. Für die jetzige Ausstellung hat Zaatari ihn verdichtet und mit einer Vitrine ergänzt, in der zwölf kleine Fotos liegen. "Nadia Undressing in Twelve Poses" heißt die Serie von 1957, in der eine junge Ägypterin halbnackt posiert.

Van Leo, ein in der Türkei geborener armenisch-ägyptischer Fotograf, eröffnete 1947 in Kairo sein Fotostudio, begriff sich als Künstler und fotografierte in den fünfziger und sechziger Jahren Tausende von Akten. Heute könne er sie nicht mehr zeigen, erzählt er im Film, deshalb habe er alle Bilder verbrannt. "Die Fotografie ist tot", sagt er, während der Film alte Fotos und Negative zeigt.

1998/99 hat Zaatari das Interview mit Van Leo gedreht, und er sieht den Film heute als eine Dokumentation, in der sich traditionelle Porträtfotografie und Video gegenüber stehen. Es sei ein Dialog zwischen zwei Medien, so Zaatari - handgemachte Schwarzweiß-Fotos und elektronische, farbige und manipulierbare Screens - und das zeige nicht nur den Wandel der Kunstpraktiken, sondern erinnere auch an den sozialen, urbanen und politischen Wandel der vergangenen 50 Jahre in Ägypten.

Die zweite Video-Installation "On Photography, People and Modern Times" (2010) ist 38 Minuten lang und zum ersten Mal außerhalb des Mittleren Ostens zu sehen. Zaatari hat während seiner Recherchen für die "Fondation Arabe pour l'image" die Eigentümer der Fotos nach Geschichten und Gefühlen gefragt, die sie mit den Bildern verbinden, und sie bei dem Interview in ihrem Umfeld gefilmt. Jetzt sind die Gespräche mit den meist sehr alten Menschen auf einem Bildschirm zu sehen, der auf einem Tisch im Büro der Fondation steht. Und während man ihren Erzählungen über ihre Lebensgeschichte, ihre Beziehungen zu den Fotografen oder zu den Bildern zuhört, werden die Fotos mit behandschuhten Händen auf den Tisch neben den Bildschirm gelegt - so sorgfältig und distanziert, als handle es sich um kostbare Belege für die emotionalen Erzählungen ihrer Besitzer.

Diese Ausstellung komme in einem wichtigen Moment in seinem Werk, das sich bisher viel mit dem Archivieren von Fotografie beschäftigt hat, sagt Zaatari. Denn jetzt frage er sich, was genau Archive eigentlich seien. "Sie kommen aus der Angst, dass etwas verschwindet, und das Archiv will dies für die Zukunft erhalten", sagt Zaatari. Und er denke inzwischen darüber nach, dass das "gegen die Natur der Dinge sei, gegen die Akzeptanz eines Endes, eines Todes". Was erzählen denn die Bilder allein, ohne die Geschichten und Emotionen ihrer Besitzer? "Sicher können Archive das Papier bewahren, nicht aber die Seele", sagt Zaatari.

Spätestens im Juni wird Zaatari auf der Documenta zeigen, wie aus diesen neuen Überlegungen Kunst wird.


Akram Zaatari: The End. Hamburg. Galerie Sfeir-Semler. Bis 31.3.



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