Kunst-Diva Terence Koh Kapitän Ahab wird Buddhist

Asiatisch-schrille Performance-Diva trifft auf bayerisch-stillen Bildhauer: Mit zwei neuen Ausstellungen von Terence Koh und Michael Sailstorfer beweist die Frankfurter Schirn Gespür für angesagte Künstler - und schickt die Besucher auf eine Reise zwischen Yin und Yang.


Terence Koh gibt gern den Bad Guy. Offensiv bekennt der Künstler chinesisch-kanadischer Herkunft seine (homo-)sexuellen Vorlieben. Mitunter integriert er Gruppensex in seine Performances – oder ist es umgekehrt? Auf seiner Website bietet er als ex- und egozentrischer "Asianpunkboy" seine Unterwäsche zum Verkauf an - je nach Art der Gebrauchsspuren zu 150 oder 200 Dollar. Gern outet er sich auch als Konsumfetischist, der scharf ist auf Hermès-Taschen, Anzüge von Martin Margiela und Mäntel aus Chinchilla.

Als Künstler fegt er die Residuen dieser Überschreitungen zusammen, schichtet sie auf zu Memorabilien seiner selbst und überzieht sie mit einer feinen Schicht von ästhetischem Firnis. Mal mischt er Sperma, Kot und Blut unter die Materialien seiner Installationen, mal beschichtet er – wie jetzt in Frankfurt – bronzene Objekte mit Blattgold und lässt beide Metalle dann unter einer weißen Farbschicht verschwinden. Einige seiner Arbeiten gleichen Reliquienschreinen, andere kommen wie Subkultur-Denkmäler daher.

Seine erste Galerieausstellung ist gerade einmal fünf Jahre her. Inzwischen wurde der Künstler mit Diven-Appeal, der als Geburtsjahr derzeit 1980 angibt, in der Wiener Secession, in der Kunsthalle Zürich und im New Yorker Whitney Museum gezeigt. Großsammler Charles Saatchi soll 200.000 Dollar für eine seiner Installationen bezahlt haben. Und die Kunstzeitschrift "Monopol" preist ihn schon als möglichen "neuen Warhol" an.

Wenn jetzt die Schirn Kunsthalle Kohs erste deutsche Museumsschau zeigt, beweist die Institution wieder einmal ihr Gespür für angesagte Themen und Persönlichkeiten. Und dies umso mehr, als die Koh-Show parallel läuft zur Präsentation eines weiteren Senkrechtstarters, dessen Werk erst einmal komplett anders und fast schon mauerblümchenhaft unspektakulär daherkommt.

Diese zweite Schau bestreitet Michael Sailstorfer, geboren 1979 im niederbayrischen Velden. Schon drei Jahre nach dem Ende seines Studiums an der Münchner Kunstakademie gilt er als einer der interessantesten jungen deutschen Bildhauer. Seine Arbeiten sind meist Um- und Rückbauten existierender Objekte. So hat er einmal zwei Segelflugzeuge zu einer Baumhütte und ein anderes Mal vier Wohnmobile zu einem Häuschen umgemodelt und zurechtgestutzt.

In Frankfurt am Main zeigt Sailstorfer die Videoaufnahme einer Wellblechhütte, deren Wände sich blähen und zusammenziehen, als atmeten sie. Doch die scheinbare Belebung ist nur Erinnerung an die Sekundenbruchteile, in denen sich das Kabäuschen ausdehnte, kurz bevor es von einer Explosion in seinem Inneren zerfetzt wurde. Einen Raum weiter rotiert eine Neuauflage von Sailstorfers schon fast berühmtem Werk "Zeit ist keine Autobahn": Ein rasant rollender Reifen wird so gegen eine Wand gepresst, dass er dort durchdreht und nichts erreicht als Abrieb und seine allmähliche Selbstauflösung. Seine Arbeiten wirken oft, als bräuchten die Dinge eine Ausnüchterung der an sie gehefteten, hochfliegenden Erwartungen. Präzise und wunderbar lakonisch führen sie Bewegung und Fortschritt als Stillstand vor.

Buddha hat Hunger

Koh dagegen mimt den Rastlosen. Seine "Captain Buddha" getaufte Schau versammelt die Fundstücke einer weltumspannenden Reise. Zentral steht ein skulpturales Selbstporträt, das ihn als (ver-)hungernden Buddha zeigt. Um ihn herum sind 14 weiß übermalte Abgüsse meist trivialer Objekte in einem gleißend hell erleuchteten Saal arrangiert, den der Magier Koh in einer Geheimperformance zu einem privatmythologischen Sakralbezirk geweiht hat.

Anspielungen auf Kapitän Ahab aus Melvilles Roman "Moby-Dick" und auf den zen-buddhistischen Ryoanji-Steingarten in Kyoto schwängern den Raum mit der Aura west-östlicher Erlösungssuche. Ahabs erbitterter und selbstzerstörerischer Rachefeldzug gegen den weißen Wal paart sich mit einem Heilsweg, verkörpert durch Buddhas Weisheit und Mitgefühl. Doch Koh wäre nicht die personifizierte Dekadenz, als die er sich gibt, wäre ihm nicht auch der Buddhismus letztlich "die unmögliche Suche nach diesem kleinen Stück Frieden".

Während Sailstorfer die alltäglichen Materialien, das Bodenständige, Handwerkliche und Nahe pflegt, bevorzugt Koh die prekären oder pretiösen Materialien, die Exotik, den barocken Sturz in Überschreitung. Er taucht ein in einen Strudel, in dem die Welt nur als ästhetisches Phänomen momenthaft Halt bietet. Was bei Koh die weltumspannende, transkulturelle Odyssee als Reise in den Tod ist, kommt bei Sailstorfer mit fast phlegmatischer, niederbayrisch akzentuierter Lakonie daher: die dinghaft-konkrete, melancholische und durchaus liebevolle Einsicht in die Belanglosigkeit menschlichen Tuns.

Wandert man in der Schirn zwischen den fast yin- und yangartig nebeneinander liegenden Ausstellungen dieser konträren Charaktere hin und her, so scheint es am Ende zu sein wie im Märchen von Hase und Igel: Während der eine rennt und rennt, kann der andere ganz gelassen sagen: "Ick bün al dor."


"Terence Koh: Captain Buddha" und "Michael Sailstorfer: 10.000 Steine", Schirn Kunsthalle, Frankfurt, bis 31. August



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