Kunst-Entdeckung Der unsichtbare Wunderbare

40 Jahre lang ist seine Kunst in der DDR verschwiegen worden, trotzdem hat er immer weiter gemalt: Eberhard Dutschmanns Bilder erzählen von Auflehnung, ungebrochenem Willen und der Freiheit der Kunst. Höchste Zeit, dass sie ausgestellt werden: SPIEGEL ONLINE macht den Anfang.

Von Antonia Götsch


Dutschmann-Bild "Hiob" (1966): "Expressionismus war ein Schimpfwort"
Eberhard Dutschmann Repro: Knut Müller

Dutschmann-Bild "Hiob" (1966): "Expressionismus war ein Schimpfwort"

Dessau - In dem kleinen Atelier stehen sie aufgereiht wie Bücher am Boden, mindestens 100 Ölbilder. Das Erste trägt das Datum 1960, das letzte 2005. Manchmal zieht Eberhard Dutschmann eine alte Arbeit heraus und überrascht sich selbst, wie er sagt. Dann liest er in seinen Bildern wie in einem Tagebuch oder ergänzt den blauen Hintergrund noch um braune Farbtöne. "Ich male für mich", erklärt der 74-Jährige, der seit 1975 in Dessau lebt. Was soll einer sagen, den es 40 Jahre lang nicht geben durfte?

1961 hat Dutschmann seine erste öffentliche Ausstellung in einer kleinen Galerie in Leipzig. Die "Mitteldeutschen Neuesten Nachrichten" schreiben: "Das Auge findet in den Phantasmagorien quellender Farben und tropisch wuchernder Gestaltlosigkeiten nur wenige Ruhepunkte." 1966 stellt er noch einmal in Leipzig aus. Es kommt zum Streit um ein Bild, das er "Kinderzimmer" nennt. Ein abstraktes Materialbild, in dem er Steine, Glas und Latex verarbeitet hat - das Werk wird in der Nacht einfach abgehängt.

In seinem Tagebuch hat Dutschmann einige Zeilen aus der Zeitung notiert: "Kinderzimmer ist keine Malerei, sondern westliche Dekadenz." Es ist seine letzte öffentliche Ausstellung in der DDR. Seine expressionistischen, häufig gegenstandslosen Werke kann die "sozialistische Nationalkultur" nicht brauchen, bereits 1953 hatte Ulbricht gegen die Darstellung "fauler Fische und Mondlandschaften" gehetzt.

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Farbe bekennen: Der Maler Eberhard Dutschmann

Nach dem Ende der Diktatur schöpfte Dutschmann noch einmal Hoffnung. "Ich hatte zwei Wünsche und dachte, jetzt klappt es vielleicht, dass ich einmal eine umfassende Ausstellung meiner Bilder zeigen und einen Katalog machen kann". Doch die Menschen sahen und kauften wieder den Staatspropagandisten Womacka. "Das macht mich wütend", sagt Dutschmann. "Einer, der es sich immer leicht gemacht hat, der kommt jetzt wieder damit durch."

Das wahre Leben im falschen

Als sogenannter Volkskunstschaffender, als jemand, der eigentlich einen anderen Beruf erlernt hat, sei man in der DDR sowieso nicht ernst genommen worden, sagt Dutschmann. "Natürlich hätte ich als Volkskunst schaffender Arbeiter mehr Beachtung gefunden als ein Pfarrer." Wenn er dazu noch Bilder im Interesse des Klassenkampfes gemalt hätte, wäre er vielleicht sogar gefördert worden.

Aber Dutschmann hat es sich nicht leicht gemacht. Er bleibt in der DDR, obwohl er überzeugt ist, "dass aus dem sozialistischen Regime nichts Vernünftiges werden kann". Für ihn geht es nur noch um die Frage, "wie wir hier leben können, ohne uns innerlich zu verkaufen". Wieso bleibt einer, der keine Vision hat, an der er sich festhalten kann? Dessen Kinder die Oberschule nicht besuchen dürfen? Die Töchter reisen 1984 beziehungsweise 1987 aus. Sie haben oft gefragt, wieso ihre Eltern das DDR-Regime ertragen wollten.

Dutschmann kommt aus einer evangelischen Familie, die Nachkriegszeit hat ihn noch enger an die Kirche gebunden. Er ist nie in die FDJ oder Partei eingetreten, hat keine kommunistische Schule besucht und aus seiner Opposition nie einen Hehl gemacht. Mit 18 Jahren beginnt er ein Theologiestudium und wird Pfarrer. "Wir hätten doch nicht alle gehen können", sagt er. "Gerade die Kirche muss sich mit Diktaturen auseinander setzen."

Während des Studiums entdeckt er die expressionistische Malerei. Ein Freund von der Kunstakademie zeigt ihm seine abstrakten Bilder. "Diese reinen, unvermischten Farben, die haben so richtig die Seele erregt", erinnert sich Dutschmann. So etwas hat er vorher noch nie gesehen. "Expressionismus war in der DDR so etwas wie ein Schimpfwort", erklärt der 64-Jährige. Die sozialistische Kunst sollte parteilich, realistisch und volksverbunden sein.

Stolz auf die "Giftspinne"

Der Weg an eine der staatlichen Kunsthochschulen ist Dutschmann durch seine Biografie verbaut. Trotzdem wird er kein "malender Pfarrer", wie ihn die "Mitteldeutschen Neuesten Nachrichten" 1961 bezeichnen, sondern ist Pfarrer und Künstler; einer, der konstant an seiner Technik und Ausdrucksform arbeitet. Die ersten Bilder sind rauschartig und schnell auf die Leinwände und Hartfaserplatten gebracht. Mit den Jahren aber entwickelt Dutschmann zunehmend eine Balance zwischen Improvisation und Konstruktion.

Maler Dutschmann: "Leben, ohne uns innerlich zu verkaufen"
Antonia Götsch

Maler Dutschmann: "Leben, ohne uns innerlich zu verkaufen"

Wenn er in seinen alten Mappen mit Aquarellen und Zeichnungen wühlt und seine Ölbilder aus den sechziger Jahren zeigt, fördert er Überraschendes zu Tage. Aquarell-Landschaften, die aussehen wie auf einem LSD-Trip gemalt, und rhythmische Spritzbilder, die in der Tradition Jackson Pollocks stehen.

Dutschmann heiratet mit 22 Jahren, bekommt drei Kinder und führt ein bürgerliches Leben. "Verrückt war ich immer nur in meinen Bildern", sagt er. Actionpainting und Tachismus haben ihn stark beeinflusst. Was kein Museum der DDR ausstellen darf, hängt der gebürtige Oberlausitzer an seine Wohnzimmerwand. "In meiner Stasiakte haben sie mich 'Giftspinne' genannt, das ist eines der wenigen Dinge, auf die ich wirklich stolz bin."

Für viele DDR-Künstler wird die Abschottung von der westlichen Welt zum kreativen Problem, Dutschmann hat hier durch seinen Beruf Vorteile. Da er im Rahmen der Kirche zu zeitgenössischer Kunst doziert, darf er an die Giftschränke der Bibliotheken. Durch den Austausch mit Pfarrern aus der Bundesrepublik kommt er auch an schwer zugängliche Bildbände. Mit Begeisterung studiert er die Werke der Brücke-Maler und die Bilder Kokoschkas, Chagalls, Gauguins und der Vertreter der informellen Kunst.

Stilistisch hat er sich nie festgelegt. Expressionistische Porträts malt er teilweise im selben Monat wie gegenstandslose Materialbilder. Einige Werke stehen in Farbgebung und Motiv ganz eng in der Nachfolge Chagalls, andere orientieren sich an Pollock und Wols (Wolfgang Schulze). Eines seiner liebsten Stücke ist ein kleinformatiges Ölbild, in das er zwei mumifizierte Sperlinge eingearbeitet hat. Wie unheilbringende Boten stürzen die Vögel vom Himmel. Ein politisches Statement?

"Man kann an meinen Bildern keine politischen Ereignisse ablesen", sagt Dutschmann entschieden. Politik und Kunst habe er immer getrennt. Dennoch hat er im Jahr 1965 besonders viele Werke gemalt. Kraftvolle Bilder voller Konflikte, in denen er kleinteilige, klassische Formen gegen große, schwingende Pinselstriche setzt. Er kombiniert kräftige Farben mit Helldunkel-Kontrasten und probiert verschiedene Materialien aus, verbindet zum Beispiel Aquarell- mit Drucktechnik.

Alchemie des Zorns

"In dieser Zeit hat er nur für seine Kunst gelebt", berichtet seine Frau Annemarie. Auch sie malt und collagiert, hat vielleicht gerade darum Verständnis dafür, dass ihr Mann kaum noch bei der Familie ist: "Es war eine schlimme Phase und ich glaube schon, dass er das über seine Malerei verarbeitet hat." Während der frühen sechziger Jahre sind die Repressionen besonders hart. Ein befreundeter Pfarrer wird festgenommen. Mitten in der Nacht stehen Kollegen und Gleichgesinnte vor der Tür und wollen sich ihre Erlebnisse von der Seele reden. "Ständig hatten wir Angst vor Hausdurchsuchungen", erzählt Annemarie Dutschmann. Ihr Mann nickt nachdenklich - so ganz ohne Zeitgeschehen ist seine Kunst doch nicht. "Sicherlich gibt es so etwas wie eine Katalysatorfunktion", sagt er schließlich. Erlebnisse, die einen Raum bräuchten und so ihren Weg in seine Werke fänden. "Der Zorn über den Mauerbau ist auf dem Bild vielleicht zu einem Baum geworden."

Es gibt DDR-Künstler, die haben immer wieder versucht, in die Öffentlichkeit zu treten und sich die Hacken nach einem Galeristen oder Verleger abgelaufen. "Davor hat mich mein Realitätssinn bewahrt", sagt Dutschmann. Auch in den achtziger Jahren, als die kulturellen Grenzen durchlässiger werden und der Begriff des realen Sozialismus ausgeweitet wird, versucht er es nicht noch einmal. Sein Rückzugsort ist die Kirche, in der er Vorträge und Malkurse abhält und mehrmals ausstellt.

Berühmt oder reich wird man dadurch nicht, auch darum stehen Dutschmanns Bilder dicht gedrängt in seinem Atelier. Was wäre, wenn ... - diese Frage kann er nicht leiden. Ein Freund hat einmal gesagt, dass die Mangelerfahrungen und Repressionen vielleicht die unbedingten Voraussetzungen für seine Werke seien. "Er könnte Recht haben", sagt Dutschmann.



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