Kunst-Geschichte Nylon, Perlon, Dederon

Damenbeine in hautnaher Hülle, Fallschirme für den Kriegseinsatz, Airbags um Claudia Schiffer - ohne Nylon geht gar nichts mehr. Vor sechs Jahrzehnten begann der "Siegeszug" der Kunstfaser. Eine Erfolgsgeschichte.

Von Petra Nölkensmeier


"Frauen riskieren Leib und Leben bei der Schlacht um Nylonstrümpfe" - wilde Kriegsmetaphorik machte im Herbst 1945 Schlagzeilen. Von "schreienden Menschenmassen" war die Rede, die wegen der begehrten Ware Schlange standen. Schließlich mußten Einheiten der New Yorker Polizei verhindern, daß Ladentheken von wildgewordenen Kundinnen gestürmt werden.

Marlene Dietrich trägt Nylon
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Marlene Dietrich trägt Nylon

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges waren die Nylons aus der Produktpalette verschwunden. Fortan sollte der neue Stoff keine Frauenbeine mehr schmücken. Als kriegswichtiges Material wurde er stattdessen zu militärischer Ausrüstung verarbeitet. Nur Filmstars konnten sich die luxuriösen Beinkleider noch leisten. Die amerikanische Durchschnittsfrau aber spendete ihre alten Strümpfe - die wurden dann zu Fallschirmen verarbeitet. "Stark wie Stahl, fein wie ein Spinnennetz" war der Stoff, der unabhängig machte von den Lieferungen echter Seide aus Asien.

Vor sechzig Jahren begann die Produktion von Nylon. Seiner "Künstlichen Versuchung" geht die gleichnamige Ausstellung im Bonner Haus der Geschichte nach.

Kunst aus Kunstfaser
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Kunst aus Kunstfaser

Bis Ende August illustrieren rund 900 Kleider, Plakate, Maschinen und Fotos den "Siegeszug" der Faser. Sie soll als "roter Faden" durch deutsche Wirt-
schafts-, Politik- und Kulturgeschichte führen. Den Namen des glänzenden Verkaufsschlagers führen die Ausstellungsmacher auf das Versprechen der Hersteller zurück, wonach Strümpfe aus Kunstseide keine Laufmaschen bekommen: "no run" hieß der Stoff zunächst, mutierte dann aber über Nuron zu Nylon.

Elf Jahre lang hatten Wissenschaftler an dessen Erforschung gearbeitet. Dem amerikanischen Unternehmen DuPont war die Erfindung der ersten synthetischen Faser 27 Millionen Dollar wert - um dann festzustellen, daß sie nicht die einzigen Hersteller des Wunderstrumpfes waren. "Perlon" nannte der deutsche Chemiegigant IG Farben seine Kunstseide. Ohne es zu wissen, erfanden beide Firmen gleichzeitig dasselbe Produkt aus Polyamiden, wenn auch auf unterschiedlicher chemischer Basis. Auch die IG Farben, tief verstrickt in die Verbrechen des NS-Regimes, stellte ihre Produktion später in die Dienste des Krieges: Zwangsarbeiter fertigten Perlon für den deutschen Endsieg.

Nach der Zerschlagung der IG Farben begann 1949 wieder die friedliche Perlon-Produktion. Der Stoff wurde zum festen Bestandteil des sogenannten "Wirtschaftswunders". Im Petticoat - natürlich aus Perlon - tanzten die Teenager zur neuen Musik aus den USA. Strumpfautomaten, häufig in Bahnhofsgebäuden aufgestellt, boten der modernen Frau Tag und Nacht Ersatz in allen Größen. Doch auch der Hausfrau versprach die Werbung einiges: "Die junge Frau hat nicht mehr so viel zu flicken. Man hat mehr Zeit füreinander."

Im Visier des Fünfjahrplans

Im Visier des Fünfjahrplans

Auch die Frau im real existierenden Sozialismus sollte in den Genuß des bügelfreien, leicht waschbaren Stoffes kommen. Sie mußte sich an einen neuen Markennamen gewöhnen, der die Initialen des Staates bereits in sich trug: DeDeRon. Unter dem Motto "Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit" startete die DDR Ende der 50er ein ehrgeiziges Chemieprogramm. Produkte aus Plaste und Elaste sollten das tägliche Leben erleichtern, sie avancierten zum Symbol einer neuen, modernen Zeit. Der eigens kreierten "sozialistischen Bekleidungskultur" gelang jedoch kein Durchbruch. Als zeitloser Klassiker des DDR-Chics gilt allein die grellbunte Kittelschürze aus Dederon - fast zehn Jahre nach der Wende als Modell "Mausi" oder "Frauke" noch immer erhältlich.

Längst vom Markt genommen wurden dagegen die schweißtreibenden Hemden aus Nyltest - von Bekleidungsexperten als "hautsensorische Panne" bezeichnet. Die Umweltbewegung der 70er und 80er hat ihr übriges getan, die Tragegewohnheiten der Deutschen zu verändern. Kritiker der Konsumgesellschaft machten Kunststoffe als Symbol schädlichen Massenverbrauchs aus. "Jute statt Plastik" galt fortan auch für die Mode: Der selbstgestrickte Norwegerpulli verdrängte den als knitter- und problemfrei gepriesenen Nylonfummel. Frauenrechtlerinnen stiegen lieber in die legendäre lila Latzhose als in die körpernahe Damenkonfektion.

Jede Länge möglich: Das Schlauchkleid
WOLFORD

Jede Länge möglich: Das Schlauchkleid

Doch mittlerweile ist die Zeit längst wieder reif für Kleidung aus Chemiefasern: Das Musical "Grease" läßt die Welt der Fifties Revue passieren, bringt Pferdeschwanz, Hula-Hoop und Babydolls auf die Bühne. Auch das Revival der 70er Jahre hat die Synthetik zurück in die Auslagen der Warenhäuser geholt. Was noch vor wenigen Jahren als Inbegriff der Billigkeit galt, hat die Tanzflächen der Diskotheken längst erobert: glänzendes Nylon und Acryl in knalligen Farben. Schlichter, aber umso variabler präsentierte Philippe Starck 1998 sein Schlauchkleid - es ist Strumpfhose, Rock und Kleid in einem. Die amerikanischen Nylon-Hersteller hatten wohl Recht, als sie vor sechzig Jahren ein Produkt "for the World of Tomorrow" ankündigten.



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